1. Weltkrieg

Gereimte Grüße von der Westfront

Heimatvereins Geschichtskreis Meitzendorf: Ganz Europa war vor 107 Jahren geprägt von allgemeinem Säbelrasseln.

Von Sebastian Pötzsch

Meitzendorf l Der Beginn des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 stand kurz bevor. Für Mitglieder des Heimatvereins „Geschichtskreis Meitzendorf“ Anlass genug, über die Erinnerungen des Vaters einer ehemalige Mitstreiterin zu berichten. Im Mittelpunkt ihrer Ausführungen steht dieses Mal Inge Wittig. „Sie war die Tochter von Paul Wittig und über viele Jahre Mitglied in unserem Heimatverein“, beginnt Margerete Berner vom „Geschichtskreis Meitzendorf“ zu erzählen.

Mehrmals habe die einstige Mitstreiterin ihr Wissen über die Erlebnisse ihres Vaters mit den anderen Vereinsmitgliedern geteilt. „Leider ist Inge Wittig am 18. Juli 2016 verstorben, aber vielen Meitzendorfern ist sie bestimmt noch in guter Erinnerung“, sagt Margarete Berner. Ihre Erzählungen habe sie dem Verein zur Verfügung gestellt, „die wir noch einmal ausführen wollen.“

Paul Wittig sei am 25. Mai 1888 in Stettin geboren worden und habe den Beruf des Kaufmanns und Weinküfers erlernt. Nach dem Tod seiner Eltern sei er zunächst nach Magdeburg, später nach Meitzendorf gekommen. „1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde er als Artillerist zum Kompaniechef einberufen und nach Russland verlegt“, berichtet Margarete Berner aus den Erzählungen.

Aber auch an der Westfront hat Paul Wittig gekämpft. Bereits im August 1914 meldete sich der Meitzendorfer aus dem belgischen Lüttich. Volksstimme-Redakteur Manfred Zander war im Sommer 2014 auf einen Beitrag im Magdeburger General-Anzeiger gestoßen. So war am 21. August 1914 zu lesen. „Einer der Lüttichkämpfer, der in seiner Eigenschaft als Weinküfer bei einer hiesigen Weingroßhandlung das Fass mit einem Kanonenrohr vertauschen musste, sandte einem hiesigen Freund folgenden Gruß:“ Nachstehend war ein Feldpost-Vers in Form eines 16-zeiligen Trinkliedes zu lesen. Darin hieß es unter anderem: „Geflossen ist genügend Blut, doch geht‘s bis jetzt mir immer gut.“ Dennoch wünschte er sich: „Und würde man bald Frieden schließen, dann hört es auf, das Blutvergießen.“ „Als der Brief erschien, sollte der Krieg noch vier Jahre, zwei Monate und 21 Tage dauern“, hatte Manfred Zander seinen Volksstimme-Beitrag vom 23. August 2014 beendet.

Paul Wittig überlebte den Krieg und übernahm mit seiner Ehefrau Elsbeth die Gaststätte ‚Otto Meier’ in Meitzendorf“, führt Margarete Berner mit ihren Ausführungen fort. Offenbar hat der Protagonist grundsätzlich gerne gereimt, wie eine weitere Anekdote verrät. So sei an der Wand des großen Gaststättenraums ein Fernsprechapparat installiert gewesen. „Russische Soldaten waren davon überrascht und rissen ihn ab“, erzählt die Meitzendorferin. Auf dem hellen Fleck, der die Wand nun zierte, habe Paul Wittig wiederum ein Gedicht hinterlassen. Darin hieß es unter anderem: „Hier hing seit langen Zeiten ein Fernsprechapparat. Benutz wurde er von Leuten, die brauchten welchen Rat... Nun ist der Traum zu Ende, bei Tag und bei Nacht. Den Hörer nahmen andere Hände, das Ding ist abgemacht.“

Im Jahr 1950 sei das Geschäft der Wittigs aufgegeben worden. Der „Konsum“, die Marke der Konsumgenossenschaften in der DDR, hatte den Gasthof übernommen.

Margarete Berner berichtet zu guter Letzt von einer persönlichen Episode von Inge Wittig. „Eine rücksichtslose nicht zu vergessene Amtshandlung erinnert an den ehemaligen Bürgermeister Meitzendorfs, auch bekannt als ‚Genosse Hunger’“, erzählt die Heimatinteressierte. Der Ortschef habe im Jahr 1946 junge Mädchen aus dem Dorf zur Demontage irgendwo in Deutschland verpflichtet, auch Inge Wittig. „Die ungewisse und angstvolle Fahrt führte die 16 Heranwachsenden nach Muldenstein bei Bitterfeld. Dort mussten sie auf dem Werksgelände des Junkers-Motorenwerkes demontierte Maschinenteile verpacken“, berichtet Margarete Berner. Dieser Einsatz sei damals als reine Schikane verstanden worden.