Wernigerode l Den Safe mit dem grauen Türchen hat André Sonsalla in der Badezimmerwand gelassen – neben Spiegel, Ablage und Waschbecken. „Früher hatte die Leiterin der Musikschule hier ihr Büro“, sagt der Wernigeröder – heute befindet sich dort ein modernes Badezimmer mit blinkenden Armaturen und bodengleicher Dusche. Sonsalla hat das historische Gebäude an der Friedrichstraße gekauft und baut es seit mehreren Jahren zum Wohnhaus um – eine erste Wohnung ist fertiggestellt, weitere drei sollen folgen.

Der 39-Jährige ist gelernter Koch und hat in seinem Leben schon viele unterschiedliche Berufe ausgeübt. Dass er Eigentümer einer so ungewöhnlichen Immobilie werden würde, hätte er sich lange nicht träumen lassen. Zu verdanken hat er dies seiner Großmutter Gisela. Sie begleitete ihn vor acht Jahren zur Auktion in Leipzig, bei der das Objekt unter den Hammer kam. „Auch als unser Limit eigentlich schon erreicht war, bot sie weiter mit und erhielt schließlich den Zuschlag“, erinnert sich André Sonsalla, der daraufhin alle Hebel in Bewegung setzen musste, um den Kaufpreis aufzubringen.

In der Familie stieß er mit seiner Neuerwerbung auf geteilte Meinungen. „Mein Vater hat mich für verrückt erklärt“, sagt der 39-Jährige mit einem Lachen. Das hielt Norbert Sonsalla aber nicht davon ab, seinen Sohn tatkräftig zu unterstützen – als Bauingenieur und ehemaliger Mitarbeiter des Bauamts kennt er sich mit den Fallstricken der Bauplanung und den nötigen Formalitäten aus. Zwar sei das Gebäude nach jahrelangem Leerstand nicht in gutem Zustand gewesen, doch die Sanierung lohne sich – „so, wie sich der Immobilienmarkt entwickelt hat“, sagt der Senior. Die Nachfrage nach Wohnraum ist groß, weiß André Sonsalla, der laufend Anfragen bekommt. „Der Markt in Wernigerode brennt“, sagt er.

Bilder

Wohnen im alten Übungsraum

Dennoch hat der Hausbesitzer, der hauptberuflich in der Konditorei Wiecker arbeitet, einige Jahre Anlauf gebraucht, bevor die Sanierung richtig ins Rollen kam. Den Ausschlag gab seine Schwester, die vor zwei Jahren in den Harz zurückkehren wollte und eine Bleibe suchte. Binnen drei Monaten haben er und die anderen Familienmitglieder für sie die erste Wohnung fertiggestellt. „Meine Schwester hat hier tatsächlich früher Unterricht gehabt. Sie wohnt jetzt in ihren alten Übungsräumen“, berichtet Sonsalla. Viele ehemalige Schüler interessieren sich für das Gebäude, in dem sie jahrelang ein- und ausgingen und ein Instrument erlernten.

Großes Interesse erregt der frühere Musikschulsaal – doch was aus dem 125 Quadratmeter großen und 4,80 Meter hohen Raum werden soll, weiß Sonsalla noch nicht. Auch dazu hat er viele Anfragen potenzieller Mietinteressenten erhalten, von einer Tanzschule über Puppentheater bis hin zum Indoor-Spielplatz reichten die Vorschläge. Überzeugt hat ihn bisher noch niemand. „Da suche ich noch das Perfekte.“

Momentan dient der Saal ohnehin als Werkstatt. „Das ist sehr hilfreich“, so der gebürtige Wernigeröder. Lange Bretter lagern auf Holzböcken und warten darauf, zersägt zu werden, weiteres Material lagert im Saal und in den Fluren. Den Ausbau erledigt André Sonsalla weitgehend selbst – mit tatkräftiger Hilfe seiner Familie, unter anderem von seinem Onkel Eberhard Mehle. „Ohne die Familie wäre das alles gar nicht möglich“, betont André Sonsalla.

Erst verbaut, dann entkernt

Derzeit bauen die beiden die ehemalige Hausmeisterwohnung aus. „Die Räume waren total verbaut. Wir haben sie komplett entkernt“, berichtet der Eigentümer. Mit alten Balken und einer original erhaltenen Wendeltreppe soll das historische Flair erhalten bleiben. Zwei weitere Wohnungen entstehen in ehemaligen Unterrichtsräumen, eine davon soll barrierefrei ausgebaut werden.

Im Jahr 1748 wurde das Gebäude an der Friedrichstraße 1a errichtet. Sein Kern ist die gräfliche Malzmühle, die bereits seit 14. Jahrhundert an dieser Stelle nachweisbar sei, teilt Rathaussprecher Tobias Kascha auf Volksstimme-Nachfrage mit. Gespeist wurde die Wassermühle vom Stillen Wasser, die anliegende Straße An der Malzmühle wurde nach ihr benannt. Zeitweilig war dort eine Reifen- und Vulkanisierwerkstatt untergebracht. Zu DDR-Zeiten erfolgte der Um- und Erweiterungsbau zur Kreismusikschule. Über die Geschichte des Gebäudes würden die Eigentümer gern mehr in Erfahrung bringen, sagt André Sonsalla. „Wir haben zum Beispiel kein Fotos oder Bilder des alten Mühlenrads.“