Harbke/Blankenburg/Bad Sachsa l Vor 75 Jahren, genau am 23. Juli 1945, ereignete sich ein Gebietsaustausch zwischen der damaligen britischen und sowjetischen Besatzungszone in Deutschland. Betroffen waren im Wesentlichen der Ostteil des ehemaligen Landkreises Blankenburg im Braunschweigischen und die im Südharz liegende Stadt Bad Sachsa mit der Landgemeinde Tettenborn, beide zum damaligen Landkreis Grafschaft Hohenstein, dem heutigen Landkreis Nordhausen zugehörend.

In der Literatur wurden hierzu bislang diverse Aufsätze und Broschüren erstellt, die in der Begründung für den Gebietsaustausch oftmals Spekulation oder eine Ableitung des Bekannten sind. So wurde die durchgehende Eisenbahnverbindung des Industriegebiets Mitteldeutschland mit dem Ruhrgebiet und der Nordsee angeführt, die südlich Bad Sachsa durch die sowjetische Zone verlief, aber auch die bloße Verkürzung der Demarkationslinie, durch die Abschnürung des Ostteils des Landkreises Blankenburg zur Einsparung von Truppen zu deren Kontrolle. All dies sind Spekulationen und nicht zutreffend.

Anlässlich des 75. Jahrestages des Gebietsaustauschs erfolgte im März dieses Jahres eine Recherche des Grenzlandmuseums Bad Sachsa im National Archiv des Vereinigten Königreichs in London, deren Resultate nunmehr ein anderes Licht auf die Vorgänge im Frühsommer 1945 werfen.

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Briten wollen Kraftwerk

Die eingesehenen Akten und Dokumente offenbaren eine federführende Rolle der damaligen Militärregierung für die Provinz Hannover und das Land Braunschweig, die in dem in Jalta im Februar 1945 bestätigten Verlauf der Demarkationslinie einen erheblichen wirtschaftlichen Nachteil für die britische Zone vermuteten. Ausschlaggebend waren für das 229/305 Provinz Military Government Detachment in Hannover die über die vorgesehene Demarkationslinie hinausreichenden zahlreichen wirtschaftlichen Abhängigkeiten, die im Besonderen im Wasser der Harzer Talsperren und in den Stromlieferungen aus den verbliebenen Kraftwerken im nördlichen Harzvorland resultierten. Hier spielte die Eckertalsperre eine wichtige Rolle in der Versorgung des Gebietes um Fallersleben (Wolfsburg) und der Salzgitter-Region. Das Kraftwerk Harbke, knapp in der damaligen Provinz Magdeburg gelegen und somit für die sowjetische Zone vorgesehen, lieferte gar mehr als die Hälfte des für die Provinzen Hannover und Schleswig-Holstein verfügbaren Stroms. Somit erlangten die Kraftwerke und ganz besonders Harbke eine immense Bedeutung für die Briten.

Noch während der temporären Besetzung von Teilen der späteren sowjetischen Zone gelangte die Militärregierung in Hannover zu der Erkenntnis, das nur eine Verschiebung der Demarkationslinie nach Osten den gewünschten Effekt für die Sicherstellung der Energieversorgung in den Provinzen Hannover, Schleswig-Holstein und des Landes Braunschweig erbringen würde. Aus der Idee wurde am 15. Juni 1945, also noch bevor die temporär besetzten Gebiete an die Sowjets abgetreten werden sollten, ernst.

Kühner Vorschlag

Der Vorschlag, den die Abteilung Military Government beim 30. britischen Korps unverzüglich an die höchsten militärischen und zivilen Stellen in der britischen Zone übersandte, beinhaltete als Hauptforderung den Wechsel von Teilen der Provinz Magdeburg (Provinz Sachsen), insgesamt rund 1850 Quadratkilometer und 225 000 Menschen, in die britische Zone. Betroffen waren Teile der Landkreise Oschersleben, Haldensleben, Gardelegen, die Kreise Wernigerode, Quedlinburg, die Stadt Halberstadt und Teile des Landkreises Hohnstein (Nordhausen).

Handel angeboten

Mit dem zwischen dem 1. und 5. Juli 1945 erfolgten Rückzug der Angloamerikaner auf die in Jalta vereinbarten Besatzungszonen nahm sich dieser Vorschlag als Affront gegen die Sowjets aus. Dessen gewiss erfolgte durch den Kommandeur des 30. britischen Korps ein abgewandelter Alternativvorschlag an die übergeordnete 21. Army Group, den diese in einer Zusammenfassung beider Vorschläge als Verhandlungsempfehlung an die Control Commission for Germany/British Element weitergab. Wenn es, was zu erwarten war, zu einer Ablehnung des Vorschlags vom 15. Juni durch die Sowjets kommen sollte, dann wollte man diesen einen Handel anbieten, der zumindest die Energielieferungen des Kraftwerkes Harbke in die britische Zone sicherstellen sollte.

Mit dieser Vorgabe wurde der Kommandierende General des 30. Korps in die Verhandlungen mit den Sowjets entsandt. Um die Kontrolle und in den Besitz des Kraftwerkes Harbke zu gelangen, waren die Briten bereit, den östlichen Teil des Kreises Blankenburg in den Handel einzubringen. Bereits am 12. Juli 1945 erzielten die Delegationen einen Abschluss, der nunmehr den Ostteil Blankenburgs in die sowjetische Zone abtrat und im Gegenzug im südlichen Harz die Gegend um Bad Sachsa einforderte.

Das Kraftwerk Harbke wurde in den Verhandlungen ausgeklammert, jedoch einigten sich Briten und Sowjets darauf, das 75 Prozent der Ausstoßmenge des Kraftwerkes Harbke in die britische Zone fließen sollten. Damit war die Intention der Briten zur Sicherung der Energieversorgung ihrer Zone gewahrt.

Energielieferung gesichert

Als Ergebnis wurde das Gebiet des Landkreises Blankenburg, das sich östlich der Warmen Bode befand, am 23. Juli 1945 Teil der sowjetischen Zone. Die Stadt Bad Sachsa und die Landgemeinde Tettenborn wurden am selben Tag Teil der britischen Zone. Die durch die Sowjets zugesagten Energielieferungen des Kraftwerkes Harbke wurden im Oktober 1945 in einem Abkommen festgehalten, das als „Harbke Agreement“ Bedeutung erhielt und im Jahre 1948 nachgebessert, bis in das Jahr 1952 uneingeschränkte Gültigkeit besaß. Nach 1952 wurden die Energielieferungen unter veränderten Bedingungen und eingeschränkt bis in das Jahr 1989 fortgeführt.

In der Zusammenfassung kann festgestellt werden, das der Gebietsaustausch nicht aus militärischen, sondern ausschließlich wirtschaftlichen Gründen erfolgte. Die britische Intention zur Sicherstellung der Wirtschaftsleistung und Versorgung ihrer Besatzungszone wurde in den Verhandlungen, auch durch unterschiedliche Verhandlungsansätze, nicht aufgegeben und letzten Endes erfolgreich begangen.

* Uwe Oberdiek ist Vorstandsvorsitzender des Grenzlandmuseums Bad Sachsa.