Darlingerode l Wie Zufälle neue Lebensläufe schreiben können, davon kann Holger Stahlknecht eine ganze Menge erzählen. Denn dass der gebürtige Hannoveraner sich einmal im ostdeutschen Bördedorf Wellen niederlassen oder gar in Sachsen-Anhalt Politik machen würde, damit habe er vor dem Mauerfall nie gerechnet: „Ich hatte ganz andere berufliche Vorstellungen. Ich wollte immer Anwalt werden und habe schon als Student in einer Anwaltskanzlei gearbeitet.“ Nach dem zweiten Staatsexamen sollte er sogar als Partner in die Kanzlei einsteigen. „Aber dann hat der Seniorpartner mit Mitte 40 auf einer Reise nach Afrika einen schweren Schlaganfall erlitten, sodass er berufsunfähig wurde. Und dann flog diese Kanzlei auseinander. Damit war meine Planung weg“, resümiert er.

Stahlknecht plante um, wollte sein Glück im Staatsdienst versuchen und bewarb sich in Niedersachsen, Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. „In Sachsen-Anhalt waren sie einfach am schnellsten. Ich hatte hier das erste Vorstellungsgespräch – das war am Geburtstag meiner Mutter, dem 29. Mai 1995“, weiß er noch heute wie aus dem Effeff. Die Zusage sei noch am selben Tag gekommen. Der studierterJurist baute in Magdeburg die Staatsanwaltschaft im Bereich Wirtschaftskriminalität mit auf.

Wiederum die Umstände waren es, die ihn und seine heutige Frau samt Hund und Klavier ins 1280-Seelendorf Wellen in der Börde verschlugen. „Wir wollten keine Wohnung. Erstens hatten wir einen Hund. Zweitens wollte ich – wenn ich Lust dazu habe – um 23 Uhr auch mal Chopin oder Jazz spielen, ohne dass da einer mit dem Besenstiel an die Wände hämmert. Aber 1995 ein Haus in Magdeburg zu mieten, das ging einfach nicht“, blickt Stahlknecht zurück. Ein Reihenhaus in Gerwisch war auch keine Option, lediglich in Wellen fand das Paar ein zu vermietendes freistehendes Haus.

Eierkartons als Dankeschön für Rechtshilfe

Die neuen Nachbarn blieben nicht lange unbemerkt. „Die Menschen im Dorf bekamen schnell mit, dass ich Staatsanwalt war, und haben mich manchmal nach Rechtsdingen gefragt. Dann habe ich geholfen und wir hatten am nächsten Tag als Dankeschön einen Karton Eier vor der Tür stehen oder einen Blumenstrauß“, beschreibt er die herzliche Mentalität. Dass er aus dem Westen kam, sei nie negativ aufgenommen worden.

„Ich habe viel mit den Leuten geredet, ich war ja auch neugierig, wie deren Leben war. Und ich muss sagen, dass wir von den Menschen super herzlich behandelt und aufgenommen wurden. Ich habe dieses Ost-West-Denken nie gepflegt, weil für mich der Mensch zählt, völlig egal, woher er kommt. Und ich habe es, genau wie meine Frau, niemals persönlich im Alltag erlebt.“

Plötzlich Thema wurde seine Herkunft erst, als er, wiederum durch einen Zufall, in die Politik geraten sei. Erst als parteiloser Bürgermeister im Heimatdorf Wellen, später als CDU-Politiker auf Kreis- und Landesebene. „Als es damals um gewisse Positionen ging, kam die Frage auf, ob das unbedingt einer sein muss, der hier zugezogen und ein typischer Wessi ist. Auf einmal war das eine Argumentation, um vielleicht auch jemanden in seiner Karriere zu bremsen“, kritisiert Stahlknecht rückblickend. Heute spiele das keine Rolle mehr.

Großvater aus Oschersleben, Vater aus Leipzig

Dabei hat der Politiker persönlich eine starke Verbindung zum östlichen Teil Deutschlands. Sein Großvater wuchs in Oschersleben auf, sein Vater verbrachte seine Kindheit in Leipzig, hat später in Leuna gearbeitet – bis er kurz vor dem Mauerbau geflohen ist, erzählt der heutige Innenminister. „Meinen Vater habe ich als äußerst disziplinierten Menschen erlebt – aber als die Mauer fiel, war es das einzige Mal, dass ich ihn habe weinen sehen“, erinnert sich Holger Stahlknecht an die emotionalen Ereignisse. Die neue Generation der Familie sei nun wieder im Osten verwurzelt. „Ich habe zwei Söhne – 17 und 20 –, die sind Ur-Magdeburger und fühlen sich auch als solche. Unser großer Sohn studiert in Leipzig. Damit ist die Familie wieder da angekommen, wo sie irgendwann mal herkam.“

Und genau für diese nachwachsende Generation, für die die Teilung keine Rolle mehr spiele, müsse man noch mehr Perspektiven schaffen und nach vorne schauen. Diskussionen über das, was man nach der Wende hätte alles anders und besser machen können, seien wichtig, aber nicht zielführend. „Wir brauchen etwas Positives, wir müssen die Menschen begeistern“, betont er. „Und wir müssen denen, die dieses Land bis jetzt gestaltet haben, Danke sagen.“