Wolmirstedt l Die Werkstätten des Bodelschwingh-Hauses sind zu. Seit Mittwoch wird nicht mehr gearbeitet. Damit wurden auch die Teile, die für die Autoindustrie benötigt werden, nicht mehr hergestellt. Einer der Abnehmer ist Polytec Plastics, ein Unternehmen, das im Handwerkerring ansässig ist, Kunststoffspritzgussteile für den Innenraum von Autos fertigt und rund 150 Mitarbeiter beschäftigt. Doch auch dort stehen ab Montag die Maschinen still.

„Unsere Mitarbeiter schicken wir in die Kurzarbeit“, sagt Standortleiter Carsten Birner. Er sieht keine Alternative, aus Gründen des Gesundheitsschutzes und weil sich Polytec in die Kette der Autoproduktion einreihen muss. Die großen Konzerne arbeiten nicht mehr, deshalb werden auch die Kunststoffspritzgussteile vorübergehend nicht benötigt.

Geschäfte liefen gut

Dabei liefen die Geschäfte gerade gut. „Wir haben sogar an den Wochenenden produziert.“ Auch deshalb sei der Betrieb gut aufgestellt. Carsten Birner hofft, dass die Schließung nicht allzu lange andauern muss. Vorerst wird die Zeit genutzt, um Wartungsarbeiten durchzuführen.

Hygienemaßnahmen wurden schon vor einiger Zeit getroffen, es gibt Einmalhandschuhe für alle und für Speditionsfahrer wurden extra Dixi-Toiletten aufgestellt. Fernfahrer und Belegschaft kommen nicht zusammen.

Autos können derzeit in Sachsen-Anhalts Autohäusern ohnehin nicht gekauft werden, auch die sind während der Corona-Krise geschlossen. In den Werkstätten hingegen wird gearbeitet, Fahrzeuge werden weiter repariert.

Insgesamt ist das Dienstleistungsgewerbe weitestgehend in Betrieb. Dazu zählen Frisöre, aber auch Floristen, die zwar keine Blumen im Publikumsverkehr verkaufen, für Trauerfeiern trotzdem Gebinde liefern können.

Fürsorge im Bodelschwingh-Haus

Besondere Fürsorge ist im Bodelschwingh-Haus nötig. Dort leben Menschen mit Behinderung. „Wir haben seit 2009 einen Krisenstab, der sich regelmäßig trifft. Für Pandemielagen wie derzeit sei das Haus gerüstet, sagt Vorstand Swen Pazina. Desinfektionsmittel, Masken und andere notwendige Güter seien ständig vorrätig. Die Betreuung sei auch in Notzeiten abgesichert.

Solange die Menschen mit Behinderung nicht in den Werkstätten und im Tageszentrum arbeiten, helfen deren Betreuer in den Wohnbereichen aus. Dort werden sie dringend gebraucht. „Unsere Bewohner empfinden die derzeitige Lage fast wie Urlaub“, weiß Swen Pazina. Trotzdem bleiben sie weitgehend in den Häusern, mehr als Spazierengehen ist nicht drin. „Wir versuchen gerade, eine neue Routine hinzubekommen, die Tage werden anders strukturiert.“ Besuche sind zurzeit nicht möglich. Da sind Bodelschwingh-Haus-Mitarbeiter rigoros. „Alles, was nicht ins Haus kommen muss, kommt nicht herein.“

Auf dem Gelände des Bodelschwingh-Hauses in der Angerstraße und im Quetchen leben 130 Menschen mit Behinderung. Weitere 60 wohnen in den Zehngeschossern der Julius-Bremer-Straße weitestgehend eigenständig, bekommen Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags.

Auf Hygiene achten

Um all diese Männer und Frauen kümmern sich neben den üblichen 100 Mitarbeitern nun auch die 60, die sonst in der Werkstatt und im Tageszentrum Menschen mit Behinderung betreuen. Sie achten noch mehr als sonst auf die Hygiene und auch darauf, dass die Bewohner Abstand zueinander halten. Geburtstage werden zurzeit nicht gefeiert.

„Bei unseren Mitarbeitern erlebe ich echtes Engagement“, sagt Swen Pazina. Diejenigen, die derzeit ihre Kinder zu Hause betreuen, wollen trotzdem arbeiten, fragen, ob sie vielleicht Schichten am Wochenende übernehmen können. Das freut ihn, zumal dringend jede Hand gebraucht wird.

Die Küche und die Wäscherei des Bodelschwingh-Hauses sind weiter in Betrieb.