Wolmirstedt l Lina Schmidt ist glücklich. „Wir sind froh, dass wir unsere schönen Kleider überhaupt anziehen können.“ Damit spricht die Wolmirstedterin für alle Abiturientinnen des Kurfürst-Joachim-Friedrich-Gymnasiums, denn lange war nicht klar, ob es überhaupt einen feierlichen Schulabschluss geben wird. Doch inzwischen sind die Einladungen ausgesprochen. Die Abiturzeugnisse werden am 10. Juli in der Sporthalle des Gymnasiums würdig übergeben.

Damit erleben die Mädchen und Jungen der vier Lerngruppen das Ende ihrer Schulzeit so ganz anders, weniger ausgelassen, als es seit Jahrzehnten üblich ist und eigentlich gedacht war. „Unser Jahrgang ist sehr strukturiert, wir hatten für alles einen Plan“, lacht Lina Schmidt. Auch für die Mottowoche, in der sich die Abschlussjahrgänge jeden Tag zu einem anderen Thema kostümieren. Um Zeitreise sollte es für die Abiturienten 2020 gehen, um Weltreise, um Teams und Twins. Ebenso akribisch waren die Spiele des letzten Schultages geplant worden. Doch dann kam alles anders. Im März wurden die Schulen wegen Corona von einem auf den anderen Tag geschlossen, die Vorfreude gefror, plötzlich war nicht einmal der Schulabschluss mehr sicher. Lina Schmidt blickt auf eine Zeit der Ungewissheit: „Die Sorge wurde immer größer, dass es mit dem Abitur nicht klappt.“

Das bestätigt auch Jonas Leinhos. „Es gab eine große Unsicherheit, ob das Abitur überhaupt geschrieben wird. Das hat sich auf die Motivation ausgewirkt. Lohnt sich das Lernen überhaupt?“ Doch beide bestätigen, die Unsicherheit sei bald verflogen, einem Jetzt-erst-recht gewichen. Jonas Leinhos formuliert: „Ich wollte nicht vor der letzten Hürde aufgeben.“

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Keine Ablenkung, nur die Hefter

Lina Schmidt begann in den Corona-Wochen allmählich wertzuschätzen, kurz vor dem Abi so viel Zeit zu Hause zu verbringen. Alles, was ihr in den letzten Jahren neben der Schule wichtig war, der Sport, das Ehrenamt als Übungsleiterin, die Mitarbeit in der Projektgruppe „Gestrandeter Zug“, durfte ohnehin nicht mehr gelebt werden, wegen Corona durften sich Menschen nicht mehr begegnen. Lina fokussierte sich aufs Lernen. „Es gab keine Ablenkung, mir blieben bloß die Hefter.“

Nicht mal mehr mit ihren Eltern sei sie einkaufen gegangen, erzählt Lina, so sehr habe sie sich in den Stoff vertieft. Auch Jonas sagt, es habe neben den Abiturvorbereitungen keinen Platz für Hobbys gegeben. Corona hat sowieso nichts zugelassen.

Abiturstoff zum Teil selbst erarbeitet

Wegen der Kontaktbeschränkungen und der geschlossenen Schule mussten sie, wie alle Abiturienten des Jahrgangs 2020, zunächst lernen, sich den Unterrichtsstoff selber zu erarbeiten. Jeder Schüler, jede Schülerin musste einen Rhythmus finden, sich den Unterrichtsstoff selbst einteilen. Die Aufgaben haben die Lehrer über die Lernplattform Moodle übermittelt. Der persönliche Kontakt war spärlich. Vor den Prüfungen gab es eine Konsultation, die 60 Minuten dauerte.

Auch als die Schule wieder vorsichtig geöffnet wurde, waren nie alle Schüler gleichzeitig im Klassenzimmer anwesend. Ein gemeinsames Aufgeregtsein, das Flirren vor den Prüfungen, die Diskussionen auf dem Schulflur – all das gab es für diesen Jahrgang nicht.

Die Prüfungsinhalte blieben davon unberührt. Obwohl das Lernen, die Prüfungsvorbereitung Hals über Kopf auf Selberlernen umgeschaltet wurde, sind Lina Schmidt und Jonas Leinhos darüber einig: „Uns wurde im Abi nichts geschenkt.“

In den Prüfungen wurde auch der Stoff abgefragt, der in der Zeit der Schulschließung von jedem einzelnen zu Hause allein erarbeitet werden musste. Jonas Leinhos sagt: „Ein wenig Anpassung an die Bedingungen hätten wir uns gewünscht.“ Doch er bestätigt ebenso wie Lina, dass die Lehrerinnen und Lehrer super unterstützt haben.

Trotz der schwierigen Situation haben beide das Abi im besten Sinn gemeistert, sind stolz auf ihre jeweiligen Ergebnisse. Sie kennen ihren Notendurchschnitt, aber noch haben sie kein Zeugnis in der Hand – und solange schwarz auf weiß nichts vorliegt, möchten sie nicht allzuviel verraten.

Zeugnisse in zwei Durchgängen übergeben

Das Zeugnis werden sie am 10. Juli in den Händen halten. Und auch diese Feierstunde wird anders ablaufen, als geplant. Gewöhnlich kommen alle Abiturienten mit ihren Gästen in einem Raum zusammen, in diesem Jahr sollte es die Magdeburger Messehallen sein, in denen anschließend der Abiball gefeiert werden sollte. Doch der fällt gänzlich aus. Statt der Messehallen wird die Sporthalle des Gymnasiums festlich hergerichtet, wegen der Corona-Regeln werden die Zeugnisse in zwei Durchgängen übergeben. Einer beginnt um 14 Uhr, der nächste um 16.30 Uhr. Jeder Abiturient darf vier Gäste mitbringen.

Der Jahrgang wird keinen gemeinsamen Abschluss erleben, das Zusammensein der letzten Wochen fehlt. Doch sowohl Lina als auch Jonas sind froh, dass es überhaupt den feierlichen Abschluss geben wird. Der soll würdevoll begangen werden, das soll auch die Kleidung unterstreichen. Jonas hat seinen Anzug vor kurzem erst gekauft, Lina hat ihr Kleid auch erst vor kurzer Zeit bestellt. Es ist so blau wie ihre Augen, wirkt so fröhlich, so optimistisch, wie ihr Blick nach vorn. „Ich werde ein Jahr nach Lettland gehen, meinen Abschluss noch einmal auf Russisch machen.“ Lina Schmidt hat als einzige Kurfürst-Gymnasiastin das Russisch-Abitur geschrieben und möchte nun Land und Leute kennenlernen, in einer Gastfamilie leben, die Sprache im Alltag ausprobieren und all das lernen, was kein Unterricht der Welt vermitteln kann.

Jonas wird sofort studieren, Soziologie in Jena. Die Entscheidung sei auch wegen der Corona-Pandemie gefallen. „Mich interessiert die Frage: Wie geht die Gesellschaft damit um?“