Wolmirstedt l Beginnen wir mit den Zahlen. Die größte Gruppe der Wolmirstedter Hausärzte (38 Prozent) ist 60 Jahre und älter, die Fachärzte vor allem in der Altersgruppe von 50 bis 59 Jahre vertreten (45 Prozent). Im Umkehrschluss heißt das: Alle anderen sind jünger. 63 Prozent der Hausärzte und 82 Prozent der Fachärzte sind noch keine 60 Jahre alt. Ist es jetzt bereits nötig, Medizinernachwuchs an Wolmirstedt zu binden? Die Debatte ist angestoßen, doch zuvor bietet sich ein Blick nach Osterburg an.

Die Altmark-Stadt unterstützt drei Medizinstudenten mit einem monatlichen Stipendium. Ihre Voraussetzungen sind: Sie haben ihr Abitur in Osterburg absolviert und möchten nach dem Facharztabschluss vertragsärztlich in Osterburg tätig werden. Welche Fachrichtung sie dabei einschlagen, ist ihnen überlassen, Hausärzte, Gynäkologe oder Augenärzte - jeder Facharzt ist gerne gesehen.

Akuter Ärztemangel herrscht derzeit in Osterburg nicht, trotzdem blickt die Gemeinde weithin nach vorn. Osterburgs Bürgermeister Nico Schulz habe ein gutes Gespür, wo die Entwicklung hingeht, bescheinigt die Osterburger Amtsleiterin Anke Müller gegenüber der Volksstimme und begründet: „Wir haben das Problem nicht in drei oder fünf Jahren, aber vielleicht in zehn.“ Dem gegenüber steht die Regelstudienzeit der Mediziner, sie dauert sechs Jahre und drei Monate, danach folgt die Facharztausbildung.“

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Osterburg unterstützt drei junge Mediziner

Deshalb hat die Stadt bereits 2017 Kontakt zur Kassenärztlichen Vereinigung aufgenommen. Das Ergebnis: Drei junge Osterburger Medizinstudenten werden finanziell unterstützt. 2017 wurde die erste Bewerberin ausgewählt, 2019 wurden die verbleibenden zwei Plätze vergeben.

Das monatliche Stipendium beträgt 700 Euro, die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt und die Stadt Osterburg zahlen jeweils die Hälfte. Während der anschließenden mindestens fünf Jahre dauernden Facharztausbildung bekommt jeder Stipendiat aus Osterburgs Stadtsäckel einen Zuschuss von 200 Euro während.

Doch ein Stipendium allein genügt nicht, um Menschen in der Region zu halten, auch die Bindungen müssen stark sein. Deshalb stehen den Osterburger Stipendiaten zwei Hausärzte als Mentoren zur Seite, in deren Praxen können sie unter anderem Praktika absolvieren. Auch osterburgs Bürgermeister Nico Schulz und Amtsleiterin Anke Müller halten Kontakt. Das geschehe nicht unbedingt jedesmal förmlich. „In Osterburg“, sagt Anke Müller, „laufen wir uns sowieso über den Weg.“

Wonach sucht Osterburg seine Stipendiaten aus

„Wir haben einen Auswahlkatalog“, berichtet Osterburgs Amtsleiterin Anke Müller. Neben der Abiturnote spielt auch eine Rolle, ob die Bewerber bereits Berührungspunkte zum medizinischen Bereich haben, beispielsweise als Sanitäter tätig sind. Und natürlich müssen sie in der Region bleiben wollen.

Welche Erfahrungen kennt Wolmirstedt?

 

Das Thema Ärztemangel und Nachwuchsgewinnung ist in Wolmirstedt nicht neu. Die Arbeit am Port-Projekt im Jahr 2016 richtete schon einmal den Fokus auf die medizinische Versorgung in Wolmirstedt. Port steht für patientenorientiertes Zentrum zur Primär- und Langzeitversorgung, das Projekt wurde von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt.

