Wernigerode l Wie gut ist die medizinische Versorgung in Wernigerode? Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) zeichnet ein eindeutiges Bild: Um die Zahl der Hausärzte müsse man sich Sorgen machen, vor allem in Zukunft, doch in puncto Fachärzte sei in Wernigerode fast alles in Ordnung. Das will Gerhild Kramer jedoch nicht so stehen lassen. In einem Brief an die Volksstimme-Redaktion berichtet sie vom nervenaufreibenden Kampf um einen Termin beim Neurologen für ihren Mann.

Dieser sei im März vom Hausarzt an den Fachkollegen überwiesen worden. Einen Behandlungstermin in Wernigerode habe er jedoch erst für November bekommen. „Bei seinem gesundheitlichen Zustand konnten wir nicht so lange warten“, so Gerhild Kramer. Bei anderen Neurologen sei sie abgewiesen worden, unter anderem mit der Begründung, dass sie sein Leiden, die Parkinson-Krankheit, nicht behandeln.

Daraufhin habe sie in neurologischen Praxen in Blankenburg, Quedlinburg, Halberstadt, Bad Harzburg und Goslar angefragt. „Weiter weg ist im Alter nicht mehr so einfach“, sagt die 80-Jährige. Doch ihre Bemühungen blieben erfolglos. „Ich habe überall negative Antworten bekommen. Ein Termin ist gar nicht zur Sprache gekommen. Es wurde niemand angenommen“, berichtet Gerhild Kramer.

"Tortur" bei Terminservicestelle

Daraufhin wandte sie sich an die Terminservicestelle der KV. Unter der bundesweit einheitlichen Rufnummer 116 117 sollen gesetzlich versicherte Patienten, die auf direktem Wege keinen Termin beim Arzt oder Psychotherapeuten bekommen haben, Hilfe erhalten. Dieser Weg sei jedoch ebenfalls steinig gewesen, so Gerhild Kramer. „Dass dies so schwierig ist, hätte ich nicht gedacht. Es ist eine Tortur, ehe es zu einem Gespräch kommt“, schildert sie ihre Erfahrungen.

Entweder sei ständig besetzt, oder man bekomme eine Nummer zugewiesen, hänge lange in der Warteschleife fest und müsse mehrmals mit verschiedenen Mitarbeitern sprechen. „Es war sehr nervenaufreibend.“ Im Ergebnis hätten sich die Mühen aber gelohnt: Binnen gut vier Wochen erhielt sie für ihren Mann einen Termin in der Praxis, in der sie zu Beginn vorgesprochen hatte.

Ein Vierteljahr später sollte sich ihr Mann erneut vorstellen. „Doch die Mitarbeiterinnen mussten lange suchen, bis sie einen freien Termin in vier bis fünf Monaten gefunden hatten“, sagt Gerhild Kramer.

Sechs Fachärzte im Altkreis Wernigerode

Dabei gebe es laut KV genügend Nervenärzte im Altkreis Wernigerode. Zu diesen zählen sowohl Neurologen als auch Psychiater. Sechs Fachärzte besetzen insgesamt vier Stellen in Wernigerode und Blankenburg. Der Versorgungsgrad liege damit bei 111,6 Prozent, heißt es in der aktuellen KV-Statistik. Ab 110 Prozent Versorgung wird ein Bereich von der KV für Neuzulassungen gesperrt. Dennoch gebe es speziell für Neurologen durchaus noch Bedarf im Harzkreis.

Im Juni sei ein neuer Facharzt in Osterwieck zugelassen worden, im Oktober die Anstellung eines weiteren Fachkollegen in einem medizinischen Versorgungszentrum genehmigt worden, teilt die KV Sachsen-Anhalt auf Volksstimme-Nachfrage mit. „Die Aufnahme der Tätigkeit erwarten wir spätestens Anfang des nächsten Jahres, womit die neurologische Versorgung gestärkt wird“, so Sprecherin Heike Liensdorf.

Ein Aspekt, der die Schwierigkeiten von Gerhild Kramer mit erklären könnte, sei die Doppelfunktion einiger Nervenärzte, sagt Henrik Straub, Sprecher der KV-Kreisstelle Wernigerode und Hausarzt in Derenburg. Gerade die beiden Kollegen in Wernigerode seien als „Doppel-Fachärzte“ sowohl in neurologischen als auch in psychiatrischen Belangen für ihre Patienten da. „Das fordert viel Zeit und ist aufwendig, sodass hier Terminprobleme resulieren können“, so Straub.

Mit den Fachärzten in Wernigerode und Blankenburg sowie zwei weiteren Neurologinnen in Halberstadt seien die Patienten im Kreis jedoch grundsätzlich gut versorgt, so Henrik Straub. Entscheidend dafür, wie schnell ein Termin vergeben werde, sei die Dringlichkeit. Bei Routineuntersuchungen seien im Landkreis Wartezeiten von sechs bis zwölf Monaten „nicht unüblich“ – und angesichts der Vorgaben zur wirtschaftlichen Leistungserbringung im Medizinsektor, wie sie das Sozialgesetzbuch V vorsieht, sei das auch so gewollt.

Zum Termin über den Hausarzt

Wichtig sei aus seiner Sicht, dass der Hausarzt die Steuerung übernehme. Der Patient solle sich demnach zunächst beim Allgemeinmediziner vorstellen, der bei Bedarf an den Facharzt überweise. Dabei könne er nach Dringlichkeit abstufen. Wenn Not am Mann sei, könne das auch sehr schnell geschehen. „Bei sehr dringenden Fällen ist ein Facharztkontakt per direkter Vermittlung durch die Hausarztpraxis innerhalb von 24 Stunden bis hin zu einer Woche realisierbar“, so Straub. Grundlage dafür sei, dass sich der Patient für das Hausarztmodell angemeldet habe.

Abgesehen davon stehe die Terminservicestelle der KV zur Verfügung, die bei entsprechendem Nachweis gesetzlich verpflichtet sei, binnen eines Monats einen Termin zu beschaffen. Der Hausarzt vergebe dazu Codes, die auf die Überweisung geklebt und von den Mitarbeitern am Telefon abgefragt würden. Für die Vermittlung seien jedoch mitunter weitere Recherchen nötig, so Heike Liensdorf von der KV Sachsen-Anhalt. Dies könnten nicht die Mitarbeiter erledigen, die für die Terminvermittlung zuständig seien – daher müssten Anrufer mit verschiedenen Bearbeitern sprechen. „Dies ist aber unabhängig vom Versorgungsstand und liegt an der vielfältigen Sachlage bei medizinischen Fragestellungen.“

Der Hausarzt habe ihrem Mann erst eine normale Überweisung geschrieben, berichtet Gerhild Kramer. „Doch damit ging überhaupt nichts.“ Selbst mit der Dringlichkeitsstufe, die der Arzt nach einem Anruf beim Neurologen vergab, war die Jagd auf den begehrten Termin mühsam. All dies liege zwei Jahre zurück, sagt die Wernigeröderin. „Doch ich glaube nicht, dass sich seitdem viel geändert hat.“