Barleben l In das medizinische Fachgebiet der Geriatrie tauchten am Sonntag die Zuhörer im Mehrgenerationenzentrum ein. Zu Gast war dort Dr. Sabine Reuter, Chefärztin der Abteilung Geriatrie im Helmstedter Klinikum. „Die Amerikaner haben auf diesem Gebiet schon viel früher geforscht als die Deutschen, hier ist die Geriatrie lange Zeit als ‚Tüddeltruppe‘ angesehen worden, die sich eben ein bisschen um die Alten kümmert“, sagte sie. Inzwischen sei die Geriatrie aber auch in vielen deutschen Kliniken und Praxen anerkannt.

Ein Problem bei geriatrischen Krankheitsbildern sei meist, dass mehrere Krankheiten zusammenkommen. Asthma bronchiale, Diabetes mellitus, Depressionen, koronare Herzerkrankungen, Störungen des Fettstoffwechsels, chronische Bronchitis, Arthrose und Arthritis sowie Osteoporose seien die häufigsten Krankheiten, mit denen die Geriater konfrontiert werden. Inkontinenz, Gleichgewichtsprobleme, Seh- und Hörschwächen, Schluckstörungen und demenzielle Erkrankungen könnten das Leben im Alter ebenfalls einschränken.

Auf alle diese Krankheiten ging Sabine Reuter im Laufe des Vortrags detaillierter ein, sie erläuterte auch die Problematik des Zusammenspiels: „Von den Menschen, die über 85 Jahre alt sind, haben mehr als die Hälfte schon mehr als sieben verschiedene Krankheiten. Da muss man einfach anders herangehen als bei jüngeren Menschen.“

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Häufig Nebenwirkungen

So könne man zum Beispiel nicht in jedem Fall einfach Medikamente absetzen oder geben, weil Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Medikamenten erst einmal berücksichtigt werden müssen. Sabine Reuter weiß: „Ein häufiger Grund, warum ältere Menschen im Krankenhaus landen, sind unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten.“ Ein Grund dafür seien laut Sabine Reuter in rund der Hälfte aller Fälle falsche Dosierungen von Medikamenten: „Bei einem 86-Jährigen muss man aufgrund des veränderten Wasser- und Fettgehalts im Körper in den meisten Fällen eine andere Dosierung wählen als bei einem durchtrainierten 20-Jährigen.“

Laut Sabine Reuter gehören zu einem Geriatrie-Team unter den besten Umständen nicht nur Ärzte, sondern auch Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Pfleger, Sozialarbeiter, Psychologen und Seelsorger. „Mit verschiedenen Tests können wir dann bestimmen, wie eingeschränkt oder beweglich jemand in seinem täglichen Leben ist, wie sich jemand noch selbst helfen kann und wie Familie und Freunde noch unterstützen.“

Selbständigkeit erhalten

Wichtig für eine gelungene geriatrische Behandlung sind die Erhaltung oder Verbesserung der Selbständigkeit, die Mobilität, die geistige Leistungsfähigkeit, die psychische Stabilität, die soziale Einbindung, eine sinnvolle Ernährung, die Bewältigung von Ängsten und die konsequente Behandlung aller körperlichen und geistigen Störungen.

Als wichtigsten Tipp gab Sabine Reuter ihren Zuhörern mit: „Bleiben Sie in Bewegung. Gehen Sie spazieren, machen Sie Kniebeuge beim Zähneputzen oder Krafttraining mit Flaschen, das geht alles prima im Alltag. Hauptsache, Sie haben auch Spaß dabei, damit Sie nicht gleich wieder aufhören.“

Bei regelmäßiger moderater Bewegung sinke zum Beispiel das Risiko, an Diabetes mellitus zu erkranken, um 50 Prozent. Auch das Risiko für eine Depression sinkt um die gleiche Rate, das Demenz-Risiko sogar um ganze 60 Prozent, wie Sabine Reuter erklärt.

Vortrag kam gut an

Auch gemeinsame Aktivitäten seien ganz wichtig, um im Alter nicht einsam zu werden. „Und es ist auch keine Schande Hilfe anzunehmen oder darum zu bitten. Das können Sie ruhig machen“, riet Sabine Reuter.

Rita Linke vom Vorstand des Mehrgenerationenzentrums zog nach dem ersten medizinischen Sonntag in Barleben ein positives Fazit: „Für eine erste Veranstaltung war der Vortrag von Frau Reuter gut besucht. Wir hoffen natürlich, dass sich das Angebot herumspricht und in Zukunft noch ein paar Interessierte mehr den Weg zum medizinischen Sonntag finden.“

Die Besucher waren nach dem Vortrag sehr angetan von der Idee des medizinischen Sonntags. Heidi Scheidemann meinte: „Der Vortrag zur Geriatrie von Frau Dr. Reuter war nicht nur ungemein informativ, sondern auch sehr unterhaltsam. Die Ärztin hat mir mit ganz viel Humor das vermittelt, was ich über die Medizin im Alter wissen muss.“

Doris Piechowiak stimmte ihr zu: „Das war eine richtig gute Sache. Und dafür mussten wir nicht mal Barleben verlassen.“ Auch Gisela Dannert fand den Vortrag der Ärztin „ganz prima, allerdings war es schade, dass nicht noch mehr Zuhörer da waren.“