Wie Stammzelltypisierung und -spende abläuft

Nach dem Schleimhautabstrich werden die gewonnenen Gewebemerkmale im Labor grob ausgewertet. Wenn es dann die Vermutung gibt, dass die Gewebemerkmale zu einem Patienten passen könnten, wird eine Blutprobe entnommen, die das bestätigen soll. Zudem werden im Rahmen dieser Feintypisierung weitere Blutwerte vom potentiellen Spender erfasst. Stimmen die Gewerbemerkmale von Spender und Empfänger überein, folgen ärztliche Aufklärungsgespräche und intensive Gesundheitschecks. Letztlich gibt es zwei Möglichkeiten zu spenden:

Periphere Stammzellspende

In ungefähr 80 Prozent der Fälle werden die gesunden Stammzellen aus der Blutbahn des Spenders entnommen. Um die Anzahl der Zellen im Blut zu erhöhen, wird dem Spender fünf Tage vorab ein Medikament verabreicht. Bei der Einnahme entwickeln sich grippeähnliche Symptome. Die Spende an sich dauert zwischen vier und acht Stunden, an einem oder zwei Tagen. Über ein spezielles Verfahren werden die Stammzellen direkt aus der Blutbahn gefiltert.

Knochenmarkspende

Bei diesem Verfahren wird dem Spender mit Hilfe einer Punktionsnadel Knochenmark (kein Rückenmark) aus dem Beckenkamm entnommen. Das Ganze geschieht unter Vollnarkose. In der Regel werden zwei kleine Schnitte am hinteren Beckenkamm gemacht. Die Entnahme dauert circa 60 Minuten und erfolgt in Bauchlage. Fünf Prozent des Knochenmarks werden entnommen. Es bildet sich aber innerhalb weniger Wochen nach. Der Aufenthalt im Krankenhaus dauert drei Tage. Nach der Operation kann ein Wundschmerz auftreten, der einer Prellung ähnelt.

Je nach gesundheitlichem Zustand des Spenders wird die Art der Entnahme festgelegt. Quelle: www.dkms,.de

Wernigerode l Es war der 21. August dieses Jahres, ein Freitag, der das Leben der Familie Schulze aus Wernigerode komplett auf den Kopf gestellt hat. Es war die Diagnose Leukämie, die Kathleen Schulze, ihrem Mann Mathias und ihrer sechsjährigen Tochter Alissa den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Genauer gesagt akute lymphatische B-Zell-Leukämie, die ohne schnelle Behandlung meist tödlich endet.

Diese Form des Blutkrebses hat ihren Ursprung in bösartig mutierten Vorläuferzellen bestimmter weißer Blutkörperchen. In der Folge nimmt die Knochenmarks-Funktion ab und die Blutbildung wird gestört. In Kathleen Schulzes Blut wurde eine erhöhte Zahl weißer Blutkörperchen attestiert. „Ihre Erkrankung ist relativ untypisch in ihrem Alter“, beschreibt Mathias. Meist erkrankten Kinder oder Menschen, die älter sind.

Kein genetischer Zwilling

Doch Kathleen will leben. Das ist nun das alles entscheidende Ziel, was die junge Familie mit aller Kraft schaffen möchte. Doch nur eine Stammzellspende, so die Diagnose der behandelnden Ärzte, kann ihr Leben retten. Und dafür muss ein passender Spender gefunden werden. Da die 35-Jährige keine Geschwister hat, die ihre genetischen Zwillinge sein könnten, hoffen die Familie und der Freundeskreis nun, irgendwo auf der Welt einen geeigneten Spender zu finden, der helfen kann.

Alles begann mit einem ungewöhnlichen Stechen in der Brust, gefolgt von Schmerzen im Arm. Später kam Herzrasen dazu. „Dann hat sie meistens eine Aspirin genommen und die Schmerzen waren wieder weg“, beschreibt ihr Ehemann Mathias. Doch die Symptome blieben und so suchte seine Frau ihre Hausärztin auf, die ein großes Blutbild erstellte. Das Ergebnis: Die Blutwerte waren katastrophal. Nach einigen Untersuchungen im Harzklinikum in Wernigerode, wurde sie in die Göttinger Uniklinik überwiesen. Dann hörte sie das erste Mal die niederschmetternde Diagnose: Blutkrebs! „Von einer Sekunde auf die andere steht die Welt still. Nichts ist, wie es vorher einmal war“, erinnert sich Mathias. „Wir haben sofort das Schlimmste befürchtet, weil ihr Vater an Krebs gestorben ist.“

Chemotherapie

Ihrer sechsjährigen Tochter Alissa erklärten die Eltern, dass das Blut ihrer Mama nicht in Ordnung sei und sie nun für eine gewisse Zeit ins Krankenhaus müsse. „Alissa hat es erstaunlich gut aufgenommen“, blickt Mathias zurück. „Klar vermisst sie ihre Mama, aber wir wollen alle nur, dass sie wieder gesund wird.“

Schnell haben die Ärzte in der Uniklinik Göttingen mit der entsprechenden Chemotherapie und einer Kopfbestrahlung begonnen. Zwar hätten sich ihre Blutwerte schon nach zehn Tagen merklich verbessert, doch die herben Nebenwirkungen überschatteten dies ein wenig.

