Schierke l Die Schierker machen mobil. In Sachen Erholungsgebiet Winterberg soll nicht mehr von außen über sie und ihre Köpfe hinweg entschieden werden – so der Tenor am Dienstagabend. Fast 70 Interessierte hatten sich zum ersten Treffen der Bürgerinitiative „Pro Winterberg“ im Café Winkler eingefunden – unter ihnen auch etliche Wernigeröder und namhafte Vertreter der Grünen.

Am Rande von Schierke soll ein Ganzjahres-Erlebnisgebiet entstehen mit Seilbahn, Beschneiung, alpiner Skipiste im Winter und anderen Attraktionen. Die Kosten teilen sich die Investorengruppe Winterberg Schierke GmbH, die Stadt Wernigerode und das Land. Die Finanzierung des 25-Millionen-Euro-Vorhabens scheint in trockenen Tüchern. Wann und vor allem ob gebaut wird, steht jedoch noch in den Sternen.

Warten auf Zustimmung

Das Projekt steckt aktuell mitten im Raumordnungsverfahren. Planer und Investoren hoffen praktisch täglich auf die Zustimmung aus Magdeburg, die Voraussetzung für alle folgenden Genehmigungsverfahren und damit für die Umsetzung des Projektes ist. Ein Nein würde das Aus bedeuten.

Kritik gibt es vor allem von Seiten der Umweltschützer, die vor massiven Eingriffen in die Natur – wie der Rodung von 20 Hektar Wald und der Wasserentnahme aus der Bode – warnen. Knackpunkt ist die Frage, ob Seilbahn- und Pistentrasse einen Moorwald tangieren und die Fläche als Vogelschutz- und FFH-Gebiet (Fauna-Flora-Habitat) ausgewiesen ist. Die Entscheidung der Behörden lässt auf sich warten.

Vielen Schierkern reißt inzwischen der Geduldsfaden. „Es ist genug. Es wird Zeit“, so Werner Vesterling, der die Gründung der Bürgerinitiative maßgeblich angeschoben hat. „Die Entwicklung am Winterberg ist für das Überleben des Ortes notwendig.“ Die betreffende Fläche sei 2001 aus dem Nationalpark herausgelöst worden, um sie als Erholungsgebiet ausbauen zu können, blickte Vesterling zurück. „Für diese 70 Hektar hat der Nationalpark 3000 Hektar Ausgleichsfläche bekommen.“

Glänzende Vergangenheit

Ortschronistin Ingrid Hintze erinnerte an die glänzende Vergangenheit Schierkes als Wintersport-Mekka. Es habe eine Bobbahn, Rodelbahnen, eine Schanze, einen Abfahrtshang am Eckerloch, einen Slalomhang am Großen Winterberg gegeben. Zu DDR-Zeiten konnten viele der Anlagen nicht mehr genutzt werden. Sie lagen im Sperrgebiet. „Es wurden neue Möglichkeiten geschaffen wie die Abfahrt vom Erdbeerkopf“, so Ingrid Hintze. „Aber das war kein Ersatz. Nach der Wende dachten wir, es geht wieder los. Dann hat sich der Nationalpark gegründet. Uns wurden wieder Stolpersteine in den Weg gelegt.“

Mit dem Umweltschutz sollte es nicht übertrieben werden, meldete sich Michael Gebbert zu Wort. Eine Schneise durch den „dunklen schattigen Wald dort“ zu ziehen, wäre sogar eine Bereicherung für die Umwelt. „Wenn wir die Natur öffnen, ist das gut für die Lurche und Insekten. Und die Vögel brüten auch woanders“, so der Schierker. Es stimme nicht, dass für die Seilbahn 20 Hektar Wald verschwinden, merkte Mike Hopstock an. „Der Wald wird andernorts durch Ausgleichsflächen wieder aufgeforstet.“ Er wolle die Naturschützer nicht angreifen, so Hopstock, aber es gebe auch andere Meinungen.

Roland Jung gab zu bedenken, dass bereits viele Millionen Euro in die Umsetzung des Ortsentwicklungskonzeptes investiert wurden. „Straßen, Brücken, Parkhaus – alles, was bisher geschaffen wurde, ist sehr gut geworden“, so Jung. Fundamental für die Entwicklung sei aber das Erholungsgebiet Winterberg. „Und dieser Teil soll raus? Das ist wie beim Hausbau, wenn man mittendrin aufhört, noch kein Dach da ist und trotzdem einzieht.“

Debatte um Moorwald

Zudem zweifeln viele Schierker die Existenz jenes Moorwaldes an. „Schon meine Großmutter stammte aus Schierke. Wir kennen keinen Moorwald“, sagte Ingrid Hintze. Die Vorfahren von Werner Vesterling lebten seit 1595 in Schierke. „Von einem Moorwald habe ich noch nie gehört.“

Ludwig Hoffmann (SPD), Wernigerodes Ex-Oberbürgermeister, riet den Schierkern, sich Verbündete zu suchen – beispielsweise die Gemeinden im Oberharz. „Alle haben etwas davon. Das ist kein Schierke-Projekt, sondern ein Oberharz-Projekt“, so Hoffmann.

Unterstützung erfährt die Bürgerinitiative bereits vom Skiverband Sachsen-Anhalt mit Rüdiger Ganske an der Spitze. Der Verband bietet seine Mitarbeit an und schlägt den Einsatz einer Arbeitsgruppe vor, „unter Beteiligung aller erforderlichen Landesbehörden, des Landkreises, des Teams Schierke und der Bürgerinitiative“, so Ganske. „Ziel ist die Schaffung aller Voraussetzungen für den Baubeginn im Sommer 2017.“

Bedeutender Wirtschaftsfaktor

Schierkes Bürgermeisterin Christiane Hopstock (CDU) betonte, dass es wichtig sei, auf Tourismus zu setzen. Dieser sei im Land ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Unverständlich sei ihr das Verhalten der bündnisgrünen Umweltministerin Claudia Dalbert, die das Winterbergprojekt ablehnt. „Sie kümmert sich um Wölfe und Hamster. Aber hier war sie noch nie. Soll sie doch herkommen und uns sagen, was ihr Problem ist.“

Das sei, was die Bürgerinitiative erreichen wolle, ergänzte Werner Vesterling. „Wir können es nicht mehr vertragen, dass andere über uns hinweg entscheiden, ohne uns anzuhören. Wir fordern Gespräche mit den Verantwortlichen hier vor Ort.“ Man wolle nun einen Sprecherrat gründen und sich regelmäßig treffen. „Wenn wir keinen Druck aufbauen, klappt es nicht“, so Vesterling. „Zur Not fahren wir nach Brüssel.“

Andreas Meling, der im Wernigeröder Rathaus das Winterberg-Projekt koordiniert, wertet das Engagement der Schierker als Rückendeckung. „Das tut auch Oberbürgermeister Peter Gaffert gut, der die Investitionen in den Ortsteil gegenüber 35 000 Wernigerödern verteidigen muss.“ Die Themen Moorwald und FFH-Gebiet seien „äußerst komplex“, so Meling. „Aber wir sind der Meinung, dass nun genug Unterlagen für eine Entscheidung vorliegen.“