Harzer Schnalspurbahnen

Licht am Ende des Corona-Tunnels

Seit sieben Monate ist kein Dampflok-Qualm über dem Harz aufgestiegen. Doch damit ist jetzt Schluss. Die erste Dampflok ist wieder zum Brocken gefahren.

Von Johanna Ahlsleben
Die Verantwortlichen der Harzer Schmalspurbahnen nutzten die coronabedingte Zwangspause der vergangenen Monate unter anderem für Sanierungsarbeiten an der bahninternen Infrastruktur. So wurden zwischen  März und Mai dieses Jahres auf der Brockenbahnstrecke  rund  1000 Meter Gleis erneuert.
Die Verantwortlichen der Harzer Schmalspurbahnen nutzten die coronabedingte Zwangspause der vergangenen Monate unter anderem für Sanierungsarbeiten an der bahninternen Infrastruktur. So wurden zwischen März und Mai dieses Jahres auf der Brockenbahnstrecke rund 1000 Meter Gleis erneuert. Foto: Anastasia Frolenkow/HSB

Wernigerode - In einer ruhigen Minute hat sich Dirk Bahnsen, Pressesprecher der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) mal hingesetzt und nachgezählt, an wie vielen Tagen im Jahr 2020 Leben auf den Strecken der HSB war. Sein Ergebnis: Von 366 Tagen des vergangenen Jahres schnaufte an 133 Tagen keine Dampflok zum Brocken. An elf Tage hatte das Wetter Schuld. An 122 weiteren die Corona-Pandemie.

Im Zuge dessen sei auch die Anzahl der Fahrgäste regelrecht eingebrochen, so Bahnsen. Reisten 2019 noch rund 1,2  Millionen Gäste mit den HSB-Dampfloks, waren es im Corona-Folgejahr rund ein Drittel weniger. Am deutlichsten sei dieser Rückgang auf der wirtschaftlichsten HSB-Strecke hinauf zum Brocken sichtbar gewesen.

Loks stehen wieder unter Dampf

Doch am Ende des trostlosen Corona-Tunnels ist für das traditionelle Harzer Bahnunternehmen nun endlich wieder ein Licht zu sehen. Schon am Mittwoch vergangener Woche wurden die ersten Dampfloks aus ihrem coronabedingten Schlaf geweckt und langsam angeheizt. Sie ersetzen die Triebwagen, die in den vergangenen Monaten zwischen Wernigerode und Schierke gefahren sind.

Und das war erst der Anfang: Gestern ist auch wieder die Brockenlok mit ihren 700 Pferdestärken zum höchsten Gipfel Norddeutschlands geschnauft. Nach sieben Monaten der Stille hallt ihr schrilles Pfeifen wieder durch die bunte Stadt am Harz. Folglich kann es an der Westerntorkreuzung wieder zu kurzen Staus und imposanten Bildern kommen, wenn die Dampfbahn samt Zug den Verkehrsknoten diagonal quert.

Tickets derzeit nur eingeschränkt

Dirk Bahnsen ist die Freude über das Ende der Zwangspause sichtlich ins Gesicht geschrieben. Auch wenn der HSB-Verkehrsbetrieb zunächst nur eingeschränkt stattfindet. „Das ist ein flexibler Prozess“, beschreibt er. Schließlich müsse das Covid-Infektionsgeschehen weiterhin ebenso wie die Entwicklung des Tourismus im Auge behalten werden. Zudem sei das Bahnunternehmen in ständiger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt.

Die Tickets für die Brockenbahn beispielsweise sind coronabedingt beschränkt und werden so vergeben, dass in jedem Zug in etwa alle Sitzplätze besetzt sind. Die Fahrkarten können unter anderem auch schon vorab online gebucht werden oder am Reisetag in den unterschiedlichen Fahrkartenausgaben am Wernigeröder Hauptbahnhof, am Westerntor-Bahnhof sowie in Drei Annen Hohne und auf dem Brocken gekauft werden.

Aufgrund der limitierten Kartenzahl könne an den Wernigeröder Stationen Hochschule Harz, Hasserode und Steinerne Renne bergauf nicht zugestiegen werden, informiert Dirk Bahnsen weiter. Vom Brocken in Richtung Wernigerode wiederum schon.

Umsatzrückgang

Auf den Strecken der Harzquer- und Selketalbahn bietet die HSB nun auch einen reduzierten Triebwagen-Verkehr an. Der Dampfzug von Nordhausen aus hinauf zum Brocken entfällt aufgrund des noch eingeschränkten Verkehrs.

Bevor der Zugverkehr nun aber wieder starten konnte, mussten die Mitarbeiter des Bahnunternehmens auf Hochtouren arbeiten. Es galt nicht nur Dienstpläne umzuschreiben – auch 200 Bahnhöfe und Bahnübergänge galt es wieder fit zu machen.

Obendrein ist die Corona-Zwangspause nicht spurlos an dem kommunalen Verkehrsunternehmen vorbei gegangen. Verzeichnete die HSB im Jahr 2019 nach Bahnsens Worten noch rund 14 Millionen Euro Umsatz, sei dieser im Krisen-Jahr 2020 um circa vier Millionen Euro geschrumpft. „Jedoch konnte der überwiegende Teil dieser Differenz mithilfe des Rettungsschirmes für das Verkehrswesen von Bund und Ländern ausgeglichen werden“, so HSB-Sprecher Bahnsen. Und das gelte voraussichtlich auch für das  Jahr 2021.

Zusätzlich sicherten gemeinsame Rahmenverträge mit den Ländern Sachsen-Anhalt und Thüringen die Liquidität des traditionellen Bahnunternehmens ab. Diese liefen bis ins Jahr 2034 beziehungsweise 2030. Darüber hinaus hätten die HSB und  das Land Sachsen-Anhalt eine Vereinbarung über die Finanzierung von Arbeiten in der Infrastruktur unterzeichnet.

Unterstützung verdoppelt

Zudem berichtet Bahnsen, dass mit der Corona-Pandemie die neun kommunalen Gesellschafter ihre jährliche finanzielle Unterstützung verdoppelt haben. „Für die Zukunft ist das Unternehmen finanziell abgesichert“,  bilanziert der Pressesprecher erfreut.

In erster Linie wolle die HSB ihre Liquidität und die Arbeitsplätze der Mitarbeiter sichern. Schließlich bekam über die Hälfte der rund 260 HSB-Arbeitnehmer aus allen Bereichen Kurzarbeit verordnet. Und teilweise befänden sich die Kollegen dort noch immer.

Doch Dirk Bahnsen weiß, dass die Gewöhnung zurück an die vollen Arbeitszeiten Schritt für Schritt vonstattengehen muss.

Neue Mitarbeiter

Besonders erfreulich: Die HSB konnte während der Krise  sogar neue Arbeitskräfte akquirieren. „Leider konnten sie nicht gleich loslegen“, fügt Bahnsen hinzu. Zudem starten im August sechs angehende Facharbeiter ihre Ausbildung.

„Stillstand gab es bei den Harzer Schmalspurbahnen während der Corona-Zwangspause nicht“, versichert der HSB-Sprecher.

Hinter den Kulissen sei viel passiert. So seien die regulären Arbeiten an der gläsernen Lok-Werkstatt, „dem größten Bauprojekt in der HSB-Geschichte“ weiter vorangeschritten. Voraussichtlich zum Ende des Jahres werden dort die Türen für die Öffentlichkeit geöffnet.

Zusätzlich standen zahlreiche Modernisierungsarbeiten auf der To-do-Liste. Zudem bekommt das Verkehrsunternehmen bald ein zusätzliches Verwaltungsgebäude.