Schierke l Sonnenstrahlen durchdringen die Laubkronen der Bäume auf dem Schierker Bergfriedhof. Lichtpunkte tanzen auf Grabhügeln und Kreuzen. Sie tanzen auch dort, wo Urban Fleischer begraben werden soll. Es ist ein schöner Tag, an dem Schierkes Pfarrer seine ewige Ruhe findet. Und das bereits zum zweiten Mal.

Der Kirchenmann starb vor 298 Jahren. Sein Grab galt lange als verschollen. Dass er jetzt unter seinen Schierkern Ruhe findet, ist dem Zufall zu verdanken. Die Überreste von Urban Fleischer wurden vor vier Jahren bei der Sanierung des Kindergartens entdeckt. Beim Abtragen des Fußbodens hatten Arbeiter eine Gruft freigelegt. Nicht verwunderlich, denn der ältere Teil der Kita wurde von 1691 bis 1881 als Kirche genutzt. Archäologen untersuchten das Grab. Die ganz große Sensation blieb allerdings aus – zumindest für die Experten. Bis auf zwei Sargbeschläge und einige Knochen fanden sie nichts. Der Sarg selber und der Rest des Skelettes fehlten.

Spekulation

Um wessen Überreste es sich handelte, darüber konnten die Archäologen vor vier Jahren nur spekulieren. Die Knochenstücke wiesen auf einen 50 bis 60 Jahre alten Mann hin, der unter Karies und Zahnausfall litt. Die Bauweise der Gruft, die in der Nähe des Altars gefunden wurde, deutete auf eine Beerdigung im 18. Jahrhundert.

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Die Schierker wussten mehr. Ortsbürgermeisterin Christiane Hopstock und Chronistin Ingrid Hintze begannen zu recherchieren, um das Rätsel um den Toten zu lösen. Nur eine einzige Person wurde in der Kirche begraben – Urban Fleischer, Schierkes zweiter Pfarrer überhaupt.

Kaum Informationen

Viel ist über das Leben des Gottesmannes nicht bekannt. Im November 1719 kam er nach Schierke, er hatte sich freiwillig für den Dienst in dem Bergdorf gemeldet. Doch das Schierke von vor 300 Jahren war anders, als wir es heute kennen. „Schierke war ein kleiner Ort, in dem sich Wald- und Hüttenarbeiter niedergelassen hatten“, blickt Pfarrerin Kerstin Schenk in ihrer Andacht zurück. „Die kleinen Häuser standen weit auseinander. Die unbeweglichen Felsen bestimmten die Orte, an denen die Menschen sesshaft wurden.“ Schon kurz nach seiner Ankunft sei Fleischer einem „kalten rauen Winter im Oberharz“ ausgesetzt gewesen. „Er muss hier oben ein ganz einfaches Leben gelebt haben“, vermutet die Pfarrerin. Sein Pfarrbereich sei groß gewesen, er habe ihn in weiten Teilen zu Fuß erwandern müssen. Sein Lohn waren einige Klafter Holz, Wiesenland zur Bewirtschaftung und 265 Taler im Jahr.

Urban Fleischers Dienst in Schierke währte kurz. Im Winter 1721 erkrankte der Pfarrer. Neun Tage später, am 5. Februar 1721, erlag er dem hitzigen Fieber. Mit nur 41 Jahren. Er wurde in der kleinen Kirche am Bodehang beigesetzt. Wie viele Menschen seiner Beerdigung damals beiwohnten, ob die Schierker um ihren Pfarrer trauerten, wie lange sie sich an ihn erinnerten – das weiß niemand mehr zu sagen.

Letzte Ehre

Nach einer Andacht in der Bergkirche hat Urban Fleischer nun einen Platz auf dem Friedhof des Dorfes gefunden. Einige Schierker, Gemeindemitglieder, Bürgermeisterin Christiane Hopstock (CDU), Stadtratspräsident Uwe-Friedrich Albrecht (CDU) und Wernigerodes ehemaliger Stadtchef Ludwig Hoffmann (SPD) erwiesen Pfarrer Urban Fleischer die letzte Ehre. Ein Kreuz mit seinem Namen schmückt jetzt sein Grab – damit er nie wieder in Vergessenheit gerät.

Hintergrund: Mit einer Taufe ist die Kirche am Bodehang im Jahr 1691 geweiht worden. 1881 gaben die Schierker das marode Gotteshaus auf und bauten eine neue Kirche. Das Gebäude wurde danach mehrfach vergrößert. Von 1949 bis 1960 diente es erstmals als Kindergarten sowie als öffentliche Lesehalle und Bibliothek für Touristen, von 1971 bis 2014 wieder als Kindergarten. Seither ist die Kita Dauerbaustelle. Die Arbeiten stehen inzwischen aber kurz vor der Vollendung.