Rübeland l Gabor Schneider ist gewiss keiner, der Mitleid will. „Ich war ein krasser Vogel, ich bin überall drauf geklettert, war oft betrunken. Es musste irgendwann passieren. Und dann ist es halt dumm gelaufen“, sagt er über jenen 6. August vor neun Jahren, der sein Leben für immer veränderte. Bei einem Badeunfall verletzt er sich an der Wirbelsäule so schwer, dass er seit jenem Flachköpper in die seichte Ostsee querschnittsgelähmt ist. Niemals war sein Handicap Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.

„Fußgänger haben auch Sorgen“, sagt er – ein typischer Gabor-Spruch. Seine Tätowierungen lenken ein wenig ab von dem, was hinter der auffälligen Fassade steckt: Ein nachdenklicher junger Mann, der über den 6. August 2010 heute sagt: „Das hat mich erwachsen gemacht.“

Weg in die Öffentlichkeit

Er spricht nicht wirklich gerne darüber, weil er es nicht mag, im Mittelpunkt zu stehen. Doch der Termin mit der Volksstimme war ihm dennoch wichtig, um „Danke“ zu sagen. Vor zwei Wochen stellte er über Paypal und Facebook einen Spendenaufruf ein. Unter der Überschrift „Reparatur meines geliebten Sprinters“ bittet er im Internet um finanzielle Unterstützung.

„Bisher konnte und wollte ich die Reparaturen und notwendigen Durchsichten selbst stemmen, doch nun steht eine große Reparatur an, die mein Budget übersteigt“, schreibt er in dem Text. „Ohne diese Reparatur wird der Bus leider keinen TÜV mehr bekommen. Eigentlich ist es gar nicht mein Ding, diesen Weg an die Öffentlichkeit zu gehen, aber ohne den Bus bin ich total am Arsch.“

Auto bedeutet Unabhängigkeit

3000 Euro braucht der 35-Jährige, um den Bus zu reparieren – ohne das Auto kann er nirgendwo hin. Der Sprinter bedeutet für ihn, unabhängig und frei zu sein. Regelmäßig fährt er zu Konzerten wie zuletzt zu Rammstein, zum Endless Summer-Festival oder mit seiner Mutti Liane zu Helene Fischer. „Das habe ich ihr zuliebe mitgemacht“, sagt er augenzwinkernd.

Vor seinem Unfall spielte er selbst Gitarre in „My own Life“ – in der „härtesten Hardcore-Band im Harz“, wie er sagt. Heute kann er nicht mehr in die Saiten greifen – wohl aber als Zuschauer noch dabei sein. Nebenbei engagiert sich Gabor offen gegen rechte Hetze. „Wenn jeder ein bisschen mehr Rücksicht auf den anderen nimmt, dann wäre die Welt nur halb so schlimm.“

Als Bewohner des Oberharz-Dörfchens Hahnenkopf würde ein Verzicht auf das Auto die Abgeschiedenheit besiegeln. Für den unternehmungslustigen und kontaktfreudigen Hardcore-Metal-Fan eine schreckliche Vorstellung. „Der Krümmer ist kaputt gegangen – und das kurz, nachdem der Bus aus der Werkstatt kam“, berichtet er.

„Das kann auch an den schlechten Straßenverhältnissen hier oben liegen.“ In den unteren Hahnenkopf führt nur ein desolater Schotterweg mit vielen Schlaglöchern. Wenige Wochen vorher hatte er erst 3000 Euro in sein Gefährt investiert. „Ich kann mir nicht einfach ein anderes Auto kaufen, weil der Sprinter speziell für mich umgebaut wurde. Ohne den Bus bin ich als Rollstuhlfahrer aufgeschmissen.“

Er stellt den Aufruf am 29. Juli um 22.31 Uhr über die Bezahlplattform Paypal ein. „Ich war so aufgeregt, dass ich nicht schlafen konnte - um 1.30 Uhr sage ich zu meiner Pflegekraft: ‚Das kann doch nicht wahr sein – es sind schon 480 Euro drauf.‘ Am Dienstag um 17 Uhr waren die 3000 Euro voll.“ Keine 24 Stunden hat es gedauert, bis er sein Ziel erreicht hatte.

„Und dann passierte das Unglaubliche: Die Leute haben weitergemacht“, sagt Gabor. Mittlerweile sind knapp 5000 Euro gesammelt. Viele Freunde aus der Musikszene, Bekannte, aber auch anonyme Spender beteiligen sich, senden Glückwünsche und Grüße an Gabor. Sein Entschluss steht indes: „Was nach der Reparatur übrig ist, werde ich spenden.“

Geld für Forschung

Eines seiner Herzensanliegen ist das Projekt „Wings for Life“, das Geld für die Rückenmarksforschung sammelt mit dem Ziel, eine Heilung für Querschnittslähmung zu finden. „Das Projekt gibt es seit fünf Jahren“, berichtet Gabor Schneider. „Einmal im Jahr findet weltweit zur gleichen Uhrzeit ein Lauf zugunsten der Rückenmarksforschung statt.“ Gabor Schneider hat 2018 im Harz 23 Läufer in seinem Team „One Wald One Crew“ – kurz OWOC Warriors – zusammengebracht, die gemeinsam nach München fahren, um unter dem Motto „Laufe für die, die es nicht können“ an den Start zu gehen. Den Anfang machte Henrik Werner aus Elbingerode vor drei Jahren, der zunächst alleine für Gabor an den Start ging.

Die Besonderheit: Die Läufer legen keine feste Distanz zurück, sondern werden von einem sogenannten „Catcher Car“ (zu deutsch: Einfangauto), das eine Stunde nach dem Start losfährt, eingeholt und eingesammelt. „Die Startgebühr von 49 Euro geht komplett an Wings for Life. Dieses Jahr konnten 3,5 Millionen gesammelt werden.“ Sein Wunsch: Am 3. Mai 2020 mit 50 Leuten nach München zum Wings for Life Run zu fahren.

Mehr Infos im Internet: wingsforlifeworldrun.com