Hochwassergefahr

Keine neuen Häuser auf Stapelburger Eckerwiesen

Auf den Stapelburger Eckerwiesen sollen keine weiteren Häuser gebaut werden. Einwohner haben der Nordharzer Gemeindeverwaltung Alternativvorschläge unterbreitet.

Von Jörg Niemann
Solveig Strzelecki, Karsten Kuffel und Manuela Grabbel (von links) auf der Eckerwiese, die bei einem Investor auf Interesse für eine Bebauung gestoßen ist.
Solveig Strzelecki, Karsten Kuffel und Manuela Grabbel (von links) auf der Eckerwiese, die bei einem Investor auf Interesse für eine Bebauung gestoßen ist. Foto: Jörg Niemann

Stapelburg - Des Öfteren tun Menschen öffentlich ihren Unmut über Politik und Verwaltung kund. Seltener ist es dagegen, dass sich Bürger öffentlich für die Arbeit der Kommunalpolitiker und der Verwaltung bedanken. Letzteres taten Vertreter der Stapelburger Bürgerschaft, die sich bei Nordharz-Bürgermeister Gerald Fröhlich und Vertretern des Gemeinderates ausdrücklich für eine sehr bürgernahe Politik bedanken wollten.

Vorausgegangen war mehr oder minder ein Missverständnis. Zunächst hatte ein Stapelburger Geschäftsmann im Internet eine Anzeige geschaltet, mit der er nach Interessenten suchte, die im Bereich der Stapelburger Eckerwiesen Grundstücke erwerben und Eigenheime bauen möchten. Für den Unternehmer war es eine reine Marktsondierung, mit der er ein mögliches Investment ausloten wollte.

Anzeige eines Maklers sorgte für Aufsehen

Die Anzeige wurde auch im Ort gelesen – und zunächst heftig diskutiert. Sogar eine Petition gegen das Vorhaben wurde ins Leben gerufen. Und der Volkswille wollte, dass über dieses Thema in der folgenden Ortschaftsratssitzung diskutiert werden sollte. Für Irritationen mag dabei auch gesorgt haben, dass laut Tagesordnung eine Diskussion zu einem Bauvorhaben geplant war – allerdings zu einem anderen Projekt. Das Thema Eckerwiesen war nicht vorgesehen, denn es gab weder eine Bauvoranfrage noch einen Antrag auf mögliche Investitionen in diesem Bereich.

Möglich wäre es gewesen, das Thema Eckerwiesen in der Einwohnerfragestunde anzusprechen. Doch so weit kam es erst gar nicht. Der Grund dafür waren die Corona-Schutzvorschriften.

Da Ortsbürgermeister Detlef Winterfeld von eher geringer Bürgerbeteiligung ausging, hatte er den Schulungsraum der Ortsfeuerwehr als Tagungsstätte ausgewählt. Dann aber wollten in etwa so viele Bürger wie Abgeordnete und Verwaltungsmitarbeiter die Sitzung besuchen – und das hätte gegen die Corona-Regeln verstoßen. Am Ende einigte man sich, die Sitzung eine Woche später im weitaus größeren Schützenhaus zu veranstalten. Gerald Fröhlich bot den Bürgern zudem an, außerhalb der Ratssitzung in einem Gespräch die Rechtslage zu erläutern. Genau dieses Gespräch fand nun statt.

Ziel: Änderung des Flächennutzungsplans

„Es war für uns alle ein sehr wichtiges Gespräch, denn es wurden uns die gesetzlichen Dinge rund um ein Bauvorhaben erläutert. Noch viel wichtiger war uns aber, dass sich sowohl Bürgermeister Fröhlich als auch eine Vielzahl von Mitgliedern des Gemeinderates die Zeit genommen haben, unseren Sorgen zuzuhören. Dadurch fühlen wir uns ernst genommen“, resümiert Solveig Strzelecki, die gemeinsam mit ihren Nachbarn Manuela Grabbel und Karsten Kuffel zum Pressegespräch eingeladen hatte.

