Wernigerode l Zwei Mädchen in bauschiger Bluse mit Matrosenkragen blicken ernst in die Kamera. Darunter ein Kind im Taufkleid und ein Herr mit akkurat gebundener Krawatte: „Die meisten Bilder wurden im Fotoatelier Rose geschossen“, sagt Ursula Koglin und weist auf die Aufschrift unter den Fotografien hin. Die Wernigeröderin und ihr Mann haben vor kurzem historische Fotos und andere Zeitzeugnisse dem Stadtarchiv übergeben.

„Das war eine spontane Entscheidung“, berichtet Ursula Koglin. Gemeinsam mit ihrem Mann besuchte die Wernigeröderin das Stadtarchiv, das zum Tag der Archive seine Türen für Besucher geöffnet hatte. Das Paar kam mit Mitarbeiterin Saksia Düsedau ins Gespräch und erinnerte sich an die alten Fotos und Alben. „Ich stand hier und hab gesagt; Ich hab da etwas“, berichtet die 73-Jährige und blickt sich im Lesesaal um.

Abgegeben haben sie Fotografien und Schriftstücke, die zum Nachlass von Minna Poppendieck gehörten. Ursula Koglin lernte die Wernigeröderin, die am 17. November 1897 geboren wurde, im Krankenhaus kennen. „Ich war damals 14 Jahre alt“, so Ursula Koglin, die sich mit der Älteren anfreundete und sich um sie kümmerte. „Ich war immer ihr Häschen.“

Bilder

Die Freundschaft hielt bis zu Minnas Tod am 3. Mai 1982. Ursula und Harald Koglin erbten von ihrer Freundin, deren einziger Sohn Paul 1944 bei einem Bombenangriff in Magdeburg ums Leben gekommen war, ein Haus in der Lüttgenfeldstraße. Darin fand sich nicht nur der Hausschwamm, sondern es beherbergte auch zahlreiche Erinnerungsstücke der alten Dame. Lange lagerten diese in dem Haus, das die Koglins im Jahr 2000 bezogen.

Nun haben sie dem Archiv zwei großformatige Fotos von Schulklassen übergeben. Eine zeigt eine Klasse der Mädchenvolksschule in der Pfälzergasse 9 – in dem Gebäude befindet sich heute die Kindertagesstätte „Regenbogen“. 1902 wurde die Schule eingeweiht, das weiß Ursula Koglin – und, dass ihre Freundin Minna auf dem Bild zu sehen ist. „Sie ist unverkennbar.“ Um 1910 könnte das Foto entstanden sein, schätzt der stellvertretende Archivleiter Hans-Peter Mahrenholz.

Urkunde für Verdienste

Das zweite Bild zeigt eine Klasse der Knabenvolksschule, die sich in der Friedrichstraße 61 befunden hat. Von den Jungen, die darauf zu sehen sind, erkennt Ursula Koglin jedoch niemanden. Für wen die gerahmte Urkunde war, die sie ebenfalls mitgebracht hat, ist jedoch klar: Hermann Poppendieck, Minnas Vater, erhielt sie am 26. Juni 1914 „für Verdienste um das Feuerlöschwesen“.

Rätsel geben aber die meisten Fotos auf, die Minna Poppendieck in einem edlen Album mit Plüscheinband und vergoldeten Seitenkanten gesammelt hat. Zu sehen sind Männer, Frauen und Kinder, die für den Fotografen posieren – meist für Friedrich und Ernst Rose, Vater und Sohn, die das gleichnamige Fotostudio in Wernigerode betrieben. Gegründet wurde es 1848 an der Nöschenröder Straße, von 1897 bis 1904 war es am Nicolaiplatz angesiedelt. Nach einem weiteren Umzug übernahm Sohn Ernst das Atelier und führte es bis zu seinem Tod 1927.

Manche Erinnerungsstücke hat Minna Poppendieck ihrer Freundin gezeigt und davon erzählt, anderes hat sie nie berichtet. Ursula Koglin bedauert, dass sie nicht mehr nachgefragt hat. „Aber damals hat man sich nicht so interessiert wie heute.“ Neben den Familienfotos finden sich Postkarten von der Christuskirche und Feldpostkarten wie die vom 2. April 1915, die Christian Scherber an „Herrn Poppendieck“ schrieb. Darauf zu sehen sind sieben Uniformierte vor den Halberstädter Klusfelsen.

Hans-Peter Mahrenholz freut sich über die Neuzugänge. „Das sind kleine Schätze“, sagt er und blättert im Poesiealbum von Minna Poppendieck. Freundinnen, Cousinen, Mitkonfirmandinnen haben in Sütterlinschrift Verse eingeschrieben, manche verziert mit Glanzbildern von Engeln und Blumen. So schrieb Cousine Lieschen am 11. Februar 1912: „Halte Gott, bleib treu und brav, mach deinen Eltern Freude, solang du leben magst.“

Zeitzeugnis des Privaten

Der Archivar kann die alte Schrift problemlos entziffern und will eine Seite aus dem Poesiealbum im April als „Archivalie des Monats“ vorstellen. „Es ist ein Zeitzeugnis aus dem Privatleben – und damit mal etwas anderes als die Zeugnisse aus dem Behördenalltag, die wir hier überwiegend sammeln“, sagt Mahrenholz.

Was und wer auf den Fotos zu sehen ist, lässt sich nur schwer ergründen. „Das finden wir nicht heraus“, ist sich Mahrenholz sicher. Hinweise werden aber gern entgegengenommen. Die Schätze werden archiviert und in Hüllen aus säurefreier Archivpappe verstaut, „damit sie die nächsten Jahrhunderte überdauern“, so der stellvertretende Archivchef. Oft komme es nicht vor, dass Privatleute Gegenstände bringen. „Die wenigsten denken daran, dass sie etwas hier abgeben können.“ Stattdessen lande vermutlich vieles, was für ein Archiv von Wert wäre, im Müll. Nicht so bei Koglins: „Vielleicht finde ich noch etwas“, sagt Ursula Koglin.