Wernigerode l Für Hasserode ist es ein kleines, vorweihnachtliches Wunder. Der Protest der Anwohner hat gefruchtet. Ihre Fichte darf weiter leben.

Etwa 30 Wernigeröder versammeln sich am Mittwochmorgen um Punkt acht Uhr im Park am Floßplatz, um für den Nadelbaum zu kämpfen. Dessen Schicksal ist eigentlich besiegelt, die Motorsägen sind schon im Anmarsch. Der 15 Meter hohe Baum soll den diesjährigen Adventsmarkt schmücken. Nicht etwa, weil die Fichte so besonders schön ist. Nein, es sei kein anderer verfügbar, heißt es. Die Alternative:  „ein künstlicher Baum oder der völlige Verzicht auf den leuchtenden Baum vor dem Rathaus“, wird noch vor wenigen Tagen aus dem Rathaus informiert.

Doch es kommt alles anders: Andreas Meling überbringt den Protestierenden die gute Nachricht. „Der Baum bleibt stehen“, so der Chef des Stadtbetriebsamtes. Die Entscheidung hat Meling erst kurz davor getroffen. „Ich habe geguckt, die Leute gesehen und beschlossen, hier nicht zu fällen.“ Er habe weder Platzverweise erteilen, noch die Situation eskalieren lassen wollen, sagt Meling der Volksstimme. „Es geht schließlich nur um einen Baum.“

Erleichterung bei Anwohnern

Die Leute müssen die Neuigkeit erst einmal kurz sacken lassen. Dann applaudieren sie. „Das ist ein Sieg der Demokratie“, freut sich  Anwohner Kurt Reichel. „30 Jahre nach dem Mauerfall ist das ein Beweis dafür. Die Stadt fällt den Baum nicht, weil die Mehrheit dagegen ist.“

Reichel war es, der die Fichte vor fast 30 Jahren in der städtischen Parkanlage gepflanzt hatte, weil „da einfach was hinmusste“. Um so größer seine Entrüstung, dass eben dieser Baum gefällt und nach ein paar Wochen Weihnachtsmarkt entsorgt werden soll. „Das ist Umweltfrevel“, so Reichel gegenüber der Volksstimme. „Im Wald sterben überall die Fichten. Und hier haben wir einen gesunden Baum, der gefällt werden soll.“

Reichels Vorwurf setzt eine emotionale Debatte in Gang. Diskutiert wird unter anderem über die Frage, ob Wernigerodes Markt in Zeiten des Waldsterbens überhaupt einen Weihnachtsbaum braucht. Das Ergebnis der Volkstimme-Umfrage ist deutlich. Die Mehrheit könnte auf einen Baum verzichten. Und warum muss es ausgerechnet die Fichte aus dem Park in Hasserode sein?, fragen sich viele – zumal vorher etliche Wernigeröder einen Baum von ihrem Grundstück angeboten haben.

Weihnachtsbaum-Alarm im August

Im August hatte die Stadtverwaltung Alarm geschlagen. Bei der Weihnachtsbaumsuche war man auf Probleme gestoßen. Wegen Borkenkäfer und Trockenheit waren schöne Fichten im städtischen Forst Mangelware. „Von den Bäumen, die wir als Weihnachtsbäume vorgemerkt hatten, ist praktisch keiner mehr da“, so der damalige Ordnungsdezernent Christian Fischer. Deshalb waren die Wernigeröder gefragt. Wer hat eine schöne Fichte auf seinem Grundstück stehen, die er der Stadt spenden möchte?

Die Resonanz war riesig. Mehr als 50 Bäume wurden angeboten. Im Rathaus stand man vor der Qual der Wahl. Oder nein, doch nicht. Laut Stadtverwaltung war kein einziger Nadelbaum geeignet. Nicht alle Bäume seien vorzeigbar gewesen. Ausschlusskriterium aber war, dass sich die meisten Fichten nicht sicher fällen und abtransportieren ließen. Deshalb fiel die Wahl auf die Parkfichte in Hasserode.

Ersatzbaum aus dem Stadtwald

Und diese ist gar nicht so alternativlos, wie zunächst behauptet. Denn ganz plötzlich zaubert die Stadt einen Ersatzbaum aus dem Hut. „Wir haben immer einen zweiten Baum in der Hinterhand“, erklärt Andreas Meling. „Es könnte doch sein, dass der Baum beim Transport beschädigt wird oder zerbricht.“

Die neue Fichte, die übrigens aus dem Stadtwald stammt, steht bereits mit Lichterketten behangen auf dem Markt. Mit 12,5 Metern ist sie nicht ganz so hoch wie die Hasseröder Fichte. „Aber wenigstens haben wir einen richtigen Baum“, so Meling, der die ganze Aufregung nicht recht verstehen will. „Naturschutzfachlich macht es doch keinen Unterschied, ob wir einen Baum im Stadtwald oder im Park fällen.“