Wernigerode l Ganz schön schwer: Christian Juranek wiegt den dicken Band in den Händen. Rot und Schwarz leuchten die Lettern auf dem Deckblatt, das Wernigerodes Schlosschef mit einigem Stolz präsentiert. Schließlich ist dies nicht irgendein Buch, sondern die Bibel, das Buch der Bücher – und das in einer ganz besonderen Ausgabe. „Dies ist die erste Bibel, die in die wendische Sprache übersetzt worden ist“, erklärt Kunsthistoriker Juranek.

Wendisch oder sorbisch ist die Sprache der slawischen Minderheit in der Lausitz. Seit dem frühen Mittelalter waren weite Teile des Landes zwischen Bautzen und Cottbus, Spreewald und Neißetal fest in der Hand der Sorben – der Niedersorben im nördlichem, heute brandenburgischen Teil ihres Siedlungsgebietes und der Obersorben im Sächsischen. Die Reformation schlug in den beiden Lausitzen voll durch, bis auf einige wenige katholische Flecken wurde das Sorbenland protestantisch.

Fast 200 Jahre bis zur Vollendung

Doch die Lutherbibel blieb für die überwiegende Mehrheit der Einheimischen ein Buch mit sieben Siegeln. Weil ihre Schäfchen des Deutschen nicht mächtig waren, wollten die sorbischen Geistlichen ihnen die Heilige Schrift in der westslawischen Muttersprache zugänglich machen. Ein Mammutunternehmen, das von den ersten Anfängen Mitte des 16. Jahrhunderts bis zur Vollendung fast 200 Jahre in Anspruch nahm.

Nach mehreren Veröffentlichungen von Teilen der Heiligen Schrift übersetzte ein vierköpfiges Pastorenkollektiv aus Oberlausitz ab 1716 das Alte und das Neue Testament. Zwölf Jahre gingen ins Land, bis in Bautzen, auf sorbisch Budissin, die ersten Gesamtausgabe der Bibel in obersorbischer Sprache erschien, im Verlag des Buchhändlers David Richter.

Einer der Übersetzer war Jan Böhmer, evangelischer Pfarrer in Großpostwitz. Der sorbische Geistliche pflegte gute Kontakte in den Harz: Durch ihn gelangte die erste Bibelveröffentlichung in den Besitz der Grafen zu Stolberg-Wernigerode. Ein Besuch Böhmers auf Schloss Wernigerode sei überliefert, berichtet Schlosskustodin Eva-Maria Hasert. Das wertvolle Buch habe Böhmer dem Grafen Christian Ernst seinerzeit geschenkt.

Für die Pfarrer aus der Oberlausitz war es eine Ehre, mit ihrem Werk in der gräflichen Sammlung vertreten zu sein. Denn auf dem Agnesberg hat der Wernigeröder Graf eine der bedeutendsten Sammlungen kirchlicher Schriften weltweit aufgebaut. „Hier wurden Bibeln in allen Sprachen der Welt gesammelt“, sagt Schlosschef Juranek. Die Kategorisierungen hat der einstige Schlossherr selbst besorgt. „Christian Ernst war sein eigener Bibliothekar. Er hat diese Bibliothek vervollkommnet und weltberühmt gemacht“, so Eva-Maria Hasert. Das Wernigeröder Exemplar der sorbischen Bibel ist in Pergament eingeschlagen, die Jahreszahl auf dem Exlibris, dem Bücherzeichen auf dem Einband, hat der Graf selbst eingetragen. „Das ist seine Handschrift“, sagt die Kustodin. Das Titelblatt ist zweisprachig – deutsch und sorbisch – ausgeführt, der Text im Innenteil ist durchgängig sorbisch.

Seltene Bibel zurück auf Schloss Wernigerode

Dass die Bibel wieder aufs Schloss zurückgekehrt ist, ist ein Glücksfall, betont Christian Juranek. „Es ist nachweislich bei der Auflösung der Bibliothek 1930 verkauft worden“, sagt er. Vor zwei Jahren entdeckte er es bei einem Antiquar in Potsdam und kaufte es für die Wernigeröder Sammlung.

In der Neuen Bibliothek im ersten Rundgang der Schloss-Ausstellung ist der mehr als 2000 Seiten starke Band ausgestellt. Von der einst berühmten gräflichen Sammlung sind heute nur noch wenige Exemplare in Wernigerode geblieben. Deshalb freut sich Christian Juranek, dass es gelungen ist, zumindest dieses Stück auf dem Agnesberg zurückzuführen. „Diese Bibel ist unglaublich selten.“