Schiere l Das einst so prächtige Hotel „Heinrich Heine“ ist bald Geschichte. Die frühere Schierker Nobelherberge wird abgerissen, um Platz für ein Feriendorf auf dem 25 000 Quadratmeter großen Gelände zu schaffen. Für Gesprächsstoff sorgen derzeit einige Wandgemälde, deren Tage ebenfalls gezählt sind. Sie befinden sich im Dachsbau, dem beliebten Tanzrestaurant des „Heines“.

In Schierke hält sich seit Jahren das Gerücht, dass die Bilder von dem bedeutenden Künstler Bert Heller stammen. Heller lebte von 1946 bis 1950 in Wernigerode, lehrte dort als Dozent an der Kunstschule und wirkte in der Stadt und darüber hinaus – beispielsweise auf dem Brocken. 1950 verließ er den Harz in Richtung Berlin.

Baudezernent erkennt einen Heller

Wernigerodes Baudezernent Burkhard Rudo hat die Bilder in der Hotelruine inspiziert. „Gleich 2013, nachdem die Stadt das Hotel samt Gelände ersteigert hatte.“ Ihm sei sofort klar gewesen, dass die Wandbemalung nicht von Heller stammen kann, so Rudo. Er schätze die Arbeit Bert Hellers, nenne Literatur über den Künstler und einige Reproduktionen sein eigen. „Die Malstile unterscheiden sich elementar.“ Auch die Signatur der Bilder gibt Aufschluss. In Schierke heißt es, die Gemälde im Dachsbau seien mit B.H. unterzeichnet. „Bert Heller hat seine Bilder niemals so signiert, sondern immer mit vollem Namen unterschrieben“, weiß der Baudezernent.

Bilder

Doch wer hat die Bilder gemalt? Hans-Jörg Sauerzapfe kann Licht ins Dunkel bringen. Er arbeitete ab 1963 im „Heine“, leitete das Hotel von 1979 bis 1990. Seit Jahren wundert er sich über das hartnäckige Heller-Gerücht. „Mein Vorgänger – Erwin Heidbrink – ließ Ende der 1950er Jahre den ehemaligen Kartoffelkeller des Hotels in eine Bar umbauen.“ Eingerichtet wurde der Raum im Stil der Zeit mit den damals angesagten Nierentischen und Peitschenlampen. Zeitgleich sei der Dachsbau umgestaltet worden. „Geld war damals kein Thema“, sagt Sauerzapfe. So wurde ein Team von Dekorationsmalern der Dewag beauftragt, Impressionen aus Heines Harzreise auf den Wänden des Tanzrestaurants zu verewigen. „Dewag 1958“ sei sogar auf einer der Wände eingraviert gewesen, erinnert sich der ehemalige Hoteldirektor. Die Dewag – die Deutsche Werbe- und Anzeigengesellschaft – war ein organisationseigener Betrieb der SED mit mehreren Bezirksstellen, die über das Staatsgebiet verteilt waren.

Entwürfe im Malzirkel gezeigt

Ein weiteres Puzzleteil im Rätsel um die Bilder kann ein Magdeburger Hobbymaler liefern. „Als Jugendlicher habe ich Ende der 1950er Jahre einen Malzirkel in Burg besucht“, so der Rentner am Volksstimme-Telefon. „Wir waren Laien, hatten Freude am Malen.“ Bei den Treffen sei von Zeit zu Zeit ein Künstler dabei gewesen. „Er arbeitete als Dekorateur in Burg und Madgeburg. Ich weiß noch, dass er uns einmal von einem Projekt erzählt hat: Wandmalereien in einem großen Schierker Hotel.“ Der Künstler habe in der Runde sogar seine Entwürfe präsentiert – Heines Harzreise. Jahre später sei er selbst in Schierke gewesen, habe das „Heine“ und den Dachsbau besucht, berichtet der Magdeburger. „Da habe ich die Bilder wiedererkannt.“ Ob der Maler noch lebt, wisse er nicht. „Das ist jetzt über 50 Jahre her.“ Aber an den Namen des Künstlers könne er sich dunkel erinnern: Hartmann oder Hahmann sei es gewesen.

„Unseren Gästen haben die Wandbilder damals gefallen“, sagt Hans-Jörg Sauerzapfe. Besonders wertvoll seien sie jedoch nicht gewesen. „Welcher große Künstler malt seine Bilder schon auf Putz?“ In dem Haus hätten sich viel hochkarätigere Kunstwerke befunden, wie beispielsweise die großformatigen Zeichnungen in der Hotelhalle, die wirklich von Bert Heller stammten, die kostbaren Wandbehänge aus Leinen mit Kosakentanz-Motiven in der Bar, die Heinrich-Heine-Büste oder die imposanten Gemälde eines Leipziger Künstlers in der Empfangshalle. „Wo sind sie geblieben? Davon spricht kein Mensch mehr.“ Deshalb wundere ihn das Interesse an den Wandbildern im Dachsbau, so Sauerzapfe. Schon zu der Zeit, in der Besucher im „Heine“ noch ein und aus gingen, habe der Zahn der Zeit an den Bildern genagt. „Der Putz löste sich, es entstanden Hohlräume dahinter“, so Sauerzapfe. „Wir haben immer Angst gehabt, dass irgendwer vor die Wand haut und der Putz herunterbröckelt.“

Keine Chance auf Rettung der Wandbilder

In wenigen Wochen werden die Wandbilder im Dachsbau - wie auch der Rest der Hotelruine – in Schutt und Asche liegen. Baudezernent Rudo sieht keine Chance für eine Rettung der Werke. „Der gesamte Dachsbau ist schwer geschädigt.“ Natürlich sei es möglich, Putz von einer Wand zu lösen und zu verfestigen – aber nur unter großem Aufwand.“ Pilze und Fäulnis hätten dem Mauerwerk stark zugesetzt. Dazu komme, dass man den Raum nur noch unter Lebensgefahr betreten könne.

Doch die Erinnerung an das legendäre Hotel „Heinrich Heine“ soll nicht gänzlich verblassen. Die Investoren der Ferienhaussiedlung haben zugesagt, Reproduktionen der Wandbilder und andere Erinnerungsstücke auf dem Gelände ausstellen zu wollen. Für die Schierker, die noch immer an ihrem „Heine“ hängen, ein kleiner Trost.