In der Entwicklungsphase sind viele Träume auf den Tisch gekommen, die drehten sich unter anderem um die Telemedizin oder die Einrichtung eines Versorgungszentrums, ähnlich dem Prinzip einer Poliklinik. Solche Träume sind nicht gereift, trotzdem hat dieses Projekt Wolmirstedt ein wichtiges Ergebnis gebracht: Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt (KV) hat eine weitere Hausarztstelle geschaffen. Eine neue Praxis wurde errichtet, die KV hat die Räume gemietet und eine Ärztin angestellt. Die praktiziert bereits seit Ende 2017, damit fanden viele Bürger nach langer Suche endlich einen Platz in einer Patientenkartei.

Gibt es in Wolmirstedt ein aktuelles Nachwuch

Neben dem Osterburger Modell und der Unterstützung der Hausarztpraxis in Wolmirstedt hat die Kassenärztliche Vereinigung weitere Maßnahmen auf den Weg gebracht. „Neben der finanziellen Unterstützung ist es ein großes Anliegen, den Studierenden die ländlich geprägten Regionen Sachsen-Anhalts zu zeigen und den Kontakt mit Ärzten vor Ort herzustellen“, versichert die KV. Diesen Kontakt gibt es auch in Wolmirstedt.

Hausarzt Ulrich Apel betreut als Mentor Studierende der Hausärzte-Klasse der Universität Magdeburg während der gesamten Studienzeit. Im Rahmen eines Wahlfachs haben Studierende die Strukturen der medizinischen Versorgung in Wolmirstedt und in einer Art Sommerschule 2019 Ulrich Apels Hausarztpraxis kennengelernt.

Was bindet den Nachwuchs im ländlichen Raum?

Diese sogenannten Hausarztklassen gibt es eit 2011 an der Universität Halle und seit 2019 an der Universität Magdeburg. Die Studenten werden mit 800 Euro monatlich unterstützt. Die Kassenärztliche Vereinigung ist überzeugt, der Kontakt zu ambulant tätigen Ärzten, Praktika im ambulanten Bereich seien oft ausschlaggebend, wenn es darum geht, eine berufliche Zukunft zu treffen. „Nur wer eine Region kennenlernt, wird sich für eine Tätigkeit in der Region entscheiden.“

Kann und will Wolmirstedt das Modell abkupfer

Wäre so ein Medizinstipendium wie in Osterburg also auch eine Option für Wolmirstedt? WWP-Stadtrat Frank Meyer hatte sich bereits im Wahlkampf 2019 als Thema auf die Fahnen geschrieben, Wolmirstedt möge junge Medizinstudenten durch ein stipendium an die Stadt binden. Nun hat er die Debatte angeregt, zuerst in der Volksstimme, dann im Stadtrat.

Bürgermeisterin Marlies Cassuhn möchte darüber erst einmal mit den Mitgliedern des Hauptausschusses sprechen. Sie zeigt sich skeptisch, ob ein Stipendium der richtige Weg ist, junge Mediziner an Wolmirstedt zu binden. „Die Studenten sind zu Beginn vielleicht 18 Jahre alt und sollen sich entscheiden, wo sie nach dem Studium arbeiten?“ Marlies Cassuhn fürchtet, dass der Weg der jungen Menschen zu früh eingeengt wird. Außerdem sei es sei eine Frage des Geldes im Stadtsäckel und die müsse geklärt sein. „Sonst werden wir unglaubwürdig.“

Derzeit gilt in Wolmirstedt eine Haushaltssperre. Zur knappen Kasse tragen unter anderem die fehlenden Elternbeiträge für die Kitabetreuung während des Lockdowns bei, weiterhin Ausgaben für Desinfektionsmittel und Hygienemaßnahmen sowie Steuerstundungen. Trotzdem soll die Debatte geführt werden. Das unterstützt auch KWG-WWP-FPP-FUWG-Fraktionsvorsitzender Mike Steffens. „Wir legen Wert darauf, eine öffentliche Debatte zu führen.“ Bürgermeisterin Marlies Cassuhn wird den Boden bereiten.