Wernigerode/Schierke l Das Schierker Parkhaus restlos belegt, der Kleine Winterberg voller Menschen, eine Gruppe Touristen kauft Tickets an der Seilbahntalstation. Skilangläufer sind in den frisch gespurten Loipen unterwegs. Familien tummeln sich derweil in den Gaststätten, manche bummeln durch den Ort, kehren später in den schicken neuen Hotels ein.

Planungsbüro beauftragt

Es ist die Vision, die sich viele herbei sehnen – das einstige St. Moritz des Nordens wachgeküsst. Tritt dieser Fall wirklich ein, müssen die vielen Autofahrer aus Hamburg, Berlin und dem Ruhrpott durch den schlauchförmigen Ort geführt werden. Doch wo entlang? Und wie verhindert man Staus? Mit diesen Fragen hat sich ein Ingenieurbüro im Auftrag der Wernigeröder Stadtverwaltung beschäftigt.

An vier Tagen rund um Ostern 2015 hat das Team der Dr. Brenner Ingenieurgesellschaft per Videotechnik den Verkehr in Schierke gezählt. Die Zahlen, die die Verkehrsanalytiker an fünf Knotenpunkten erhoben haben, wurden anschließend ausgewertet und darauf beruhend Empfehlungen formuliert. „Die Verkehrsplanung geht normalerweise davon aus, dass der Verkehr unter der Woche stärker ist, als an den Wochenenden“, sagte der zuständige Planer Heiko Jähnig bei der Präsentation der Ergebnisse im Sonderausschuss zur Ortsentwicklung. „Doch in Schierke ist es genau anders herum.“ Unter der Woche seien nicht einmal halb so viele Autos unterwegs wie an den Wochenenden.

Nordtrasse empfohlen

Heiko Jähnig stellte drei Szenarien für Schierke vor (siehe Infokasten). Im Planfall A, der aktuellen Situation, geht er künftig von einer sehr starken Belastung der Straße Am Winterbergtor (ehemals Sandbrinkstraße) aus. Besonders problematisch sei die Kreuzung Hagenstraße/Alte Dorfstraße am Ortseingang. Dort empfiehlt er, einen Kreisverkehr zu bauen, um den Bereich zu entlasten. Generell rät er davon ab, die Verkehrsführung so zu belassen.

Im Szenario B ist die Nordtrasse (eine Strecke im Wald, hinter dem Wohngebiet am Hermann-Löns-Weg) im Zweirichtungsverkehr ausgebaut. Der Verkehr fließt über die neue Strecke in den Ort hinein und wieder hinaus. Auch die Südumfahrung Am Winterbergtor bleibt in beiden Richtungen befahrbar. Diese Variante empfehlen die Planer. „Zusätzlich sollte die Kapazität des Parkhauses auf 900 Stellplätze gesteigert werden“, so Jähnig. Aktuell sind 712 Plätze im Parkhaus verfügbar. Mit Shuttlebussen werden die Besucher aus Drei Annen Hohne und vom Parkhaus Am Winterbergtor befördert. Von einem Einbahnstraßenringsystem (Planfall C) rät Jähnig ab.

„Das ist ehrlich gesagt, ein Offenbarungseid – das gerade für viele Millionen Euro gebaute Parkhaus genügt jetzt schon nicht mehr den Anforderungen“, sagte Thomas Schatz (Linke) im Ausschuss. Verwunderung äußerte Hendrik Thurm (CDU/Haus&Grund) darüber, dass die Nordumfahrung plötzlich wieder im Gespräch ist, nachdem sie vor zwei Jahren aus den Schierke-Planungen gestrichen wurde. „Ich dachte, diese Variante ist nicht planbar?“, so Thurm.

Weg liegt im Nationalpark

Kevin Müller (SPD) verstehe nicht, warum die Besucher den Umweg über die lange Nordtrasse zum Parkhaus fahren sollten. „Die Nordumfahrung treibt die Leistungsfähigkeit der Stadt an ihre Grenzen“, mahnte André Weber (CDU) an. Der Wernigeröder Peter Günnel erinnerte daran, dass der Weg hinter dem Hermann-Löns-Weg im Nationalparkgebiet liegt. „Habt ihr daran gedacht?“, sagte der Skisportler, der als Gast die Sitzung besuchte.

Jörg Völkel vom Wernigeröder Bauamt versuchte, die Ausschussmitglieder zu beschwichtigen. „Mit der Entscheidung, ob wir eine Nordtrasse bauen, sollten wir uns Zeit lassen“, so der Bauamtschef. Nicht vergessen werden dürfe, dass die Lebensqualität der Anwohner der Alten Dorfstraße davon abhängig ist, ob diese zweite Route gebaut wird. „Die Nordtrasse hat auch etwas mit der geplanten Beruhigung der Ortsmitte zu tun“, so Völkel. Hans-Dieter Nadler vom Planungsamt sagte, eine Verteilung der Verkehrslast auf Norden und Süden sei besser, als sich nur auf eine Seite zu konzentrieren.

Westerntor im Blick behalten

Ein wichtiger Aspekt sei die Auswirkung des Skimassentourismus auf die Westerntorkreuzung, sagte Thomas Schatz. „Das ist ein wirklich neuralgischer Punkt“, so der Linke-Fraktionschef. Er warnte davor, dass Touristen der Region den Rücken kehren, wenn sie stundenlang in der Friedrichstraße im Stau stünden. Stadtratspräsident Uwe-Friedrich Albrecht (CDU) forderte die Verwaltung auf, zum nächsten Ausschuss die Infrastruktur außerhalb Schierkes zu betrachten. „Wenn wir Schierke beleben, beeinflusst das auch das Drumherm“, so Albrecht.

Zu dem Thema werde die Verwaltung eine Beschlussvorlage erarbeiten, kündigte Schierke-Projektkoordinator Andreas Meling an.