Am Schmelzofen reicht die Skala nicht

Derenburg l Die Hitze hat Besuchern und Mitarbeitern in der Glasmanufaktur „Harzkristall“ in Derenburg einiges abverlangt. 30 Grad Celsius und mehr brachten sie dort ordentlich ins Schwitzen. Zumal nicht nur die Sonne dafür sorgte, dass sich der große Verkaufsraum aufheizte, sondern zusätzlich die Gasbrenner der Glasbläser, die vor den Augen der Gäste kunstvolle Figuren und Glaskugeln herstellen. Doch es geht noch wärmer!

Wenn Glaskünstler Frank Schmidt die Tür zum Schmelzofen aufschiebt, strömt ihm ein heftiger Hitzestrahl entgegen. Kein Wunder: Die Glasmasse benötigt eine Temperatur von 1200 Grad, um die nötige Konsistenz zu erhalten, um sie an der sogenannten Glaspfeife bearbeiten zu können und in die gewünschte Form zu bringen. Selbst bei geschlossenem Ofen steigt die Quecksilbersäule des mitgebrachten Thermometers schnell auf 50 Grad Celsius. Mehr geht nicht! Die Skala endet bei diesem Wert...

Doch wie geht ein Glasbläser mit diesen extremen Temperaturen um? „Das ist eigentlich reine Kopfsache“, beschreibt Ferdinand Benesch, Marketingchef der Derenburger Glasmanufaktur, die Taktik seiner Kollegen am Ofen. „Sie denken dann an Eis, das den Nacken herunterläuft, ans Eis essen, an ein kühles Getränk oder dass sie in einer kühlen Höhle sind“, so der Trick. Allerdings ist die Hitze allein nicht unbedingt das Schweißtreibendste an diesem Job: „An der drei bis vier Kilo schweren Glasmacherpfeife hängen auch noch ein paar Kilo Glas dran“, erläutert er. Angefangen mit einer kleiner Fackel mit etwa anderthalb Kilo bis hin zum Material für eine große Vase, das dann schon mal bis 20 Kilogramm auf die Waage bringt. „Und das muss mit dem zwei Meter langen Hebel immer gleichmäßig bewegt werden. Das ist körperlich schon sehr anstrengend“, so Ferdinand Benesch. Deshalb steht für die Kollegen auch immer Mineralwasser bereit – übrigens ganz lokalpatriotisch aus dem benachbarten Blankenburg.

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Mit Mantel und Mütze im Kühlhaus

Wernigerode l Wintermantel, Weste und Kapuzenjacke, dazu Handschuhe, Stiefel und Mütze: Lothar Bruder dürfte derzeit einer von wenigen Harzern sein, der in dieser Aufmachung zur Arbeit geht. Er ist beim Großhandelsmarkt des Edeka Foodservice (ehemals Mios) an der Halberstädter Straße in Wernigerode angestellt. Sein Arbeitsplatz: das Kühlhaus, in dem Obst, Gemüse, Brötchen, Eis und andere tiefgekühlte Lebensmittel lagern.

Lothar Bruder räumt ein und aus, sorgt dafür, dass der Warenbestand stimmt. Dabei zeigt das Thermometer beständig 22 bis 23 Grad Celsius – minus, wohlgemerkt. Für Bruder ist das kein Problem: „Man gewöhnt sich daran.“ Seit 15 Jahren arbeitet der Wernigeröder in dem Markt, zehn Jahre davon im Kühlhaus. Die Arbeit mache ihm Spaß. „Die ersten paar Tage habe ich aber schon gedacht: Willst du das wirklich?“, erinnert er sich.

Doch der Umgang mit der Kälte sei vor allem Kopfsache, hat er mittlerweile herausgefunden. „Man muss sich sagen: Ich will nicht frieren. Dann funktioniert das auch.“ Und spätestens nach einer halben Stunde am Stück verlässt er das Kühlhaus wieder. Zuvor war Bruder übrigens im Heizungs- und Sanitärgroßhandel: „Was für einen Wandel man erleben kann!“

Mitunter werde er um seinen Arbeitsplatz beneidet – zuletzt am Imbisstand. Der Verkäufer stöhnte über die Hitze des Hähnchengrills und wollte wissen, wo Lothar Bruder arbeite. „Wollen wir nicht tauschen?“, war die spontane Reaktion. Doch das will der Wernigeröder, der sein Alter nicht verrät und immer einen lockeren Spruch parat hat, auf keinen Fall. Nicht nur, weil ihm im Zweifel einige Grad weniger angenehmer sind – sondern weil das Klima im Betrieb auch abseits der Temperaturskala stimme.

