Umwelt

Krötenzählung in verlassener Nesseltal-Gartenanlage in Wernigerode

Von Ivonne Sielaff

Wernigerode. Wie viele Kröten, Lurche und Molche kreuchen und fleuchen in den ehemaligen Kleingartenparzellen im Nesseltal? Woher kommen sie? Auf welchen Wegen gelangen sie zum Laichgewässer. Das will Wernigerodes Stadtverwaltung in den nächsten Wochen herausfinden.

Rund um die verlassene Gartenanlage in Hasserode sind deshalb Krötenzäune aufgestellt worden, informiert Stadtplaner Michael Zagrodnik auf Volksstimme-Nachfrage. „Ziel ist es, die Zahl und die Arten auf dem Gelände zu bestimmen“, so Zagrodnik. „Die Tiere werden eingesammelt, gezählt und an den Teich am Burghotel gebracht.“ Schon in den nächsten Tagen werde mit dem Beginn der Krötenwanderung gerechnet, so der Stadtplaner weiter, „wenn die Tag- und Nachttemperaturen wieder steigen“.

Jedes Jahr im Frühjahr zur Laich- und Paarungszeit machen sich zahlreiche Kröten und andere Amphibien aus der Gartenanlage und dem angrenzenden Wald auf den Weg zu ihren Laichgewässern – oftmals unter großer Gefahr, weil sie dabei Straßen überqueren müssen. Wie viele Tiere genau zwischen Nesseltal, Schmiedeberg und Im Langen Stieg unterwegs sind, soll nun die „Bestandsanalyse“ ans Licht bringen.

Platz für Wohnraum schaffen

Die Zählung ist Bestandteil einer artenschutzrechtlichen Überprüfung des Geländes, erklärt Michael Zagrodnik. Auf dem 4,5 Hektar großen brachliegenden Areal soll nach Wunsch der Stadtverwaltung Platz für Wohnraum geschaffen werden. Die artenschutzrechtliche Überprüfung diene der Vorbereitung der Bauleitplanung sowie der Festlegung von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen.

Die Stadt ist schon lange an einer Umnutzung der Gartenanlage interessiert. Grundlage für die Kündigung der Pachtverträge war das Auslaufen der sogenannten Schutzfrist für Kleingärten im Jahr 2015. Seither dürfen Gemeinden die Verträge mit den Pächtern kündigen, ohne dass besondere Gründe vorliegen. Vorher waren Pächter nach dem Schuldrechtsanpassungsgesetz vor einer Kündigung geschützt.

Den Gärtnern wurde eine fünfjährige Bestandsgarantie für ihr Gärten zugesichert. Wer seine Parzelle vorher aufgeben wollte, konnte dies tun. Gekündigte Gärten wurden nicht wieder verpachtet. Zum 31. Dezember 2020 hatten dann auch die letzten verbliebenen Kleingärtner ihre Parzellen verlassen.

Umweltschützer kritisieren „radikales Plattmachen“

Schon kurz darauf – im Januar – rückten Arbeiter mit schwerem Gerät an, um Gehölze, die nicht unter die Baumschutzsatzung fallen, zu kappen. Die Rodungs- und Fällarbeiten sorgten in der Nachbarschaft und unter Naturschützern für heftige Verärgerung. Als „radikales Plattmachen“ wurde die Aktion der Stadt kritisiert. Gesunde Bäume seien dem Raupenbagger zum Opfer gefallen, kritisierten die Naturfreunde aufgebracht. Tiere würden aus dem Winterschlaf gerissen, Nistplätze zunichte gemacht. Damit würden Fakten geschaffen – und das noch bevor der Stadtrat grünes Licht für einen überarbeiteten Flächennutzungsplan und damit für die Umnutzung des Geländes gegeben hätte. Der Tierbestand hätte vor dem Eingriff analysiert werden müssen, hieß es aus den Reihen der Kritiker.

Die Stadtverwaltung begründete die Eile bei den Fällarbeiten mit der im März beginnenden Vogelbrutzeit. Bis dahin müssten die Arbeiten abgeschlossen sein.

Das seien sie inzwischen auch, informiert Michael Zagrodnik. Als nächster Schritt sollen nun Gartenlauben und sonstige Bebauungen in der ehemaligen Gartenanlage abgerissen werden. Auch dafür habe es artenschutzrechtliche Untersuchungen gegeben. Unmittelbar nach Abschluss der Prüfung würden die Abrissarbeiten starten, so der Stadtplaner. „Dabei ist viel Handarbeit notwendig, um die einzelnen Bau- und Schadstoffe fachgerecht zu trennen.“