Wolmirstedt l Mit Sekt und guten Worten wurde am 30. Jahrestag der deutschen Einheit die Katharinenlinde eingeweiht, auch kritische Töne blieben nicht aus. Gemeinsam wagten Kommunalpolitiker, Kirchenvertreter, Bürger und Musiker einen Blick in Wolmirstedts Zukunft, erinnerten aber auch an die erste Zeit des wiedervereinten Deutschlands.

Der Stadtratsvorsitzende Heinz Maspfuhl war von Anfang an als Kommunalpolitiker aktiv, hat Wolmirstedts Entwicklung konsequent mitgestaltet und scheute sich trotz des festlichen Anlasses nicht, die Verluste aufzuzählen, mit denen Wolmirstedt noch heute kämpft: Den Verlust des Kreisstadt-Status, des Kulturhauses, des Krankenhauses, des Landratsamtes. Schwerer aber wiegt das, was geschaffen wurde. Dazu zählen das Gymnasium, der Umbau der Fußgängerzone, der Schlossdomäne, des Rathauses, die Umgehungsstraße, die Erschließung neuer Wohngebiete. „Und das alles ohne wesentliche Schulden.“ Die Pro-Kopf-Verschuldung liegt in Wolmirstedt unter 50 Euro, in Sachsen-Anhalts kreisangehörigen Städten hingegen durchschnittlich um die 600 Euro. .

Leicht fiel Heinz Maspfuhl der Blick in die Zukunft. Dort erwartet Wolmirstedt die Umgestaltung des Bahnhofes, des Krankenhausgeländes und eine - wenn auch noch ungewisse - Zukunft einer zentralen Sportstätte.

Bilder

Landrat Martin Stichnoth (CDU) wandte sich vor allem an die Bürgerinnen und Bürger Wolmirstedts. „Ich wünsche mir mehr Wir-Gefühl, mehr Engagement für die Region.“ Er mahnte, nicht immer zu warten, was die Stadt, der Landkreis, der Staat für die Bürger tun könne, sondern selbst aktiv zu werden.

An eine besonders engagierte Unterstützung in der Nachwendezeit erinnerte Bürgermeisterin Marlies Cassuhn. Die niedersächsische Partnerstadt Wunstorf half beim Aufbau der Kommunalverwaltung, Wunstorfer unterstützen die Sparkasse und knüpften Kontakte zu Wolmirstedter Unternehmern, Vereinen und zur Feuerwehr. „Diese Partnerschaft mit Wunstorf war nach der Wende sehr innig“, erinnert sich auch Josef Sadler, der nach der Wende Wolmirstedts Bürgermeister war.

Inzwischen wird diese Städtepartnerschaft vor allem von der Feuerwehr gelebt, die anderen Verbindungen sind sehr ruhig geworden. Das soll nicht so bleiben. „Wir würden diese Partnerschaft gern wieder mehr beleben“, überbrachte Birgit Maris, die stellvertretende Bürgermeisterin Wunstorfs zum Einheitstag. Sie hatte Geschenke für die Linde mitgebracht, ein Vogelhäuschen, eine Gießkanne, damit der Baum selbst ein gutes Leben hat und sich auch in diesem Baum das Leben gut entwickelt.

Damit auch die Partnerschaft entwickelt, hatte sie zugleich eine Einladung an Bürgermeisterin Marlies Cassuhn nach Wunstorf im Gepäck. Die nahm dankend an und freute sich, dass so viele Bürger zur Einweihung der Katharinenlinde gekommen waren. Eigentlich sollten es an diesem Tag viel mehr werden, ein großes Fest war angedacht, das Programm stand, Geld war in den Haushalt eingestellt. Doch Corona und die Abstandsregelungen lassen so ein Fest nicht zu. „Wir wollten trotzdem, dass etwas an diesen Tag erinnert“, sagt die Bürgermeisterin, „deshalb haben wir uns für eine Katharinenlinde neben der Katharinenkirche entschieden.“

Die Bürger, die zur Lindeneinweihung gekommen waren, blicken dankbar auf die vergangenen 30 Jahre. Wolmirstedts Pfarrerin Ina Lambert (37) denkt an die Grenzen, die nun nicht mehr da sind. Ihre Mutter, die Westberlinerin Marita Walczak (69), schätzt die Freiheit, aus Westberlin herauszufahren, ohne einen Passierschein beantragen zu müssen. Irmgard Katzenellenbogen (85) sieht die vergangenen 30 Jahre gar als schönste Zeit ihres Lebens. Die ehemalige Verkäuferin hat vier Kinder großgezogen. „Jetzt kann ich die Rente genießen.“ Auch Ines Hallmann (62) blickt auf eine gute Zeit zurück. „Zur Wiedervereinigung war ich Anfang 30, danach bin ich zum Glück immer in Arbeit gewesen, wir sind viel gereist.“

Für all das ist die Linde ein Symbol. Sie steht für Gerechtigkeit, Liebe, Frieden und Freiheit. Das Duo „Handgemacht“ sang vom „Wind of Change“.