Schierke l „Der Wald stirbt!“ Andreas Pusch hat diesen Satz schon oft gehört. Der Chef des Nationalparks Harz bekommt regelmäßig Anfragen besorgter Harzer zum Zustand der Bäume im Schutzgebiet. Nicht ohne Grund: „In den vergangenen Jahren hat es dramatische Veränderungen im Waldbild gegeben“, sagte Pusch bei einer Informations- und Diskussionsrunde in Schierke. Rund 60 Besucher verfolgten Puschs Vortrag und die Debatte im Rathaussaal des Brockenorts.

Dafür, dass der Wald vielerorts nicht so idyllisch erscheint, wie viele gern hätten, gebe es vier Ursachen, erklärte Pusch. Die erste hänge mit Aufgabe und Zweck des Nationalparks zusammen – dem Prozessschutz. Das heißt, dass die Natur sich ungestört entwickeln kann. Dies sei auf 60 Prozent der Nationalparkfläche der Fall. Dazu gehöre, dass Totholz dem Naturkreislauf überlassen wird. „Wenn Bäume zusammenbrechen und zerfallen, kommt Licht auf den Boden“, so Pusch. Dies begünstige die Vielfalt von Flora und Fauna.

Auch der Borkenkäfer gehöre zu den Nutznießern des Waldumbaus – was in Ordnung sei, sagt Pusch. „Der Borkenkäfer ist nichts Unnatürliches.“ Das gelte auch für den Buchdrucker – die Käferart, die große Bäume zu Fall bringe. Dabei stürben aber nicht der Wald, sondern lediglich alte Bäume, die Platz für ihre Nachfolger machen. „Der Wald ist in dieser Phase so dynamisch und lebendig wie nie zuvor“, versichert Pusch.

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Nachhelfen beim Waldumbau

40 Prozent der Flächen in Nationalpark seien noch „relativ naturfern“, weshalb die Mitarbeiter nachhelfen – Waldentwicklung heißt das. Aus monotonen Fichtenplantangen soll ein vielfältig strukturierter Lebensraum werden. Dazu würden mancherorts Fichten geschlagen und andere Bäume gepflanzt. „Die Buche, die dort eigentlich hingehört, würde sich ohne Unterstützung kaum verbreiten können“, so Pusch. Zwar würden Maschinen eingesetzt und Holz verkauft, doch Waldwirtschaft sei dies nicht.

Der dritte Grund für den Waldzustand ist der Borkenkäferfraß. In der Kernzone werden die Käfer nicht bekämpft, in der Naturentwicklungszone gehe man „abgestuft“ vor. Auf einem 500 Meter breiten Grenzstreifen werde der Käfer „konsequent bekämpft“, so Pusch — ohne Chemie. Dazu würden betroffene Bäume schnell abgeholzt und abtransportiert.

Dies sei mitunter ebenfalls nötig, um der Verkehrssicherungspflicht an Straßen und Wegen zu genügen. Um eine naturnahe Entwicklung zu simulieren, hätten Mitarbeiter nach langen Debatten instabile Bäume auf halbe Höhe gekürzt. „Wir haben deshalb sehr viele Proteste aus der Bevölkerung bekommen“, berichtete der Nationalparkchef. Es sei aber schwierig zu reagieren, da die Kritik sehr unterschiedlich sei.

Ebenso gemischt sei die Reaktion der Urlauber. „Die Gäste sind häufig auf der Suche nach richtiger Wildnis“, hat Andreas Pusch beobachtet. Zuhörer wie Achim Koch sehen das nicht so. Es kämen nicht mehr Touristen, „um abgestorbene Bäume zu sehen“, so der Schierker. Im Gegenteil: „Viele Gäste, die seit Langem herkommen, sind entsetzte und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen.“

Multiplikatoren gesucht

Das stelle sich anders dar, wenn die Vermieter Gäste über den Waldumbau informierten, entgegnete Pusch. Das kann Lutz Jäger bestätigen, der als Jäger viel im Wald unterwegs ist. „Wenn man sich mit offenen Augen hinstellt, ist das ein Erlebnis.“ Er regte an, Gastronomen als „Multiplikatoren zu gewinnen und zu schulen. Das geschehe auch in anderen Nationalparks. Ordnungsdezernent Volker Friedrich wünscht sich dazu mehr geführte Touren.

Kritik übte Mike Hopstock am Zustand der Wege. Umgestürzte Bäume würden Wanderern und Rettungsdiensten den Weg versperren. „Der Feuerwehr fällt es immer schwerer, Brandherde zum Beispiel entlang der Bahnstrecke zu erreichen“, so der Schierker. Dies wies Pusch zurück. „Die Wege werden freigehalten.“