Übung

700 Menschen probten vor hundert Jahren in Groß Ammensleben die Katastrophe

In Deutschland gibt es Mitte der 1920er Jahre das dichteste Eisenbahnnetz Europas. Hier wird regelmäßig der Ernstfall geprobt. Wie auch in Groß Ammensleben im November 1928.

Von Wilfried Lübeck 10.07.2021, 12:45
2022 würde der Bahnhof Groß Ammensleben sein 150. Jubiläum feiern. Fast 100 Jahre vorher wurde hier noch der Ernstfall geprobt.
2022 würde der Bahnhof Groß Ammensleben sein 150. Jubiläum feiern. Fast 100 Jahre vorher wurde hier noch der Ernstfall geprobt. Foto: Tom Wunderlich

Groß Ammensleben - Es ist ein kühler Samstagmorgen, als in Groß Ammensleben am 6. November 1928 zwei Personenzüge zusammenstoßen. Weit über 100 Menschen werden verletzt. Vier sterben. Zwölf Stunden sind Einsatzmannschaften im Einsatz – was im ersten Moment nach einem schlimmen Unglück klingt, entpuppt sich als eine durchorganisierte Großübung in den 1920er Jahren.

Am 16. Dezember 1872 fuhr der erste Personenzug von Haldensleben nach Magdeburg. Errichtet wurde die Eisenbahnlinie von der Magdeburger-Halberstädter-Eisenbahngesellschaft, also einer privaten Arbeitergesellschaft. Im Zug saßen rund 400 Fahrgäste und Hunderte von Zuschauern standen an den Bahnhöfen. Diese Linie entstand in einer Zeit, als der Bau von Nebenstrecken im privaten Sektor seinen Anfang nahm. So wurde die Strecke Magdeburg-Leipzig im August 1840 fertiggestellt. Im Juli 1845 kam die Strecke Magdeburg-Oschersleben-Braunschweig hinzu, im August 1846 die Verbindung Magdeburg-Potsdam. Von Magdeburg nach Wittenberge konnte man ab Juli 1849 reisen. Erst 1924 wurden die wichtigsten Strecken in ganz Deutschland in der Deutschen Reichsbahn (DR) als Staatsunternehmen zusammengefasst. Zu dieser Zeit hatte Deutschland das dichteste Eisenbahnnetz in Europa. Eisenbahnunglücke ließen sich nicht vermeiden und wurden auch durch Übungen geprobt.

So auch am 6. November 1928, einem Sonnabend, in Groß Ammensleben. Die Kinder der evangelischen und katholischen Schule hatten an diesem Tag extra schulfrei bekommen, da sie an diesem Tag eine besondere Rolle einnahmen. Sie sollten als Statisten für mehrere Stunden bei besagter Übung aushelfen. Die Mädchen fanden das Schminken von Wunden sehr aufregend und die Jungen fühlten sich wie kleine Helden. In dieser Zeit waren noch immer die Nachwehen des Ersten Weltkrieges zu spüren. Vor allem die Jungs fühlten sich mit ihren aufgeschminkten Wunden in die Rollen ihrer Väter versetzt, welche im Krieg für Deutschland gekämpft hatten. An diesem Samstagmorgen nahm man an, dass eine falsche Weichenstellung dafür verantwortlich ist, das zwei Personenzüge aus Magdeburg und Haldensleben im Bahnhof Groß Ammensleben zusammengestoßen sind. Drei Personenwagen und ein Packwagen werden bei dem Unglück schwer beschädigt. Das Unglück fordert an diesem Morgen vier Tote. Mindestens 150 Menschen, vor allem Kinder, werden zum Teil schwerstverletzt.

700 Menschen bei Großübung

Um Punkt 8 Uhr beginnt die Übung im Ort. Keine zwei Minuten später sind zwei Ärzte aus Groß Ammensleben zur Stelle. Gleichzeitig geht am Hauptbahnhof in Magdeburg folgende Meldung ein: „Erbitten sofort Hilfszug mit Ärztewagen". Innerhalb von 16 Minuten traf dieser Hilfszug in Groß Ammensleben auch ein. Neben Ärzten waren auch Sanitäter und Arbeiter mit erforderlichen Arbeitsgeräten gekommen. Gegen 9 Uhr traf ein Hilfszug der Technischen Nothilfe ein. Es handelte sich hierbei um eine Freiwilligen-Organsation, welche 1919 gegründet wurde. Aus ihr ging 1953 das Technische Hilfswerk (THW) hervor. Des Weiteren kamen Sanitätsmannschaften aus Groß Ammensleben, Meitzendorf, Barleben und Samswegen zum Einsatz. Zusätzlich rückten Angehörige der Freiwilligen Feuerwehren aus Gutenswegen, Dahlenwarsleben, Wolmirstedt und Meseberg an. Auf dem Dorfplatz sowie der Bahnhof- und Meseberger Straße von Groß Ammensleben wurden Verletztensammelplätze mit Zelten errichtet, welche von der Polizei bewacht wurden. Die Freiwillige Feuerwehr musste einen simulierten Wagenbrand löschen. Dafür war extra ein Wagen der Eisenbahn mit Holz, Öl und Teer in Brand gesetzt worden. Um 20 Uhr wurde die Übung, an der rund 700 Personen Männer und Frauen sowie Kinder teilnahmen, für beendet erklärt.

Die Magdeburger Zeitung schloss damals ihre Berichterstattung mit folgendem Satz: „Die Probe, die ziemlich überraschend kam, hat die Bereitschaft für den Ernstfall recht gut bewiesen.“