Antikörper-Therapie

Ihre langen braunen Haare hat die Industriekauffrau verloren. Die Mund-Schleimhäute entzündeten sich während der zweiten Chemo-Therapie dermaßen, dass die 35-Jährige zwei Wochen lang nur flüssige Nahrung zu sich nehmen konnte. Doch am Ende des Tunnels brennt ein Licht für Kathleen.

Während sie in der Göttinger Uniklinik behandelt wird, ist sie gleichzeitig Teil einer Kieler Studie zu Leukämie-Erkrankungen. Die Werte aus Göttingen wurden zu den Kollegen nach Kiel geschickt. „Die dortigen Ärzte haben ihr ein neues geprüftes Verfahren empfohlen“, erläutert Kathleens Ehemann Mathias. Die Rede sei von einer Antikörper-Therapie. Künstlich hergestellte Antikörper sollen dabei dem Immunsystem helfen, die Krebszellen zu erkennen und zu zerstören. Dafür werden Kathleen zweimal vier Wochen lang und 24 Stunden am Tag diese Hoffnung bringenden Antikörper injiziert – als Vorbereitung auf die Stammzell-Transplantation.

Dafür wird das Immunsystem der Krebskranken so gut wie es geht herunter gefahren. „Insgesamt soll die ganze Therapie zweieinhalb Jahre dauern“, beschreibt der 33-jährige Mathias. „Aber die Hauptsache ist doch, dass Kathleen wieder gesund wird.“

Kein Besuch

Wenn sie zwischen ihren Behandlungen nach Hause kommt, genießt das Trio seine gemeinsame Zeit und Kathleen kann neue Kraft für die nächste Therapie tanken. „Sie bekommt dann auch das Essen, was sie sich wünscht“, verrät Ehemann Mathias.

In der Zeit, in der Kathleen in der Göttinger Uniklinik behandelt wird, hat die kleine Familie, die erst vor drei Jahren in ihr neues Eigenheim in Wernigerode eingezogen ist, Kontakt über Videotelefonie. Auch die Weihnachtsfeiertage und Silvester muss Kathleen im Krankenhaus verbringen. Coronabedingt seien auch keine Besucher erlaubt. „Aber wir sehen uns jeden Tag im Handydisplay“, sagt Mathias. Dabei spreche das Paar die wenigste Zeit über die Krankheit – „es gibt doch noch andere und schönere Themen als Krebs“, stellt der 33-Jährige klar.

Energie und Kraft

Die beiden sind im kommenden Monat seit 14 Jahren ein Paar und seit 2016 miteinander verheiratet. „Ich liebe meine Familie und meine Freunde. Ich möchte meine Tochter aufwachsen sehen. Das ist für mich das Wichtigste auf der ganzen Welt – für mich gibt es viele Gründe zu kämpfen“, unterstreicht Kathleen.

Und genau das bewundert Mathias an seiner Ehefrau so sehr: „Sie ist voller Energie und Kraft.“ Sie sei zwar zurückhaltend, aber hat überall mit angepackt, wo sie konnte. In der Familie sei Kathleen ein Vorbild, weil sie aus allem das Positive zieht. „Sie ist die beste Mutter und Ehefrau, die man sich wünschen kann“, ergänzt er. Die Familie lasse sich von ihrem Schicksal nicht unterkriegen. „Im End-effekt kann keiner etwas für ihre Erkrankung“, stellt Kathleens Ehemann klar. „Wir hoffen und glauben fest daran, dass wir einen passenden Spender finden.“

Registrierung

Dafür hat Mathias zusammen mit Angehörigen, Freunden und der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) eine große Online-Registrierungsaktion gestartet. Wer gesund und zwischen 17 und 55 Jahre alt ist, kann sich ein kostenloses Registrierungsset nach Hause schicken lassen und bei sich selbst einen Wangenschleimhaut-Abstrich machen. Diese und eine Einverständniserklärung schicken die potentiellen Spender dann per Post für die Labor-Untersuchung zurück.

„Je mehr Menschen sich registrieren lassen, desto größer sind die Überlebens- und Heilungschancen für Kathleen und viele andere Patienten“, beschreibt ihr Ehemann. Bisher erzielte ihre Suchaktion schon über 250 Neuregistrierungen.

Übrigens: Wer in der Spenderdatei erfasst ist, hilft nicht nur Kathleen, sondern ist gleichzeitig auch potentieller Spender für Menschen weltweit, die eine Stammzellspende zum Überleben brauchen. „Allen, die sich an dieser Aktion beteiligen, danken wir von ganzem Herzen“, sagt Mathias Schulze. Nun heißt es für die Familie hoffen.

Wer Familie Schulze in dieser schwierigen Situation unterstützen möchte, kann sich bei Mathias Schulze unter der Telefonnummer 0151/19 38 6055 melden.