Evangelische Stiftung

Warum ein Mann aus Afghanistan nun als Bäcker im Harz arbeitet

Wir sprachen mit Roohola Tahari, der Flüchtling nach Deutschland kam, seinem Meister und seinen Kollegen in der Hofbäckerei.

Von Uwe Kraus 12.10.2021, 10:00
Roohola Tahari nimmt duftende Kastenbrote aus dem Ofen.
Roohola Tahari nimmt duftende Kastenbrote aus dem Ofen. Foto: Uwe Kraus

Neinstedt/MZ - Der 10. Oktober ist ein wichtiger Tag für Roohola Tahari. Vor genau drei Jahren entschied das Verwaltungsgericht in Magdeburg über seine Abschiebung. Der 21-Jährige blieb. Der gebürtige Afghane gehörte zur ersten Gruppe unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die im Jahr 2015 in Neinstedt ankamen.

Er fand im Paca-Domo-Projekt der Evangelischen Stiftung Neinstedt ein neues Zuhause. Der junge Mann erfüllte sich in den folgenden Jahren seinen Traum: Bei Meister Lutz Vanhöfen auf dem Marienhof wollte er das Bäckerhandwerk erlernen. „Seit 24. August gehört er als Geselle zu unserem Team“, freut sich der Chef.

„Bei den praktischen Prüfungen gehörte er zu den Besten. Anfangs war er sprachlich nicht so perfekt, aber unterdessen meistert er das alles sehr.“ Roohola Tahari sei ein richtiger „Hand-Werker“ geworden. „Bei mir wird das klassische deutsche Bäckerhandwerk gelebt. Da muss kein Azubi monatelang vorm Ofen, an der Brötchenmaschine oder beim Fettgebäck stehen. Jeder muss hier alles können“, betont Lutz Vanhöfen.

„Torte, Brötchen, Vollkornbrot und süße Teilchen. Unsere Lehrlinge schicken wir zu Lehrgängen, um ihnen spezielle Dinge beizubringen, die im Tagwerk zu kurz kommen. Da geht es um leckere Torten und das Teigflechten.“

Auf dem Marienhof der Evangelischen Stiftung weiß man, nicht bei jedem Migranten hat die Integration so gut geklappt. Doch nicht nur Geselle Roohola Tahari, der sofort in die Festanstellung übernommen wurde, steht heute in der Backstube. Sein Kollege Yusuf absolviert bei Lutz Vanhöfen gerade das zweite Lehrjahr.

Der Meister, der bereits seit seinem 16. Lebensjahr in der Branche ist und vergangenes Jahr 30-jähriges Meisterjubiläum feierte, sagt es deutlich: „Wir bilden junge Leute aus, um sie hier im Handwerk zu behalten. Da weiß ich, was ich für Leute bekomme. Natürlich gehört auch mal das Blecheputzen dazu.“

Schnell lernen die Auszubildenden, in die Backstube von ihrem Meister kommen keine Fertigmischungen. Der Sauerteig wird selbst angesetzt, die Körnermischung für die duftenden Kastenbrote, die Roohola Tahari gerade aus dem Ofen nimmt, gibt es so nicht außerhalb des Marienhofes.

„Wer mit dem Zug bis Magdeburg zur Berufsschule fährt, dann Fahrerlaubnis macht, frühmorgens in der Backstube steht und einen Lehrvertrag hat, der weiß, was er will.“

Kollegen über Roohola Tahari

„Kuchenstark“ sei man dort, was der Besuch des Cafés neben der kleinen Bäckerei beweist. In der Woche verlassen täglich etwa 1.000 Brötchen die Backstube, am Sonnabend können es schon mal 2.000 sein. In der Hofbäckerei finden neben dem Meister drei Gesellen, eine Konditorin und Azubi Yusuf Arbeit „und ganz viel Brot“. Der Marienhof sei so etwas wie das Eingangstor zum Inklusionsdorf, denn Menschen mit Behinderungen haben hier eine Beschäftigung.

Roohola Tahari, der mit 15 Jahren nach Deutschland kam, hat hier seinen Platz gefunden. Auch, wenn manchmal der Ämter-Marathon ihn fast geschafft hätte. „Wer mit dem Zug bis Magdeburg zur Berufsschule fährt und dann seine Fahrerlaubnis macht, frühmorgens in der Backstube steht und bei uns einen ordentlichen Lehrvertrag hat, der weiß, was er will“, stellen seine Kollegen fest.

„Die Stiftung hat sich in der Zeit für mich richtig reingehängt“, freut sich der Geselle, der unterdessen in Thale lebt und nicht mehr alle sechs Monate um eine behördliche Arbeitserlaubnis betteln muss.