Wernigerode l Das Gerüst in der früheren Liebfrauenkirche reicht bis auf die obere Empore. Dort steht die historische Sauer-Orgel – oder vielmehr das, was von ihr noch übrig ist. „Wir haben vor Kurzem die Orgelpfeifen ausbauen lassen“, informiert Rainer Schulze, Vorsitzender der Kulturstiftung Wernigerode. Es ist der erste sichtbare Schritt auf dem Weg von der Kirche zum Konzerthaus. Weitere sollen folgen.

Dass die Orgelpfeifen demontiert wurden, dient zum einen der Bauvorbereitung. Wenn Handwerker und Bauarbeiter im Inneren des früheren Gotteshauses arbeiten, könnten Staub und Schmutz das Instrument beschädigen. Zum anderen ist die Restaurierung der wertvollen Orgel ohnehin seit geraumer Zeit das Ziel der Kirchengemeinde St. Sylvestri und Liebfrauen. Die dafür nötige Summe, rund 100 000 Euro, hat die Kirchengemeinde aus Fördergeld, Eigenmitteln und durch eine groß angelegte Spendensammlung bereits aufgebracht, bestätigt der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, Siegfried Siegel.

Zeitplan abgestimmt

Die Orgel mit ihren 30 Registern und rund 1800 Pfeifen wurde im Jahr 1883 erbaut und war nur noch eingeschränkt spielbar. Die letzte Reinigung liegt mehr als 30 Jahre zurück, vollständig wurde sie seit ihrer Erbauung noch nie gewartet. Dies soll nun ein Orgelbauer aus Salzwedel erledigen – allerdings erst dann, wenn es in den Zeitplan für den Kirchenumbau passt. „Es wäre nicht günstig, dass man erst die Orgel saniert und dann die Kirche“, erklärt Siegel.

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Bis es soweit ist, werden die Pfeifen eingelagert. Für die dadurch entstehenden zusätzlichen Kosten kommt die Kulturstiftung auf. Die Kirchengemeinde bezahlt nur für die Orgelrestaurierung, so wie sie geplant war, betont Siegel. „Die Spenden werden genau für diesen Zweck verwendet, nicht für den Umbau der Kirche.“ Der Prospekt, das Gehäuse der Orgel, lässt sich aber weder aus-einanderbauen noch bewegen. Es soll für die Dauer der Bauarbeiten eingehaust werden.

Genehmigung ist da

Grundsätzlich steht dem Umbau nichts mehr im Wege, so Schulze. Die Baugenehmigung liegt vor. „Jetzt können wir richtig anfangen.“ Die nächsten Schritte zum Umbau sollen Ende August erfolgen. Dann ist geplant, das Kirchengestühl fachmännisch von Restauratoren ausbauen zu lassen. Die Bänke kehren nach den Umbauarbeiten nicht zurück nach Liebfrauen, sondern sollen in zwei Kirchen in der Altmark aufgestellt werden. „In welchen, das steht noch nicht fest“, so Schulze. Der Abtransport werde von der evangelischen Landeskirche organisiert.

Für das künftige Konzertpublikum müssen daher neue Sitzmöbel angeschafft werden. Diese sollen Kinositzen ähneln, verrät Romy Schneevoigt. Die Geschäftsführerin der Marketingagentur Wernigeröder Maco-Vision begleitet das Umbauprojekt und betreut insbesondere eine Crowdfunding-Aktion, mit der das neue Gestühl für das Konzerthaus finanziert werden soll. Der Begriff Crowdfunding steht für Spendensammlungen im Internet über verschiedene Plattformen. Für das Konzerthaus können Geber voraussichtlich ab Mitte August über die Seite startnext.com spenden. Dafür sollen sie belohnt werden – je nach Spendenhöhe zum Beispiel mit exklusiven Konzertkarten, Postkartensets, Postern und anderen Gaben.

Untersuchungen im Boden

Sobald das alte Gestühl aus der Kirche verschwunden ist, soll laut Plan der Fußboden geöffnet werden. Geplant sind Ausschachtungen für Versorgungsleitungen, zuvor ist aber die Bodendenkmalpflege am Zug. „Wir hoffen, dass wir in diesem Jahr den Fußboden wieder schließen können“, so Rainer Schulze zum Zeitplan.

Ende August soll zudem ein Gerüst gestellt werden, damit die Dacharbeiten beginnen können. „Es muss nicht nur die Dachhaut erneuert werden, sondern auch die Dämmung“, erklärt der Stiftungsvorsitzende. Das Augenmerk richte sich auf das Gebälk. „An einigen Stellen wird der Schwamm noch sitzen“, so Schulze.

Ausschreibungen

Derzeit werden die Ausschreibungen für diese Arbeiten vorbereitet. Das ist möglich, weil die Kulturstiftung grünes Licht für einen vorgezogenen Projektstart erhalten hat. Weitere konkrete Schritte könne sie hingegen erst unternehmen, wenn der Förderbescheid vorliege, der der Kulturstiftung vier Millionen Euro aus Efre-Mitteln, also von der EU, zubilligt. Wann dieser eintrifft, weiß Schulze noch nicht. „Wir rufen jede Woche an.“

Mit dem Dach müsse man hingegen nicht warten: Für das Geld, das die Stiftung aus dem Programm Städtebaulicher Denkmalschutz bekommt und das für diesen Zweck verwendet werden soll, liegt bereits ein Bescheid vor. „Wir können sofort anfangen“, so Schulze. Die Ausschreibungen dazu sollen ebenfalls in den kommende Tagen veröffentlicht werden. Der Umbau der Kirche in einen Konzertsaal soll insgesamt rund 6,4 Millionen Euro kosten. Gefördert wird er von der EU, dem Land Sachsen-Anhalt und der Stadt Wernigerode.

Name

En passant erfolgte übrigens eine Änderung in puncto Namen. Statt von der „Kulturkirche“ und der „Harzphilharmonie“ ist bei der Stiftung jetzt vom „Konzerthaus Liebfrauen Wernigerode“ die Rede. Die Bezeichnung „Harzphilharmonie“ habe viel Kritik geerntet, erklärt Schulze. Deshalb habe man sich für einen neutraleren Namen entschieden, der zudem mit dem Zusatz „Liebfrauen“ an die alte Kirche erinnere.