Wolmirstedt l Das Wolmirstedter Umspannwerk wird in den kommenden Jahren immer mehr zum „Zentralbahnhof“ für Strom ausgebaut. Der stammt von den Windrädern des Nordens, wird in Wolmirstedt gesammelt und in den industriereichen, stromhungrigen Süden geschickt. Dafür lösen 380-Kilovolt-Leitungen die 220-kV-Leitungen nach und nach ab. Die leistungsfähigste Verbindung soll jedoch eine Gleichstromtrasse werden.

Lässt sich eine 380-kV-Leitung mit einem Intercity vergleichen, so wäre die Gleichstromtrasse mit 500 kV der Transrapid. Über so eine Gleichstromtrasse fließt mehr Strom verlustfreier, aber es gibt einen Haken. Sie verfügt nur über einen Anfangs- und einen Endpunkt. Abzweigungen unterwegs sind nicht möglich und auch nicht vorgesehen.

Am Beginn der Gleichstrom-Süd-Ost-Passage muss also der Windstrom, der als Wechselstrom ankommt, über einen Konverter in Gleichstrom gewandelt werden und am Ende wieder zurück. Ein Konverter soll in Wolmirstedt stehen, der andere vermutlich in Isar bei Landshut. Mit dem Bau dieses Konverters würde das Anlagevermögen des Wolmirstedter Umspannwerks steigen, und damit stiegen auch die Gewerbesteuerzahlungen für die Stadt Wolmirstedt.

Die Gleichstromtrasse ist die Konsequenz des steigenden Bedarfs an Windstrom im Süden. Die neuen Anfangs- und Endpunkte der Süd-Ost-Passage sollen in Kürze im Bundesbedarfsplangesetz festgeschrieben werden.

Auf das Gesetz folgt die Suche nach dem geeigneten Verlauf der Leitung. Hierfür wird zunächst ein Korridor von 1000 Metern Breite ermittelt. Anschließend wird innerhalb des Korridors nach der genauen Lage der rund zehn Meter breiten Kabeltrasse gesucht. „Bei all diesen Planungsschritten werden wir die Menschen in Sachsen-Anhalt eng einbeziehen“, verspricht Axel Happe, Unternehmenssprecher von 50Hertz. Bis zur endgültigen Genehmigung und dem Bau wird es noch Jahre dauern.

Der ursprüngliche Plan, den Gleichstrom, ebenso wie den Wechselstrom, über Freileitungen zu transportieren, wurde gekippt. Die Bundesregierung hat aufgrund erheblicher Proteste in Bayern die Verlegung als Erdkabel beschlossen. Ausnahmen sind begrenzt. Das bedeutet: Auf der Kabeltrasse dürfen auf bis zu 14 Metern Breite keine tiefwurzelnden Büsche oder Bäume wachsen. Landwirtschaft hingegen kann es über den rund 1,60 Meter tief liegenden Kabeln bedenkenlos geben. Durch die Temperatur – die Kabel erwärmen sich auf bis zu 50 Grad Celsius – seien nach derzeitiger Kenntnis keine gravierenden Auswirkungen zu erwarten. Die Kosten der unterirdischen Verlegung gegenüber Freileitungen schätzen die Übertragungsnetzbetreiber auf das Drei- bis Achtfache gegenüber Freileitungen.

Mit dem Entfernen der bisher genutzten 220-kV-Leitungen sind auch die Tage der Trafobänke gezählt. Eine der beiden Trafobänke des Wolmirstedter Umspannwerks wird derzeit demontiert. Damit entfällt eine der beiden Quellen, die für den typischen Dauerbrummton verantwortlich sind. Voraussichtlich 2020 wird auch die zweite Trafobank fallen, die bis dahin noch Strom über die Leitungen in den Berliner und Mecklenburger Raum liefert.

Im Regionalzentrum am Umspannwerk Wolmirstedt sind 43 Mitarbeiter beschäftigt. Betrieben wird es von „50Hertz“, einem der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber und zuständig für das Höchstspannungsnetz in Ostdeutschland und im Hamburger Raum. „Mit dem Netzausbau stellt sich 50Hertz einer der größten Herausforderungen der kommenden Jahre“, erklärt Sprecher Axel Happe. Besonders der Übergang zwischen Thüringen und Bayern sei noch immer ein Engpass, weil die DDR stromtechnisch als Insel funktionierte.

Solange also nicht genug Nordstrom im Süden ankommen kann, muss für Bayern Strom hinzugekauft werden, womöglich Strom, der aus weniger wirtschaftlichen Kohle- oder Gas-Kraftwerken stammt. Der treibt den CO2-Ausstoß in die Höhe und ist teurer als Windstrom. Langfristig bestehe ohne Netzausbau somit die Gefahr, dass in Deutschland zwei Strompreiszonen entstehen: eine im Norden, wo es den günstigen Windstrom gibt, die andere, teurere im Süden.

Unabhängig davon sollen bis 2025 mindestens 40 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Das Problem: Solaranlagen produzieren nur bei Tag und Biomasse als Brennstoff ist begrenzt. „Deshalb wird bei solch großen Mengen in Deutschland die Windenergie den größten Anteil haben“, betont Axel Happe. Am besten gelingt das im windreichen Norden und auf offener See. Zwei Maßnahmen sollen für stärkere Nutzung des Windes sorgen. Zum einen werden die Offshore-Windparks ausgebaut, also die Windparks in Nord- und Ostsee, zum anderen steht das sogenannte Repowering im Fokus. Damit ist der Ersatz der alten Windräder durch neue, leistungsfähigere gemeint.

Hat die alte Windrädergeneration noch etwa 1,5 Megawatt Strom produziert, so erzeugen die neuen Windräder bereits 5 bis 6 Megawatt. Fünf 380-kV-Doppelleitungen transportieren schon jetzt Windstrom über Ragow, Berlin, Stendal, Helmstedt und Bad Lauchstädt nach Wolmirstedt. Das für den ausreichenden Weitertransport notwendige 380-kV-Netz entsteht vor allem in den bestehenden 220-kV-Stromtrassen. „Netzoptimierung und Verstärkung stehen vor dem Trassenneubau“, heißt es bei „50Hertz“.

Doch die Experten müssen noch mehr bedenken. „380-kV-Leitungen dürfen im Normalfall nur bis zu 50 Prozent ausgelastet sein“, sagt Axel Happe. So werde gesichert, dass genug Aufnahmekapazitäten für Windstrom bleiben, falls eine der Leitungen ausfällt. Gäbe es in so einem Fall keine Reserven, könnten sich Netze wegen der Überlastung abschalten. Stromausfall in weiten Teilen Deutschlands wäre die Folge.

Künftig wachsen nicht nur die großen „Stromautobahnen" von und nach Wolmirstedt. Auf dem rund 250 000 Quadratmeter großen Gelände des Wolmirstedter Umspannwerks wird ein anderes Feld in den nächsten Jahren mehr Raum einnehmen. Auf gut einem Zehntel der Fläche baut Avacon eine 110-kV-Anlage. Der Verteilnetzbetreiber bringt den Windstrom, den die hiesigen Windräder produzieren, in die Haushalte und Betriebe der Region – und auch zum Umspannwerks-Drehkreuz Wolmirstedt für den Abtransport in den Süden.