Niederndodeleben l Der Mann ist Fan und profunder Kenner der Szene. Buchholz‘ Haus in Niederndodeleben beherbert viele Insignien – Erinnerungsstücke an vergangene Fußballzeiten und -helden. Stolz blättert Buchholz in mit Texten und Fotos prall gefüllten Alben, zeigt Autogramme, die er sich allen Hindernissen zum Trotz ergattert hat. Und er erzählt von seinen Reisen. „Ich wollte unbedingt die Nationalmannschaft der BRD live erleben. Gelegenheit bot sich in Warschau. Dort empfing die polnische Nationalmannschaft im Rahmen der Europameisterschafts-Qualifikation die westdeutsche. Da musste ich unbedingt hin“, erinnert sich Buchholz an den Aufwand, der vor fast auf den Tag genau vor 45 Jahren dafür erforderlich war.

Er erinnert sich auch an Elsbieta, eine Freundin. Er habe sie kontaktiert und tatsächlich zwei Tickets zum Spiel erhalten. In Berlin-Schönefeld besteigt der Niederndodeleber gemeinsam mit einem Freund den Flieger nach Warschau. „Die Maschine kam aus Paris“, weiß Buchholz noch heute. In Warschau wird er von Elsbieta erwartet – und Ursula, ebenfalls einer Freundin. „Wir haben unser Wiedersehen im ,Metropol‘ bei einem gemeinsamen Frühstück genossen und uns danach die Hauptstadt angesehen“, plaudert er aus dem Nähkästchen.

Am Tag vor dem Länderspiel macht er sich zum Stadion auf. Er erhascht einen Blick auf das Trainingsgelände und sieht, wie sich die westdeutsche Mannschaft vorbereitet. Kurzerhand klettert er über den Metallzaun. Ein polnischer Milizionär stellt ihn, doch Buchholz hat eine Idee: Er zückt seine Kamera und gibt sich als westdeutscher Journalist aus. Der Trick gelingt, der Weg zu den eigentlich unerreichbaren westdeutschen Superstars ist frei. „Ich habe diese glänzende Gelegenheit genutzt und zahlreiche Fotos geschossen. Etliche Filmrollen mussten gewechselt werden.“

Bilder

Es sei ein seltenes Erlebnis gewesen, hautnah beim späteren Europa- und Weltmeister dabeisein zu können. „Ich habe das natürlich nicht vorausgesehen. Geplant war das nicht, doch musste ich die Chance einfach nutzen, Kickern wie Günter Netzer, Paul Breitner, Franz Beckenbauer oder Siggi Held zu begegnen“, ist Buchholz heute noch glücklich über den gelungenen Streich.

Völkerstämme auf dem Weg

Dieses Erlebnis muss gefeiert werden. Elsbieta hat für die Abendunterhaltung in der Bar des Kulturpalastes Plätze reserviert. „Das war eine gute Idee, denn zum Abend war das Lokal ausgebucht. Unsere ,Brüder‘ und ,Schwestern‘ aus der BRD mussten trotz ihrer harten D-Mark draußen bleiben. Grund für uns, uns auch mal darüber zu freuen, nicht als Menschen zweiter Klasse abgetan worden zu sein“, beschreibt Günther Buchholz seine damalige Gefühlslage.

Für Sonntag, 10. Oktober 1971, steht das große Duell der Nationen auf dem Plan. Ganze Völkerstämme machen sich auf den Weg zum „Stadion des 10. Jahrestages“. Erneut hat Günther Buchholz Glück. Er erspäht eine Menschenmenge, stürzt sich ins Getümmel und ergattert zwei Programmhefte, die als Souvenir verkauft werden. „Da war Drängeln und Schubsen angesagt. Die Stimmung war ziemlich aufgeheizt“, erzählt der Niederndodeleber. Der „Kampf“ um Trophäen geht weiter. „Ein Pole bot mir einen Wimpel zum Tausch gegen ein Programmheft an. Ein schmerzhafter Griff an meinen Hals folgte; höchste Zeit, stiften zu gehen und die Plätze einzunehmen.“

Wenige Meter entfernt erbittet eine Gruppe, aus Leipzig angereist, Autogramme vom legendären westdeutschen Sportreporter Ernst Huberty. „Ich habe doch gar nicht gespielt, was wollt Ihr von mir?“ hebt er beide Arme. Geduldig erfüllt Huberty dennoch die Autogrammwünsche und spricht später in seiner Reportage von 5000 Schlachtenbummlern aus Ostdeutschland.

Das Qualifikationsspiel gewinnt Deutschland mit 3:1. Den 0:1-Rückstand durch Robert Gadocha (22.) kontert Gerd Müller mit einem Doppelpack (1:1/29., 2:1/64). Jürgen Grabowski stellt mit dem Treffer zum 3:1 (70.) die Weichen auf Gruppensieg. Für die Fans der deutschen Nationalmannschaft ist der Gruppensieg durchaus keine Überraschung. Für die ostdeutschen Fans ist das Erlebnis grandios.

Nach dem Schlusspfiff geht Günther Buchholz wieder auf Trophäenjagd. Diesmal wird er bei einer Pressevertreterin fündig. „Ich habe sie höflich um einige Pressefotos gebeten. Sie bekam meine Adresse und ein kleines Geschenk obendrauf. Wenige Tage später hatte ich fünf Pressefotos mit Spielszenen und von der Mannschaft im Briefkasten“, weiß Buchholz.

Am Montag, 11. Oktober 1971, tritt der Niederndodeleber seine Rückreise in die Heimat an. Auch im Transitraum ist Buchholz aktiv. Dort wartet die westdeutsche Fußballnatio-nalmannschaft auf ihren Abflug. Er ergreift die Initiative, um nochmals Autogramme der Spieler einzuholen.

Warschau – Berlin-Schönefeld – Amsterdam – London wird auf dem Flugplan angekündigt. „Für uns DDR-Bürger war in Berlin-Schönefeld natürlich Endstation, dort haben wir aussteigen müssen“, erinnert er sich. Das Erlebnis kann ihm aber keiner nehmen.