Wolmirstedt l Janet Müller lässt „ihre“ Kinder zurzeit Regenbogen malen. So sorgt die Ergotherapeutin dafür, dass ihre jüngsten Patienten auch zu Hause tätig sind und hält den Kontakt zu ihnen. Die Regenbogen-Bilder können die Kinder ins Fenster hängen, sodass andere Kinder die Bilder beim Spazierengehen sehen und wissen: Auch dort bleibt ein Kind zu Hause.

Zu Hause bleiben - das ist die drängendste Maßgabe in dieser Corona-Krise, doch manchmal ist es noch wichtiger, notwendige Therapien zu nutzen. Janet Müller behandelt unter anderem Patienten nach Operationen, beispielsweise nach Knochenbrüchen. Handgelenk, Schulter oder andere Bereiche müssen wieder beweglich werden, dazu braucht es fachliche Anleitung.

Doch die Unsicherheit in der Bevölkerung ist groß. Immer öfter klingelt das Telefon und Patienten sagen die Termine ab. Die Begründung lautet meist: Aufgrund der Situation werden wir bis Ostern nicht kommen. Janet Müller versteht das, zumal sie selbst sehr vorsichtig agiert. „Hausbesuche machen wir derzeit nicht, denn dort treffen wir auf Risikopatienten“, sagt sie, „Menschen nach Schlaganfällen oder Alzheimerpatienten.“ Die will sie nicht in Gefahr bringen.

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Doch die allgemeine Vorsicht hat wirtschaftliche Folgen. Janet Müller schätzt, dass die Zahl der Behandlungen um etwa 60 Prozent zurückgegangen ist. Um ihrer Mitarbeiterin finanzielle Sicherheit gewährleisten zu können, hat sie selbst die Arbeitszeit zurückgesteckt, macht aber auch klar: „Lange kann ich das nicht durchhalten.“

Dramatische Folgen durch versäumte Therapien

Ähnlich ergeht es der Podologin Anja Allner. „Bei uns geht es nicht um Fußpflege“, betont sie, „sondern um medizinisch notwendige Behandlungen.“ Sie weiß von der Unsicherheit der Menschen, rät aber dringend davon ab, Probleme zu Hause auszusitzen. Als Beispiel nennt sie Diabetiker. Für sie sei der Besuch beim Podologen unerlässlich. „Es können Infektionen drohen, wenn Schädigungen am Fuß nicht bemerkt werden. Das kann schlimme Folgen haben, bis hin zur Amputation.“

Neben den dramatischen Folgen für Patienten können versäumte Podologenbesuche auch die Arztpraxen und Krankenhäuser zusätzlich belasten. „Dort landen die Patienten mit den Folgeschäden, wenn sie nicht zu uns kommen.“

Anja Allner und ihre Mitarbeiterin Janine Steffen betonen, dass gerade Podologen extrem hohe Hygienevorschriften beachten müssen, auch jenseits von Corona-Zeiten. Ihre Botschaft lautet: „Die Praxen sind offen. Rufen Sie im Zweifel lieber an, als den Termin ausfallen zu lassen.“

Dem schließt sich auch Susan Brasch an. Die Physiotherapeutin betont: „Wir sind keine Massagepraxis, in der Physiotherapie behandeln wir auch schwerkranke Menschen.“

Sie beschäftigt sieben Mitarbeiter und weiß von den Irritationen der Bürger. Hinsichtlich des Kontaktverbots sind Massagepraxen geschlossen, doch zu dieser Kategorie zählen Physiotherapien nicht. Die müssen weiterhin geöffnet bleiben.

Am Beispiel der Lymphdrainage erklärt Susan Brasch, wie wichtig der Besuch beim Physiotherapeuten sein kann: „Wenn die Lymphbahnen geschädigt sind, tritt Wasser aus.“ Das lasse sich etwa mit einem kaputten Gartenschlauch vergleichen, der durch viele kleine Risse unterwegs Wasser verliert.

Im Menschen sammelt sich das verlorengegangene Wasser an, mitunter schwellen Arme oder Beine an. Physiotherapeuten sorgen dafür, dass das Wasser wieder ins System gelangt, also durch die vorgeschriebenen Bahnen durch den Körper fließt und am Ende ausgeschieden wird. Diese Art Behandlung sei auch für viele Krebspatienten wichtig, denen die Lymphknoten abgenommen werden mussten.

Der Kontaktverbot in der Corona-Krise soll die Ausbreitung des Virus verlangsamen. Deshalb sind Menschen angehalten, zu Hause zu bleiben oder höchstens zu zweit unterwegs zu sein, einen Abstand von anderthalb bis zwei Metern zu wahren, sich häufig die Hände zu waschen.

Dass wegen der Angst vor dem Coronavirus auch Therapeuten nicht mehr aufgesucht werden, bringt die Praxen für Ergotherapie, Podologie, Physiotherapie und Logopädie ins wirtschaftliche Schlingern. „Sollten die Praxen aus finanziellen Gründen schließen müssen, wird dies auch in Wolmirstedt nicht nur jetzt in der Krise, sondern auf Dauer massive Versorgungsprobleme bringen, was am Ende allen Patienten schadet, weil es Heilungsprozesse verzögert oder unmöglich macht“, heißt es in einer Pressemitteilung des Spitzenverbandes der Heilmittelverbände (SHV).

Therapiepraxen sind systemrelevant und offen

Heilmittelerbringer sind systemrelevant, das heißt, sie gehören ausdrücklich zum Kern der Gesundheitsversorgung wie Krankenhäuser, Ärzte und Apotheker. Sie dürfen – und müssen – weiterhin Patienten behandeln. Damit die Versorgung auch zukünftig gewährleistet ist, fordert die SHV-Vorsitzende: „Deshalb muss ein weiterer Rettungsschirm ganz selbstverständlich auch für Therapeuten gelten“, sagt Verbandsvorsitzende Ute Repschläger.

Der Verband fordert finanzielle Soforthilfen von der gesetzlichen Krankenversicherung in Form von Ausgleichszahlungen. „Sollte dies nicht der Fall sein, nimmt die Politik wissentlich die Insolvenz von vielen tausend Heilmittelerbringern in Kauf und gefährdet damit hunderttausende von Arbeitsplätzen und die Gesundheit der Bevölkerung.“

Janet Müller und die anderen Therapeuten wissen: Wenn nichts passiert, helfen Regenbögen nicht.