Wernigerode l Es ist eine lustige Runde, die sich am Küchentisch in der Feldstraße versammelt hat. Zum Kaffee tragen die Sänger Jeans, T-Shirt und luftige Kleider – doch am Abend verwandeln sie sich in Soldaten, Studenten und Dorfbewohner. In der Festspieloper „Faust“ verstärken die Profis die Singakademie als Chorsolisten.

Die neun Künstler bilden während der Wernigeröder Schlossfestspiele eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft auf Zeit. Das passt: Die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, haben an der Folkwang-Universität in Essen Gesang studiert, und fast alle stammen aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawien. Der Nationalismus, der zum Zerfall des Vielvölkerstaats geführt hat, ist ihnen jedoch fremd. „Wir sprechen die gleiche Sprache, haben die gleiche Mentalität. Wir verstehen uns einfach“, sagt Elena Petrushevska, 30 Jahre alt und Mezzosopranistin aus Mazedonien.

Volkslieder vom Balkan

Abends sitzen die Chorsolisten zusammen und singen Volkslieder vom Balkan. Milena Haunhorst, 21 Jahre alt und aus Essen, ist die einzige Deutsche in der Runde. Sprachlich kann sie zwar nicht immer folgen, doch das tut der Stimmung keinen Abbruch. „Ich habe schon gelernt, ,Ich verstehe nicht‘ zu sagen. Das ist das Wichtigste“, sagt die Mezzospranistin.

Dass die Sänger sich in Wernigerode getroffen haben, liegt auch an Zhive Kremshovski. Der 26-Jährige hat bereits in der Festspieloper des Vorjahres als Solist mitgewirkt. Seine Rolle im „Freischütz“: der freche Bauer Kilian. Seinen Mitsängern, die wie er durch die Künstleragentur Sandra Milankov nach Wernigerode gekommen sind, hat er von den Schlossfestspielen und der Stadt vorgeschwärmt. „Ich fühle mich hier wie zu Hause“, sagt der junge Mazedonier. Im „Faust“ reiht er sich in die Riege der Dorfbewohner ein, die ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen. „Von Studenten und Soldaten verwandeln wir uns in Priester“,sagt Marijana Mladenov. „Wir sind die Sklaven Mephistos“, ergänzt Milena Haunhorst.

Während Milena noch studiert, ist Marijana, 28 Jahre alt und aus Serbien, auf der Suche nach einem Engagement – wie Elena Petrushevska. „Meine Heimat ist da, wo mein Herz ist – und das ist in Deutschland“, sagt sie. Die anderen nicken. „Ich fühle mich ganz als Europäer“, sagt David Bubani. Kein Wunder: Der 42-Jährige stammt aus Serbien, hat aber einen luxemburgischen, belgischen und italienischen Pass. In Luxemburg lebt und arbeitet er als Sänger und Dozent. In der Oper spielt er den Wagner. „Er ist ein Anführer, die anderen müssen ihm folgen.“ Nedim Basic grinst. „Aber das tun wir nicht“, sagt der 26-jährige Bosnier, der in Sarajewo Gesang studiert hat und an der dortigen Oper ein Engagement hat.

Wunderbare Inspiration

Von Wernigerode sind alle begeistert. „Es ist eine wunderschöne Stadt“, sagt Mirjana Buznaz – die 23-Jährige stammt aus Mazedonien. Zhive habe nicht zu viel versprochen. „Für uns alle ist das eine wunderbare Inspiration“, sagt der Bariton – schließlich habe Goethe den „Faust“ unter dem Eindruck seiner Harzreisen verfasst. „Nach der Premiere wollen wir unbedingt die Umgebung besuchen“, sagt Elena.

Angetan sind auch Slobodan Zizkovic und seine Frau Dragana. Das Ehepaar aus Belgrad – er arbeitet an der Oper, sie an einem freien Theater – ist zum ersten Mal in Deutschland. „Wir kommen auf jeden Fall wieder“, sagen sie.

Wer die Chorsolisten jenseits von „Faust“ erleben will, hat dazu am Sonntag, 20. August, Gelegenheit. Um 18 Uhr geben sie ein Konzert in der Villa Russo, Feldstraße 7 in Wernigerode. Das Programm umfasst Lieder aus Oper und Operette vom Balkan sowie aus Frankreich und Italien.