Naturschutz

Falken im Zielitzer Kaliwerk werden beringt

Das Kaliwerk Zielitz ist stolz darauf, offenbar ein Paradies für Greifvögel zu sein. Von brummenden Anlagen lassen sich Turmfalken nicht davon abhalten, hier ihre Nester zu bauen.

Von Hendrik Reppin

Zielitz - Jedes Jahr um die gleiche Zeit ist Thomas Sukow auf dem Gelände des Kaliwerks unterwegs. Der Zoologe aus dem Tierpark Bernburg beringt in seiner Freizeit Greifvögel. Für die Aktion im Kaliwerk hat sich Thomas Sukow einen Tag Urlaub genommen. Immerhin sind hier acht Brutplätze des Turmfalken zu kontrollieren, inzwischen müssten in den meisten Nestern die Jungen bereits geschlüpft sein. Die ersten drei Nester sind nur mit aufwendiger Technik zu erreichen. „Wir können bei der Beringungsaktion auch immer auf die Unterstützung der Werksfeuerwehr zählen“, erklärt Sebastian Meyer aus der Abteilung Umwelt und Genehmigungen im Kaliwerk. Die Drehleiter bringe dann den Vogelexperten an die höher gelegenen Brutplätze.

Turmfalken vertreiben verwilderte Haustauben

Dass sich das Kaliwerk so sehr um die Turmfalken bemüht, sei nicht ganz uneigennützig. Wie Sebastian Meyer erklärt, habe man schon vor vielen Jahren erkannt, dass die Turmfalken verwilderte Haustauben von den Förderanlagen fernhalten. So würde die Verschmutzung durch Taubenkot stark verringert und die Anlagen nicht so schnell rosten. „Dass die Turmfalken jede Menge Kleinsäuger vom Gelände des Kaliwerks wegfangen, ist ebenfalls von Vorteil.“ Schließlich würden die Kaliarbeiter auch etwas dagegen haben, wenn ihr Frühstück von Mäusen angeknabbert wird.

Der Zoologe aus Bernburg ist bereits seit Beginn des Turmfalken-Programms im Jahr 1999 jedes Jahr bei der Beringung der Greifvögel dabei. Inzwischen sind im Laufe der Jahre in den Nestern auf dem Werksgelände 475 Turmfalken-Küken erfasst worden. Insgesamt 408 Jungvögel wurden von Thomas Sukow im Laufe der 21 zurückliegenden Jahre mit einem Ring versehen. Die Differenz sei normal: „Es kam vereinzelt vor, dass wir ein paar Tage zu spät am Nest waren“, erklärt der Experte. Da sei die Gefahr sehr groß, dass die schon etwas größeren und mobileren Jungen wegen der Aufregung aus dem Nest stürzen. „Ein solches Risiko wollten wir nicht eingehen“, erklärte auch Rudi Schröter.

Bis zu seinem Ruhestand im Januar 2020 war er im Kaliwerk beschäftigt und hatte in Sachen Umwelt- und Vogelschutz viele Projekte mit auf den Weg gebracht. Ein besonders beeindruckendes Ergebnis hatte der Ruheständler gleich zu Beginn der Beringung im Jahr 1999 zu vermelden. „Genau 225 Tage nachdem das erste Mal von Thomas Sukow die jungen Turmfalken im Kaliwerk Zielitz beringt worden, ist eines der Greifvögel lebend gefangen worden.“ Das ungewöhnliche daran, so Rudi Schröter, sei der Fundort: Naturschützer hatten den Turmfalken in Algerien gefangen und die Daten zur Deutschen Vogelzentrale nach Hiddensee gemeldet. „So etwas ist sehr erstaunlich, denn der Turmfalke ist schließlich kein Zugvogel.“

An diesem Tag hat Thomas Sukow 16 kleinen Turmfalken ihren „Personalausweis“ angelegt. Gleich im zu Beginn mit der Feuerwehrleiter besuchten Nistplatz lagen fünf Küken dicht zusammengedrängt. „Die sind für eine Beringung noch zu klein“, stellte Thomas Sukow beim Blick in das Gelege fest. Insgesamt neun Eier seien an diesen Tag an den Brutplätzen gezählt worden. In einer Woche werde er ein weiteres Mal im Kaliwerk sein, um einen wieder einen Blick auf den Turmfalkennachwuchs zu werfen.

Mit dieser Anzahl an Jungen würde laut Umweltingenieur Sebastian Meyer die Population im Werk im Durchschnitt liegen. Diese Zahl hatte sich über die Jahre bei 23 gezählten Jungvögeln eingependelt. 2008 sei jedoch ein Rekordjahr gewesen. Da seien 39 junge Turmfalken an den acht Brutplätzen gezählt worden.

Viele Fassaden der Gebäude auf dem Gelände des Kaliwerks seien nach der Wende saniert worden. „Alle Backsteinfassaden sind mit speziellen Steinen versehen worden“, erzählt Rudi Schröter. An den östlichen und südlichen Seiten der Häuser könne man die besonderen Anflugsteine mit den Löchern sehr gut erkennen. 350 solcher Steine wurden verbaut. „Die Öffnungen in den höheren Bereichen werden vor allem von Mauerseglern bewohnt. Die tiefer gelegenen Steine sind Schlafplätze für Fledermäuse.

Turm- und Wanderfalke in friedlicher Nachbarschaft

Noch etwa sechs Meter über einem der Turmfalkennester am Förderturm weist Rudi Schröter auf einen weiteren Nistplatz, vor dem gerade ein Greifvogel sitzt. „Das ist unser Wanderfalkenpärchen“, so der Ruheständler. Diese Falkenart sei etwa doppelt so groß wie die Turmfalken. Interessenten könnten im Internet unter Wanderfalken-Zielitz.de den Brutplatz mit Hilfe einer Live-Kamera beobachten. „Eigentlich würden Wanderfalken die Turmfalken aus ihrem Revier vertreiben.“ Damit sei das Kaliwerk als Nistplatz wohl auch etwas Besonderes. „Hier tolerieren sich die Arten.“