Schierke l Der Harzwald stirbt. Die Fichten sind dem Borkenkäfer und der anhaltenden Trockenheit der letzten Jahre zum Opfer gefallen. Eine Entwicklung - so sind sich die Experten einig - die nicht mehr aufzuhalten ist. Während die einen von Waldwandel sprechen, etliche Waldbesitzer schier verzweifeln, schlagen die Schierker nun Alarm.

„Jammern hilft jetzt nicht mehr“, sagt Ortsbürgermeisterin Christiane Hopstock (CDU) am Sonnabendvormittag. Zusammen mit dem Ortschaftsrat hat sie zu einer Demonstration aufgerufen, um auf die Situation des Ortes aufmerksam zu machen. „Wir müssen etwas tun“, so ihre Ansage. Aber was? Das ist die Frage. Es müsse Antworten geben, fordert sie. Von der Landesregierung und vom Nationalpark. „Und darauf warten wir.“

Tourismus ohne Wald

Wie andere Orte im Harz lebt Schierke vom Tourismus. Die Urlauber kommen in die Region, um den Brocken zu besteigen, um durch die Harzer Wälder zu wandern. Nur was ist, wenn es diesen Wald bald nicht mehr gibt? „Was machen wir mit unseren Gästen?“, fragt Schierkes Bürgermeisterin. „Wir müssen im Ort etwas bieten.“ Sie nennt das ins Straucheln geratene Winterberg-Projekt mit Seilbahn, Skihang und Ganzjahres-Erlebniswelt. „Aber auch andere Ideen müssen her.“ Investoren von außerhalb und die Schierker selbst hätten in den letzten Jahren in den Tourismus investiert. Das dürfe nicht verpuffen, nur weil der Wald stirbt.

Nicht nur den Tourismus als Haupteinnahmequelle sehen die Schierker bedroht, sondern auch ihr Hab und Gut. Schierke ist vom Hochwasser bedroht. Regen- und Schmelzwasser von den umgebenden Waldhängen ergießt sich ins Tal und flutet Teile des Ortes. Das haben die vergangenen Jahre gezeigt. Doch wer kommt für die Schäden auf, wenn sich die Versicherung zurückzieht?, fragen die Schierker.

Hochwassergefahr

Sorgen, die Karl-Heinz Mänz (CDU) aus dem ebenso Hochwasser gefährdeten Silstedt teilt. Der Ortsbürgermeister hat sich an diesem Sonnabendvormittag mit einigen Bewohnern des Ortsteils auf den Weg nach Schierke gemacht, um die Nachbarn zu unterstützen.

Der Nationalpark verstecke sich hinter Gesetzen, so Silstedts Ortschef. „Die Natur regeneriert sich, heißt es. Aber erst in 50 Jahren. Eher werden wir keinen vernünftigen Wald haben“, sagt Mänz. „Wiederholen sich die extremen Niederschläge von 2017, dann hält der Oberharz das Wasser nicht mehr. Die Bäume sind tot und nehmen kein Wasser mehr auf.“ Für die Orte im Tal werde es dann gefährlich.

Das Hochwasser entstehe im Oberharz, gibt Wernigerodes Stadtratspräsident Uwe-Friedrich Albrecht (CDU) zu bedenken. „Wir müssen hier oben beginnen, den Hochwasserschutz zu forcieren, um perspektivisch in den Tälern weniger Geld auszugeben.“ Ein weiteres Problem sei die Waldbrandgefahr, so Albrecht. Feuerwehrfachleute würden sagen, wenn es im Wald brenne, könnten sie nicht mehr reingehen. Es sei zu gefährlich. „Sie können nicht löschen.“ Deshalb müsse schnellstmöglich ein Konzept erarbeitet werden, um Orte wie Schierke und Elend zu retten. „Wir können den Wald nicht retten. Aber man kann doch die Orte nicht einfach aufgeben und sagen: Sucht euch woanders eine Wohnung.“

Waldgipfel geplant

Auch aus Nachbarorten wie Braunlage und Ilsenburg sind Vertreter zur Demonstration gekommen, um den Schierkern den Rücken zu stärken. „Wir haben die gleichen Probleme“, sagt Ilsenburgs Bürgermeister Denis Loeffke (CDU). Rund um Ilsenburg sterben die Fichten ebenfalls. In Ilsenburg habe man nun aber entschieden, nach vorne zu schauen.

Im September habe sich Ilsenburgs Stadtrat per Resolution für die Organisation eines Waldgipfels stark gemacht. Bei dem Treffen sollen unter anderem Strategien zur Wiederaufforstung und deren Finanzierung besprochen werden, so Denis Loeffke. Nationalpark, Landesregierung und Umweltministerium dürften dabei nicht außen vorgelassen werden. „Diese Gespräche müssen wir schnellstmöglich führen.“ Die Briefe seien im Oktober raus. Derzeit werden der Termin für den Waldgipfel koordiniert.

Ein weiterer Teilnehmer ist der ehemalige Forstoberamtsrat Hinrich Schüler. Der Hornburger geriet vor einigen Monaten in die Schlagzeilen, weil er eine Strafanzeige gegen den Nationalpark Harz gestellt hatte. Erfolglos. Der naturnahe Waldumbau im Nationalpark stehe in Einklang mit Recht und Gesetz, hieß es von der Staatsanwaltschaft in Halberstadt, die das Verfahren im Oktober eingestellt hat.

Der Misserfolg hat den Niedersachsen nicht entmutigt, wie sein Auftritt in Schierke zeigt. „Es ist bedauerlich, dass die Länder Sachsen-Anhalt und Niedersachsen bisher nicht bereit sind, etwas zu unternehmen.“ Auch er forderte ein sofortiges Handeln.

Das Waldsterben sei kein Schierker Problem, sondern ein nationales, bringt es Christiane Hopstock zum Abschluss der Demo auf den Punkt. „Wir sollten enger zusammenrücken und gemeinsam etwas für den Harz erreichen.“ Kommentar