Die Bürger wollten nicht nur ihre Bedenken zu einer möglichen Investition auf den Eckerwiesen darlegen, sie hatten sogar eine Menge Arbeit investiert und eine umfangreiche Dokumentation zur Hochwassergefahr auf dem vermeintlichen Investitionsgrundstück vorgelegt. Diese Dokumentation mit ihren Denkanstößen sei auch in dem Gespräch dem Bürgermeister und den Ratsmitgliedern vorgelegt worden.

Die diskutierte Fläche ist im Flächennutzungsplan der Gemeinde als mögliches Baugebiet ausgewiesen. Das hatte vor Jahrzehnten der Rat der damals noch selbstständigen Gemeinde Stapelburg beschlossen. Die Details wurden dann von der vereinten Einheitsgemeinde Nordharz in den gerade fertiggestellten Flächennutzungsplan übernommen.

Als das Gebiet in den 1990-er Jahren zum Baugebiet erklärt worden sei, habe niemand an heftige Niederschläge und sich entladende Gewitterzellen gedacht, so Karsten Kuffel. „Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass in den vergangenen Jahren die Grundstücke des bereits bebauten Teils der Eckerwiesen unter Wasser standen. Die Wiese ist nämlich eine sogenannte Quellwiese mit sehr hohem Grundwasserspiegel“, erläuterte der Stapelburger, der die Dokumentation erarbeitet hatte und zahlreiches Bildmaterial von den Überschwemmungen beifügte. Karsten Kuffel zählte selbst zu den Hochwasser-Betroffenen der vergangenen Jahre.

Warnen, nicht verhindern

„Wir jetzigen Eckerwiesen-Bewohner haben uns schon selbst beholfen und zusätzliche Sperren an den Rändern unserer Grundstücke gebaut. Denn das nächste Hochwasser wird bestimmt kommen“, ergänzt Manuela Grabbel.

Die Kritik übenden Bürgen wollen sich zwar als Warner, nicht aber als Verhinderer von neuen Investitionen in ihrem Heimatort sehen. „Wir sind nicht gegen neue Mitbürger, wir warnen nur vor dem Bauen auf eben dieser Wiese. Wir haben der Verwaltung auch andere Vorschläge zu Flächen unterbreitet, die nicht gleich vom Hochwasser gefährdet sind und als Ersatz für die Wiese genutzt werden könnten“, sagt Karsten Kuffel.

Die Stapelburger wollen nun eine neue Initiative starten, um den aktuell geltenden Flächennutzungsplan der Gemeinde ändern zu können. Ihr Ziel ist es, die Eckerwiesen nicht mehr als Baugebiet auszuweisen, sondern dafür eine andere Fläche am Ortsrand bereitzuhalten. Einen entsprechenden Antrag wollen sie dann über den Ortschaftsrat oder die Verwaltung in den Gemeinderat einbringen. Ist dies gelungen, müssen Mehrheiten erstritten werden, um den Plan letztlich zu ändern.

Bürgermeister lobt den Dialog mit den Bürgern

Übrigens: Ebenso positiv vom Ergebnis der außerparlamentarischen Gesprächsrunde mit den Bürgern war auch Bürgermeister und Verwaltungsleiter Gerald Fröhlich überrascht. „Wir haben in einem fairen, konstruktiven und von gegenseitiger Achtung geprägten Dialog die Thematik erörtert, Kritiken gehört und Vorschläge zur Kenntnis genommen. Ich bin gespannt, in welche Richtung sich das Thema entwickelt“, sagte Fröhlich, der offiziell immer noch keinen entsprechenden Bauantrag auf dem Tisch hat.

Dennoch will er sich weiter des Themas annehmen und sich für den Schutz der bestehenden Häuser vor Hochwasser in den Eckerwiesen einsetzen.