Hasselfelde l „Muss es hier erst einen Toten geben, bevor etwas passiert?“ Das fragen sich die Bewohner der Straße Am Küsterberg am südlichen Stadtrand von Hasselfelde. Auf dem Weg zur Arbeit und zum Einkauf rumpeln sie tagtäglich über die Gleise der Selketalbahn – aus ihrer Sicht lebensgefährlich.

An den zwei holprigen Übergängen vor ihren Haustüren gibt es kein Warnsignal am Andreaskreuz, geschweige denn Schranken. Lediglich Spiegel zeigen das Geschehen auf den Schienen. „Von der Straße ist aus dem Auto durch eine Kurve der Bahnstrecke, eine Mauer, den Hang und Gebüsch kaum einsehbar, ob ein Zug herannaht“, erläutert Isabel Gaevert.

Fünf Unfälle

Fünf Unfälle habe es an den beiden neuralgischen Punkten gegeben, ergänzt ihr Mann Thomas Gaevert. Sein Vater Horst befand sich 2015 auf dem Rückweg aus der Stadt, als der Spätzug heranrauschte. „Er hat nicht gehupt, der Triebwagen erwischte meinen VW Polo“, erinnert sich der Hasselfelder. Er selbst habe die Kollision zum Glück unbeschadet überstanden.

Bilder

„Wenn wir aus dem Fenster schauen, sehen wir fast täglich brenzlige Situationen“, ergänzt Familie Werner. Viele Kinder und jugendliche Fahrradfahrer nutzten den Feldweg, um schnell aus der Stadt zum Waldseebad im Ortsteil Rotacker zu gelangen. „Ich habe einen zweijährigen Sohn – ohne eine Absperrung zu den Gleisen mache ich mir Sorgen um seine Sicherheit“, pflichtet ihnen Benedikt Müller, ebenfalls ein Bewohner des Küsterbergs, bei.

Hilft Warnleuchte am Andreaskreuz?

Deshalb fordern die Anwohner seit Jahren: Wenigstens rote Lampen an den Andreaskreuzen, die bei herannahenden Zügen leuchten, müssen her. Das Anliegen sei den Harzer Schmalspurbahnen (HSB) bekannt, antwortet Heide Baumgärtner auf Volksstimme-Anfrage. Die Sprecherin des Bahn-Unternehmens macht den Hasselfeldern wenig Hoffnung: „Beide Übergänge sind aus Sicht der Eisenbahn hinreichend sicher.“ Lichtsignale an den Kreuzen zu installieren, bedeutete eine sogenannte technische Sicherung.

Kostenpunkt: Pro Querung mindestens 750 000 Euro, je nach örtlichen Gegebenheiten auch mehr. Nach dem Eisenbahnkreuzungsgesetz müssten dieser Betrag gedrittelt werden. „Da es sich bei den beiden genannten Bahnübergängen in Hasselfelde um eine Ortsstraße handelt, würde hier neben HSB und dem Land Sachsen-Anhalt auch ein Drittel die Stadt Oberharz am Brocken zahlen müssen.“

Keine Priorität

Das Transport-Unternehmen verfügt auf seinem mehr als 140 Kilometer langen Streckennetz der Harzquer-, Selketal- und Brockenbahn über insgesamt 202 Bahnübergänge. Davon seien 41 technisch gesichert. Die beiden „Am Küsterberg“ und „Kirschenberg“ „stehen nicht in der aktuellen Prioritätenliste “ für technische Sicherungen, so Baumgärtner.

An den Schienen der HSB gebe es Bahnübergänge mit einem wesentlich höheren Verkehrsaufkommen. Für einige davon seien Planungen und weitere rechtlich notwendige Verfahren zur Sicherung bereits in Gang gesetzt worden – etwa am Bahnhof im Quedlinburger Ortsteil Gernrode oder in Drei Annen Hohne an der Elbingeröder Straße.

Komplette Schließung als einzige Alternative

Gibt es also keine Alternative für die Hasselfelder? Derzeit höchstens „ ein Auflassen der Bahnübergänge, also eine generelle Schließung“ , erläutert die HSB-Sprecherin. Sie verweist darauf, dass das richtige Verhalten an solchen Querungen in der Straßenverkehrsordnung geregelt ist.

„Um auch schon die Kleinsten an dieses richtige Verhalten an Bahnübergängen und Gleisanlagen heranzuführen, das Bewusstsein zu schärfen, um so Unfälle zu vermeiden, unterstützt die HSB die Aktion ‚Sicher drüber‘“, informiert Heide Baumgärtner weiter. Das Unternehmen arbeite mit Schulen und Kindergärten entlang seines Streckennetzes zusammen, um Kindern in der Harzregion das nötige Wissen anhand praktischer Beispiele zu vermitteln. Kommentar