Abbenrode l Wer weiß, welche spannenden Geschichten sich die Leute in der 100 Jahre alten englischen Telefonzelle schon erzählt haben? Dabei rankt sich die spannendste vermutlich um das rote Telefonhäuschen selbst. „Aus Anlass der Grenzöffnung am 27. Januar 1990 in Abbenrode war sie als Zeichen der besseren Verständigung von westdeutschen Freunden übergeben und aufgestellt worden. Sie ist ein Symbol für eine deutsch-deutsche Freundschaft, die sich gegen die gewaltsame Trennung durchsetzte“, sagt Andreas Weihe, Vorsitzender des Heimatvereins Abbenrode.

Alles begann mit einer Einladung auf ein Bier. Im Dezember 1989 lernten sich Günter Schwarzer aus Bad Harzburg und Hermann Wellge aus Abbenrode kennen, als die Sendung „Aktuelle Schaubude“ in Stapelburg zu Gast war. Wellge wollte nach der Veranstaltung Schwarzer zu einem Umtrunk bei sich zu Hause in Abbenrode einladen. Schwarzer sagte zu.

Vorher müsse er jedoch seine Frau anrufen und Bescheid sagen, dass es später werde. Der Bad Harzburger wollte sich auf den Weg zur nächsten öffentlichen Telefonzelle machen – vergeblich, da es diese in Abbenrode, im damaligen Sperrgebiet, nicht gab.

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Nicht in die Ex-DDR

Schwarzer, der zu der Zeit bei Siemens beschäftigt war, hat versprochen, das zu ändern. Dieses Versprechen in die Tat umzusetzen, gestaltete sich jedoch schwieriger als erwartet. Angeblich durfte laut seinem Vorgesetzten die damalige Deutsche Post keine Telefonzellen in die ehemalige DDR liefern.

So schnell wollte der Bad Harzburger sein Versprechen nicht brechen. Und er sollte fündig werden, um es halten zu können. In einer Zeitungsannonce bot ein Schwabe eine alte englische Telefonzelle zum Verkauf an. Schwarzer schlug zu.

Verrostet und ohne Scheiben, wie er sie aus Bayern erworben hatte, wollte er sie jedoch nicht den Abbenrödern schenken. Mit Hilfe von Sponsoren restaurierte er das Telefonhäuschen. Am 27. Januar 1990 wurde sie am ehemaligen Gemeindehaus aufgestellt und leistete den Abbenrödern über viele Jahre hinweg gute Dienste.

Neuer Anstrich nötig

Weihe erinnert sich daran, dass das rote Häuschen jedoch zunehmend Opfer von Vandalismus wurde. Daher musste ein neuer Standort her, der mehr im Zentrum des Nordharzortes liegt. Seit 2010 steht das Einheitssymbol nun vor dem Heimatmuseum im Winkel. Nur funktionstüchtig ist sie nicht mehr. „Einen neuen Anstrich kann sie dringend vertragen. Der letzte ist zehn Jahre her“, erzählt Weihe. 2010 wurde die Zelle zuletzt instandgesetzt.

Kurzerhand hat der Heimatverein beschlossen, die Restaurierung zu organisieren, und finanzielle Unterstützung beim Land beantragt. Und das Landesverwaltungsamt hat den Abbenrödern das Geld bewilligt. Im Rahmen der Förderung der Heimat- und Traditionspflege am Grünen Band bekommt der Heimat-, Kultur- und Museumsverein rund 11.500 Euro. Damit soll das Gesamtprojekt zum Aufbau eines Grenzlehrpfades an der ehemaligen innerdeutschen Grenze gefördert werden. Rund 15.000 Euro wird das Vorhaben kosten. Dafür bringt der Heimatverein einen Eigenanteil auf und erledigt einige Arbeiten in Eigenleistung.

Andreas Weihe berichtet, dass außerdem das Aufstellen von neuen Infotafeln in Wülperode und Grenzsäulen entlang der ehemaligen Grenze im Nordharz, die Sanierung und Aktualisierung eines zentralen Informationspunktes im Altfeld sowie kleinere Anschaffungen für den Ausstellungsraum zum Thema Grenze im Heimatmuseum zu dem Projekt gehören. „Zudem werden wir eine Sonderbroschüre zur Grenzgeschichte herausgeben aus Anlass der 30-jährigen Grenzöffnung. Die Druckkosten werden auch bezuschusst.“

Erinnerung an Hilfe

Wesentlicher Teil des Andenkens an die Grenzöffnung 1990 ist die rote Telefonzelle. Abbenrodes Ortsbürgermeister Wolfgang Mertins (CDU) findet: „Sie ist ein symbolischer Wert für Abbenrode. Schließlich erinnert sie uns daran, welche Hilfe wir von außen aus umliegenden Ortschaften bekommen haben.“

Die englische Telefonzelle bekommt deshalb einen frischen Anstrich. Nachdem der Zuwendungsbescheid aus Halle inzwischen eingetroffen ist, hat Andreas Weihe schon Angebote eingeholt für die anstehenden Malerarbeiten. „Einen Favoriten haben wir schon gefunden. Wir werden zeitnah einen Maler aus der Region beauftragen“, sagt er. „Es ist unsere Pflicht, etwas zu erhalten, was wir geschenkt bekommen haben und so maßgeblich zur Verständigung beitragen hat.“