Wernigerode l „1, 2, 3, 4“ – zählt Volker Friedrich an. Dann wird es laut – richtig laut. Bei Ruhestörung ist mit Wernigerodes Ordnungsdezernenten nicht zu spaßen. Dabei macht er in seiner Freizeit selbst Lärm.

Einmal im Monat schiebt der 63-Jährige die Motorräder aus der Garage, schleppt dafür Verstärker, Bass und Gitarren hinein. Rathaus, Schreibtisch und Bürgerbeschwerden sind passé. Es ist Zeit für Musik.

„Die Bandproben sind ein Ausgleich für mich – auf jeden Fall“, sagt der Wernigeröder. „An diesen Tagen bin ich ein ganzes Stückchen weg vom Job.“ Allerdings nicht ganz so weit weg wie seine Bandkollegen Uwe Kaufmann (66), Jürgen Kipper (65) und Jochen Nitze (69), die schon seit einigen Jahren das Rentner-Dasein genießen.

Langjährige Banderfahrung

Mit „Have you ever seen the rain“ stimmen sich die Hobbymusiker auf den Probennachmittag ein. Der Klassiker von Creedence Clearwater Revival stammt von 1970. In Friedrichs Garage zwischen Werkzeug, Hochdruckreiniger und Kuckucksuhr klingt der Titel kein bisschen angestaubt. Jochen Nitze rockt die E-Gitarre. Jürgen Kipper hat es sich mit dem fünfsaitigen E-Bass auf einem Hocker an der Wand bequem gemacht, die Augen aufs Notenblatt geheftet. Uwe Kaufmann bearbeitet das Schlagzeug. Volker Friedrich spielt die Westerngitarre und singt. Den Text muss er nicht ablesen, der sitzt. „CCR habe ich schon 1973 an der Penne gespielt“, sagt er.

Die Musik begleitet die vier Männer schon lange. Jürgen Kipper hat 45 Jahre Tanzmusik bei der Gruppe „Passat“ auf dem Buckel. „Irgendwann nach der Wende hat sich das zerschlagen“, erinnert sich „Kippi“. „Es gab kaum noch Betriebsfeiern, bei denen wir auftreten konnten.“ Jochen Nitze hat im Laufe seines Lebens schon in vielen Bands gespielt. Wie Uwe Kaufmann, der immer noch bei „Mosaik“ am Schlagzeug sitzt. Auch Volker Friedrich hat langjährige Banderfahrung. „Dann war irgendwann Schluss. In den 1980er Jahren habe ich nichts gemacht.“

Auftritt bei Betriebsfeier

Erst als Tochter Ilka Gitarre lernte, packte Friedrich wieder das Musikfieber. Er scharte Kollegen aus dem Rathaus und alte Freunde um sich. „Einmal im Jahr haben wir uns getroffen, um Musik zu machen. Uli Hardam, Horst Trümpelmann, Willi Ziese und Ilka waren dabei, für kurze Zeit Dietmar Hanisch und Wolfgang Menger. Ab 1999 auch Jürgen Kipper, Uwe Kaufmann, Olaf Sauter und Jochen Nitze.“

Regelmäßige Auftritte bei den Betriebsfeiern der Stadtverwaltung, beim Wernigeröder Rathausfest und einmalig beim Schützenfest in Minsleben folgten. „Wir haben uns ‚Impex‘ genannt – wegen der häufig wechselnden Besetzung“, erklärt Friedrich.

„Impex“ nennen sie sich heute noch, obwohl sie seit Jahren nicht mehr öffentlich gespielt haben. „Keine Zeit“, begründet Volker Friedrich die lange Pause.

Lindenberg im Repertoire

Die Zeit der großen Auftritte ist jedoch längst nicht vorbei. Denn die Garagenmusiker bereiten ihr Comeback vor. Mit von der Partie sind dabei auch Andreas Meling, Rainer Hochmuth und Friedrichs Tochter Ilka, die es beruflich nach Hannover verschlagen hat. „Eigentlich müssten wir jede Woche proben“, sagt Friedrich. Über 30 Stücke paukt die Band für die Betriebsfeier der Stadtverwaltung am 8. September. Darunter „Fields of gold“ von Sting, „Satisfaction“ von den Stones, „Layla“ von Eric Clapton und „Black magic woman“ von Santana.

Ebenfalls auf dem Zettel steht „Coole Socke“ von Udo Lindenberg. In der Garage wechselt Uwe Kaufmann für diesen Song zum Tamburin. Am Schlagzeug sitzt Max. Der 12-jährige Sohn von Volker Friedrich ist das jüngste Bandmitglied von „Impex“. Max schlägt die ersten Takte an, wird von seinem Vater unterbrochen. „Der Anfang muss aggressiver sein. Noch mal.“ Der zweite Versuch rockt. Max drischt auf das Drumset ein. Jochen Nitzes Gitarren-Solo ist erste Sahne. Uwe Kaufmann grinst. Und Volker Friedrich singt: „Du bist so cool, ey, hinter dir fängt es an zu schneien ...“ Ob Lindenberg bei seinem Song wohl Wernigerodes coolste Garagenband im Sinn hatte?