Wernigerode l Die roten Ziegel an der Westseite des Stadtarchivs glänzen in der Sonne. „Wir würden gerne noch in diesem Jahr bauen“, sagt Ingo Wolf vom Hochbauamt der Wernigeröder Stadtverwaltung. Denn der Wandbehang an dem historischen Gebäude am Oberpfarrkirchof ist nicht mehr so taufrisch, wie er auf den ersten Blick wirkt. Seit 2015 wird das Archiv saniert, und als die Wand wegen anderer Arbeiten eingerüstet war, wurde stichprobenartig die Wand geöffnet. „Dabei haben wir festgestellt, dass es dort Schäden gibt“, berichtet Wolf.

Die Sanierung des Stadtarchivs ist ein Langzeitprojekt. In den vergangenen Jahren wurde immer wieder an dem Gebäude in Wernigerodes historischem Zentrum gearbeitet. Dabei war ursprünglich nur frische Farbe für die Fassade vorgesehen, berichtet Planer Sven Bieler. Doch als die alten Farbschichten abgenommen wurden, wurde klar, dass ein neuer Anstrich nicht ausreicht.

Zahlreiche Holzbalken in den Fachwerkwänden wiesen Schäden auf, die unter anderem der Echte Hausschwamm verursacht hatte. Eineinhalb Jahre haben die Arbeiten am ersten Bauabschnitt schließlich gedauert. In dieser Zeit war das Archiv geschlossen, 15 000 Akteneinheiten wurden im Keller des Rathauses, im Bauhof und in der Feuerwehr zwischengelagert. Was im Gebäude blieb, wurde in der ersten Etage konzentriert und mit Staubschutz- und einbruchssicheren Wänden abgeschirmt.„Das hat alles sehr gut funktioniert“, schätzt Bieler ein. Im April 2017 konnte das Haus wieder öffnen.

Bilder

Um die Ecke gewachsen

Bis dahin waren am Ostgiebel bis zu 95 Prozent der Holzbalken ersetzt worden, 270 Meter Holzfachwerk wurden erneuert, erklärt Sven Bieler. Allerdings macht der Echte Hausschwamm nicht an Hausecken halt. „Es war klar, dass die Fassade an der Hofseite ebenfalls betroffen war“, so Wolf. Daher ging es 2018 mit dem zweiten Bauabschnitt weiter, der bis zum Frühjahr 2019 dauerte. An der Hofseite des rund 570 Jahre alten Gebäudes wurde das Holzfachwerk ebenfalls komplett erneuert. Die Bruchsteinmauer im unteren Fassadenteil wurde ebenfalls instandgesetzt, bis auf einen Teilbereich an der Hausecke, der aufgemauert und verputzt wurde.

Wie im ersten Bauabschnitt wurde das Gebäude überall dort, wo Fachwerk ist, zugleich mit Stampflehm neu gedämmt. „Diese Methode ist am nachhaltigsten und für das Raumklima optimal“, erklärt Planer Bieler. Weil man das Archiv nicht erneut wie im ersten Abschnitt für so lange Zeit schließen wollte, fanden die Arbeiten bei laufendem Betrieb statt. „Das war für alle nicht einfach“, sagt Sven Bieler. Um beispielsweise die schweren Eichenbalken, die gut und gerne 100 Kilogramm wiegen können, an Ort und Stelle zu bringen, mussten die Bauleute das Material durch das Treppenhaus bugsieren, in dem eigens ein Treppenlift ausgebaut wurde, oder teilweise auf Flaschenzüge zurückgreifen.

Allerdings waren die Schäden nicht ganz so groß wie im ersten Bauabschnitt: In der zweiten Runde wurden 70 Meter Holzfachwerk instandgesetzt. Aufwändig war jedoch die Arbeit im Inneren: Auf der Hofseite mussten beispielsweise die Decken aufgeschnitten werden, um an schadhafte Stellen zu gelangen. Zudem wurden die Fenster und die Toiletten erneuert.

Aufholen dauert ein Jahr

Hans-Peter Mahrholz, stellvertretender Archivleiter, ist froh, dass das Haus geöffnet bleiben konnte. „Das ging schon“, sagt er über die Bauarbeiten. Ein Jahr haben er und seine Mitarbeiter gebraucht, um die aufgelaufenen, rund 120 Anfragen aus der Schließzeit abzuarbeiten. 150 bis 200 Briefe erreichen das Stadtarchiv pro Jahr, hinzu kommen rund 200 Besucher pro Jahr während der Öffnungszeiten sowie zahlreiche Telefonanrufe.

Die Kosten für den ersten Bauabschnitt lagen bei rund 300 000 Euro. Der zweite Bauabschnitt schlug mit rund 190 000 Euro zu Buche – all dies inklusive Planung, Elektrik, Sicherheitstechnik, Holzschutztechnik. Wie viel es im dritten Bauabschnitt wird, ist noch offen. Das Bauamt hat dafür einen Antrag auf Fördergeld gestellt und hofft, dass bald ein Bescheid eintrifft, berichtet Ingo Wolf.

Die Westfassade und das Dach seien beim Umbau des Hauses zur Pension in den 1990er Jahren instandgesetzt. „Das ist die Wetterfassade“, erklärt der Bauamtsmitarbeiter. Deshalb sei das Fichtenfachwerk zum Schutz hinter dem Ziegelbehang verborgen worden. „Wir gehen davon aus, dass wir dieses Fachwerk komplett erneuern müssen“, so Sven Bieler. Danach werde es wieder mit Behang verkleidet. „Das ist die einfachste und sicherste Art, um die Fassade zu schützen“, ergänzt Wolf. Damit könnte die Rundumerneuerung des Gebäudes, das aus der Zeit um 11450 datiert und als „Alte Münze“ bekannt war, vorerst abgeschlossen werden.