Osterwieck l Dienstagfrüh, es ist kurz nach Mitternacht, als Norman Steiger nach Hause, in den Kälberbachsweg in Osterwieck (Landkreis Harz), kommt. Am Fahrradständer vor der Tür macht er eine furchtbare Entdeckung: ein regloses, blutverschmiertes Neugeborenes.

Das Kind war nackt, nicht einmal in eine Decke gehüllt, berichtet der 36-Jährige. „Es hatte noch die Nabelschnur dran.“ Er habe es gemerkt, dass das Baby atmete. „Ich habe es mit in die Wohnung genommen, versucht, es zu wärmen, und habe dann den Notruf gewählt."

Bis zum Eintreffen der Rettungskräfte habe er mit einem Notarzt telefoniert, der ihm Anweisungen gab. Er sei selbst Vater, sagt Steiger, und könne nicht fassen, wie jemand bei der Kälte ein Kind aussetzen kann.

Körpertemperatur bei 29 Grad

Beim Eintreffen der Retter sei die Körpertemperatur des Jungen bereits auf 29 Grad Celsius abgesunken gewesen, sagt die Polizei. Das Kind ist in ein Krankenhaus in Wernigerode eingeliefert worden. Sein Zustand sei stabil.

Während sich die Mitarbeiter dort darum kümmern, dass der Junge zu Kräften kommt, kann die Polizei dank Zeugenhinweisen am Nachmittag die Mutter ermitteln. „Es handelt sich um eine 30-jährige Deutsche“, teilt Frank Küssner von der Polizeiinspektion Magdeburg mit. Es werde geprüft, wie nun strafrechtlich mit ihr verfahren wird. Nähere Angaben zur Frau wollte der Pressesprecher derzeit nicht machen.

Dass sie in dem Mehrfamilienhaus wohnt, vor dem das Baby gefunden worden ist, schließen Nachbarn aus. Das Haus liegt am Ortsrand. Die Straße mündet in einen Feldweg. Aufgrund der Spurenlage ist nicht auszuschließen, dass die Frau das Baby auf den Feldern zur Welt bringen oder dort ablegen wollte, aber nicht mehr so weit kam.

Unter den Anwohnern der Harz-Stadt herrscht derweil Fassungslosigkeit. „Dass ein kleines Geschöpf so auf die Welt kommen muss, kann ich nicht verstehen“, sagt Bürgermeisterin Ingeborg Wagenführ (parteilos). „Ich bin erschüttert, so geht es der ganzen Stadt.“ Ihr fehlt das Verständnis für die Tat, da „unsere Gesellschaft alles vorhält, um verzweifelten Frauen zu helfen“.

Drei Babyklappen

Eine Alternative dazu, Kinder schutzlos auszusetzen, bieten Babyklappen. Davon gibt es drei in Sachsen-Anhalt: Frauenklinik in Dessau, Elisabeth-Krankenhaus in Halle und St. Marienstift in Magdeburg. Zudem sind seit 2014 anonyme Geburten in Sachsen-Anhalt möglich: Frauen können in Kliniken – oder von Hebammen zu Hause sowie in Geburtshäusern – ohne Namensnennung medizinisch betreut werden.

Beratungsstellen wie Pro Familia geben Frauen Informationen zu Ansprechpartnern, medizinischer Betreuung, finanzieller Unterstützung sowie zum Thema Adoption. Pro Familia Magdeburg ist unter der Rufnummer (03 91) 2 88 69 77 erreichbar.