Wernigerode l Ein dicker Aktenordner liegt auf dem Schreibtisch des Chefs. Alles Beschwerden zum neuen Busfahrplan? „Ja“, sagt Bjoern Smith und schränkt gleichzeitig ein: „Gut die Hälfte davon ist abgearbeitet.“ Der Geschäftsführer der Harzer Verkehrsbetriebe (HVB) will nichts beschönigen, zu ernst sei die Lage.

Seit der Umstellung am 15. April hagelt es Kritik am neuen Busfahrplan, vor allem am Schülerverkehr, Wegfall von Direktverbindungen und Anschlüssen, um pünktlich am Arbeitsort zu sein. Während die Verantwortlichen mit Landrat Martin Skiebe (CDU) an der Spitze Entscheidungen immer wieder vertagen, geht der Fingerzeig von frustrierten Eltern, Berufspendlern und Rentnern in Richtung HVB.

„Wir haben den Fahrplan nicht gemacht, sondern müssen ihn umsetzen“, sagt Bjoern Smith mit aller Deutlichkeit. In der Kette der Verantwortlichen stehen zuerst die Kreistagsmitglieder mit ihrem Beschluss vom 2. Dezember 2015, die Kreisverwaltung als Aufgabenträger, das Hamburger Planungsbüro, das den Busfahrplan erarbeitet hat. „Wir haben den Auftrag als Betreiber erhalten.“ Das soll, so Smith weiter, nicht bedeuten, an gemeinsamen Lösungen desinteressiert zu sein. „Wir haben endlich die Freiheit bekommen, abweichend von den strengen Vorgaben zu reagieren.“

Chaos im Schülerverkehr

Im Klartext: Die Verkehrsplaner bei der HVB durften nachjustieren, so dass gleich nach Pfingsten „geringfügige Fahrplanänderungen“ in Kraft getreten sind. Damit konnte zumindest das Chaos im Schülerverkehr - besonders im Vorharz - abgemildert werden. Den Kindern aus Sorge bleibt nun das Umsteigen erspart, wenn sie zur Schule nach Elbingerode fahren müssen. Die neuen Takte, veränderte Haltestellen sowie Linien und Zusatzbusse kosten zusätzlich Geld. Dabei war es erklärtes Ziel, Geld zu bekommen (Landeszuschuss). Voraussetzung ist die Vorgabe, den Schülerverkehr in den öffentlichen Linienverkehr zu integrieren, um leistungsfähiger zu sein.

Der HVB-Chef hält die Rolle rückwärts an dieser Stelle trotz der zusätzlichen Ausgaben für „sinnvoll“ und hat dafür eine simple Erklärung: Der Schülerverkehr, der wirtschaftlich etwa 40 Prozent gegenüber dem Jedermannverkehr ausmacht, „war vorher eine Premiumversion“. Die Kinder und Jugendlichen konnten die Schule unmittelbar vor Unterrichtsbeginn erreichen und im Anschluss ohne groß zu warten, nach Hause fahren. Dementsprechend wurden Linien getaktet und gezielt Schulbusse eingesetzt. Mit der Integration in den Jedermannverkehr „wird Schülern jetzt nur noch Standard geboten“. Schulbusse sind gestrichen, Takte richten sich an Verbindungen mit Bahn- und Busknoten, was wiederum den öffentlichen Personennahverkehr im Harzkreis und landesweit stärkt. „Darum beneiden uns viele Bundesländer“, betont Smith. Die Folge aber für viele Schüler: Umsteigen und Wartezeiten von 20 bis 40 Minuten oder mehr, ob vor oder nach dem Unterricht. „Sicher sind solche Wartezeiten laut Satzungen durchaus erlaubt“, sagt Bjoern Smith. „Doch wollen wir das wirklich?“ Der Familienvater sagt klipp und klar: „Ich nicht.“

Hoffnung auf Kompromiss

Alternativen wären zum einen, dass Schulen ihren Unterricht dem neuen Busfahrplan anpassen. Doch der HVB-Chef ist skeptisch, dass das in dem großen, ländlich geprägten Harzkreis überall gelingt. „Zum anderen könnten wir einen Kompromiss finden.“ Dort, wo es im Interesse der Schüler notwendig ist, weicht der Fahrplan zu bestimmten Zeiten von der strengen Vorgabe ab. „Dann fährt der Bus eben nicht 6.30 Uhr, sondern 6.45 Uhr, damit der Viertklässler nur noch 15 Minuten auf den Unterrichtsbeginn warten muss. Der Pendler hat in diesem Fall keine lückenlose Anbindung, dafür aber mit dem Bus davor und danach“, beschreibt Smith, ohne ins Detail zu gehen.

Diese Aufgabe steht noch bevor. Denn, „so oder so, müssen wir alle Probleme abarbeiten und entscheiden, wie wir in Zukunft damit umgehen“, sagt der Wernigeröder. Der nächste Termin dafür wäre die Kreistagssitzung am 27. Juni. Verschiedene Varianten werden zurzeit in den Fraktionen aus seiner Sicht sehr emotional debattiert. Eine gänzliche Abkehr vom neuen Plan und zurück zum alten, das strickte Festhalten an der Vorgabe, oder Nachbessern bis der Plan endlich passt. „Fakt ist, wir brauchen etwas, was langfristig und wirtschaftlich Bestand hat, was die Arbeitsplätze unserer rund 250 Mitarbeiter in Wernigerode, Halberstadt und Quedlinburg sichert.