Heiße Eisen im Feuer

Wernigerode l Wenn Wolf-Dieter Wittig die kleinen Steinkohlebrocken auf seinem großen Schmiedeherd in der ehemaligen Güterhalle der Deutschen Reichsbahn an der Wernigeröder Feldstraße anfeuert, kann es schon mal ordentlich warm werden. Denn das Eisen, das der Schmied dort zu kunstvollen Toren, Zäunen, Feuerkörben und anderen Gegenständen bearbeitet, muss auf 1200 Grad Celsius erhitzt werden. „In der Flamme selbst herrschen rund 1600 Grad“, weiß der Metallgestalter, der sich mit den Jahren an die Strahlungswärme gewöhnt hat.

Selbst an extremen Hitzetagen wie jüngst sei das Arbeiten noch erträglich: „Die dicken Wände hier halten einiges ab. Erst im Spätsommer, wenn sie sich komplett aufgeheizt haben, kann es ganz schön schweißtreibend werden“, erzählt Wolf-Dieter Wittig. Dabei sei das eigentliche Schmieden immer noch erträglich, könne doch dabei bis auf Sicherheitsschuhe und eine Arbeitshose relativ luftige Kleidung getragen werden. Anders sehe es beim Schweißen aus: Dann müsse selbst im Hochsommer dicke Schutzkleidung angelegt und sogar ein Helm aufgesetzt werden.

Um sich gegen die Hitze zu wappnen, sei viel Trinken am wichtigsten, so Wolf-Dieter Wittig. Reines Wasser laufe allerdings „nur so durch“, wie er sagt. Deshalb habe er für sich Wasser mit Geschmack entdeckt, speziell Sprudel mit Zitrone und – natürlich – aus Blankenburg. „Der Körper braucht die Mineralien, sonst wird er zu schnell müde“, erklärt der Schmied, der aber auch ein anderes Getränk durchaus empfehlen kann: „Viel Kaffee!“

Traumjob im Rübeländer Höhle

Rübeland l Bizarre Tropfsteinformationen, spektakuläre Ausblicke im Inneren der Erde: Die Hermannshöhle in Rübeland ist eine Attraktion, für die Besucher lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Noch etwas erwartet sie dort: angenehme Kühle. Im Berg herrschen, ob Sommer oder Winter, konstant acht Grad Celsius. „Das genieße ich gerade sehr, ebenso wie viele Besucher“, sagt Ilonka Busse. Die 59-Jährige aus Hüttenrode arbeitet seit 2013 als Höhlenführerin in Rübeland – anfangs nur in der Saison, seit zwei Jahren ist sie durchgängig dort beschäftigt.

Die niedrige Temperatur sei dabei kein Problem für sie – im Gegenteil: „Es ist super hier, der beste Arbeitsplatz überhaupt“, sagt die Harzerin. An 90 Prozent Luftfeuchtigkeit müsse man sich zwar gewöhnen, da beschlage so manches Brillenglas. Doch das sei ihr lieber, als in der Sonne zu schwitzen. Der derzeitigen Hitze könne sie nichts abgewinnen: „Ab 24 Grad hört für mich der Sommer auf.“

Viele Besucher fragten, wie sie und ihre Kollegen den Arbeitstag in der Hermannshöhle überstehen. Ohne Probleme, antwortet darauf Ilonka Busse. „Wenn man sich der Temperatur entsprechend anzieht, ist das kein Problem.“ In Windjacke, festen Schuhen und warmer Hose lasse es sich auch acht Stunden am Stück locker aushalten – zumal alle eineinhalb Stunden Pausen vorgesehen sind, um sich die Beine zu vertreten und dann den Standort zu wechseln. „Das ist ebenfalls sehr angenehm.“

Denn derzeit gibt es wegen der Corona-Pandemie keine Führungen. Die Besucher – viele von ihnen aktuell in kurzen Hosen – erkunden auf eigene Faust den Berg. Die Mitarbeiter stellen sich an verschiedenen Punkten im Rundgang auf, um zu kontrollieren, ob die Besucher die vorgeschriebenen Abstände zueinander einhalten und ob sie tatsächlich nur an den offiziellen Fotopunkten die Kameras zücken. Dass manche die Regeln vergessen, habe sicherlich auch mit der Faszination des Ortes zu tun. „Die Höhlen begeistern einfach“, so Ilonka Busse.