Ohre

Fische, Brennnesseln und ein Strand - wem dient die Ohre in Wolmirstedt?

An der Ohre im Wolmirstedter Stadtgebiet scheiden sich die Geister: Die einen wollen radikal aufräumen, die anderen der Natur Raum geben. Und außerdem wuchern Brennnesseln. Studenten helfen bei der Suche nach Lösungen.

Von Gudrun Billowie Aktualisiert: 13.05.2022, 16:43 • 13.05.2022, 16:27
Junge Leute aus aller Welt studieren an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal Water Engineering. Zu ihren Aufgaben gehört die Untersuchung der Ohre.
Junge Leute aus aller Welt studieren an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal Water Engineering. Zu ihren Aufgaben gehört die Untersuchung der Ohre. Fotos: Gudrun Billowie

Wolmirstedt - Die Fische hatten nichts zu befürchten. Jedenfalls nicht von Professor Volker Lüderitz. Der hat mit seinen Studenten zwar ein paar Exemplare aus der Ohre gefischt, ließ sie am Ende jedoch wieder ins Wasser gleiten. Haben sie dort eine Überlebenschance? Oder setzt sich der Mensch mit dem Ordnungssinn durch? Daran scheiden sich noch immer die Geister.

Was Fischen gut tut, gefällt Menschen nicht immer. Und umgekehrt. Seit Jahren schwelt in Wolmirstedt die Debatte, wie die Ohre aussehen soll, wird seit Monaten von der Bürgerinitiative „Rettet die Ohre“ befeuert. Die Studenten um Professor Volker Lüderitz wollen die Diskussion mit Fakten untersetzen.

Dafür waten Volker Lüderitz und drei seiner Studenten von der Amtsbrücke aus 500 Meter flussaufwärts, ausgestattet mit mit Elektrofischgerät, Kescher und Fischbehälter. Die Vielzahl der Fische versetzten selbst den Professor in Erstaunen. „Wir haben insgesamt 16 Arten gefunden“, sagt er, „darunter drei Fischarten, die besonders geschützt sind.“ Eigentlich deuten 16 Fischarten nicht auf besonderen Artenreichtum hin. „Trotzdem war ich positiv überrascht, denn der morphologische Zustand der Ohre ist noch nicht besonders gut.“

Bagger würden Lebensräume zerstören

Mit morphologischem Zustand ist die Gestalt und Struktur des Gewässerbettes gemeint und genau das ist der Zankapfel. Nach Lesart der Wasserwirtschaftler und Naturschützer ist ein Fluss „schön“, wenn Totholz darin liegt, wenn es Kiesbänke gibt, wenn das Ufer Höhlen hat. „Das sind Rückzugsorte für die Fische“, sagt Volker Lüderitz, „Kiesbänke sind bei Forellen beliebt.“ All das ist in der Ohre nicht ausreichend vorhanden. „Aber wenn wir den Fluss ausbaggern, gibt es gar nichts mehr.“

Ordnung zu schaffen, das fordert hingegen die Bürgerinitiative „Rettet die Ohre“ um Hartmut Hoppe. Die Mitstreiter wollen Auflandungen entfernt, das Flussbett verbreitert wissen, als optimal empfunden wird ein Ufer, das gerade verläuft. Genau davor warnt unter anderem Volker Lüderitz. „Die Fische, die wir gefunden haben, vor allem die geschützten Arten, brauchen fast alle fließendes Wasser. Wenn wir das Gewässer verbreitern, fließt nichts mehr.“

Schlammpeitzger, Steinbeißer und Bitterling mögen die Strömung, alle drei Arten würden Eingriffe ins Flussbett wohl nicht überstehen.

Neben dem Fischreichtum haben Studenten auch die Gewässerchemie unter die Lupe genommen, also die Inhaltsstoffe des Wassers. Dabei kommen die Brennnesseln ins Spiel, die großflächig am Ufer wuchern. Ihr rasantes Wachstum deutet auf einen hohen Stickstoffgehalt der Ohre hin. „Das sind die Folgen der Landwirtschaft im oberen Flusslauf“, erklärt Professor Lüderitz. Dünger, der auf den Feldern für Wachstum der Kulturpflanzen sorgt, wird vom Regen in die Ohre gespült und bietet auch Brennnesseln im Wolmirstedter Uferbereich bestes Futter.

Viel Stickstoff durch Landwirtschaft

Die Ursache lässt sich nur schwerlich beseitigen, aber die Folgen des hohen Stickstoffgehalts der Ohre blieben in den vergangenen Jahren sich selbst überlassen. Heißt: Die Brennnesseln wucherten munter in die Höhe, Spaziergänger konnten im Sommer den Fluss nicht mehr sehen. Der Name der Bank „Ohreblick“ war nur eine Farce, von diesem Sitzplatz auf die Ohre zu blicken, war monatelang unmöglich. Gibt es in diesem Jahr eine Lösung?

Noch im vergangenen Jahr wurden die Zuständigkeiten hin- und hergeschoben. Der Landesbetrieb für Hochwasserschutz für Wasserwirtschaft (LHW) ist zwar für den Uferbereich, aber lediglich für das Fließen der Ohre verantwortlich, nicht für die Schönheit. Die Stadt mähte einen Meter neben dem Weg, sah sich jedoch nicht in der Pflicht, den gesamten Uferbereich zu gestalten. Am Ende mähte der Nabu ein paar Meter neben der Amtsbrücke frei. Geht das Spiel in diesem Jahr weiter oder wachsen neben den Brennnesseln auch Ideen?

Die Bürgerinitiative „Rettet die Ohre“ hat zwei Vorschläge für das Ohreufer entwickelt. „Wir könnten uns vorstellen“, sagt Jürgen Bednorz, „dass ein Strand gestaltet wird.“ Dafür könnten die Brennnesseln entfernt, ein Vlies aufgebracht und Sand aufgeschüttet werden. Die zweite Idee wäre ein Biotop, auf dem statt der Brennnesseln Pflanzen wachsen, die sehenswert sind.

Fronten weichen auf

Letzteres haben auch schon der LHW und Professor Lüderitz in die Waagschale geworfen. „Röhrichte und Hochstaudenflor könnten die Brennnesseln verdrängen.“ Hier scheint also eine Annährung möglich. Unter Umständen gibt es für solche Projekte sogar Fördermittel. In Städten wie Zerbst oder Salzwedel gibt es Initiativen, die sich für Natur und Artenvielfalt stark machen, die manchmal auch als Träger bestimmter Projekte fungieren.

Wird das auch in Wolmirstedt möglich? Rathausmitarbeiter, Mitglieder des Nabu und der Bürgerinitiative planen ein gemeinsames Treffen. Professor Volker Lüderitz hofft: „Es wäre schön, wenn sich jemand hinter ein Projekt klemmen könnte, das die paar hundert Meter Ohreufer im Stadtbereich aufwertet.“

Professor Volker Lüderitz bestimmt die Fischarten.
Professor Volker Lüderitz bestimmt die Fischarten.
Gudrun Billowie