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„In die Russenpartei gehen wir nicht“: Trotz Widerstands vereinen sich KPD und SPD in den Kreisen Haldensleben und Wolmirstedt zur SED

Vor 75 Jahren, am 22. April 1946, wurde die Kader- und Staatspartei SED gegründet. Der Groß Ammensleber Historiker Wilfried Lübeck hat sich in Archiven auf Spurensuche gemacht. In mehreren Teilen berichtet die Volksstimme über seine Recherchen zur Zwangsvereinigung in der Region zwischen Elbe und Ohre. Dritter und letzter Teil.

Von Sebastian Pötzsch

Groß Ammensleben. Im ersten und zweiten Teil der Volksstimme-Serie zum Vorabend der Gründung der SED berichtete Wilfried Lübeck über die Absetzung von Bürgermeistern in Wolmirstedt und Haldensleben im Jahr 1945. Doch der Druck der KPD-Funktionäre reichte weiter: Auch Bürgermeister in den Dörfern hatten alsbald das Parteibuch in der Hand. Und während im Herbst 1945 die Sozialdemokraten in Ungarn und Österreich erfolgreich bei Wahlen abschnitten, gaben die KPD-Oberen allmählich ihre Reserviertheit gegenüber der SPD auf.

Zwischenfall in Haldensleben trübt die Beziehungen an der Ohre

„Zur gleichen Zeit ereignete sich in Haldensleben ein besonderer politischer Vorfall“, berichtet Wilfried Lübeck, der in den vergangenen Monaten viel Zeit in den städtischen Archiven in Magdeburg und Haldensleben und im Landeshauptarchiv Magdeburg verbracht hat sowie in engem Kontakt mit der Gesellschaft zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin stand. So hat der Wissenschaftler recherchiert, dass der Unterbezirkssekretär der SPD, Hermann Grünewald, von sowjetischen Soldaten zunächst kontrolliert worden sei. „Er hatte gültige Papiere und durfte mit seinem Pkw weiterfahren“, berichtet Lübeck. Doch nach einer zweiten Kontrolle außerhalb Haldenslebens soll der Sozialdemokrat angeschossen und schwer verletzt liegen gelassen worden sein. „Der Vorfall ging bis Moskau. Für die KPD bedeutete dies eine sehr schlechte Atmosphäre in unserer Region“, sagt der Groß Ammensleber.

Unterdessen wurde Walther Ulbricht am 21. Dezember 1945 in die Sowjetische Militäradministration (SMAD) einbestellt. Ulbricht war Monate zuvor aus dem sowjetischen Exil als Leiter der „Gruppe Ulbricht“ nach Berlin zurückgekehrt, wirkte in der sowjetischen Besatzungszone in enger Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht als führender Funktionär der KPD und sollte später den Aufbau des Staatsapparates der späteren DDR mitprägen. Von General Fjodor Jefimowitsch Bokow, Chef der SMAD-Propagandaabteilung, soll er die Anweisung erhalten haben, die KPD möglichst schnell mit der SPD zu vereinigen, um „die Gefahr Österreichs zu bannen“. Zur Erinnerung: Die Kommunisten schafften es bei den Parlamentswahlen in dem Alpenland auf nur 3,5 Prozent.

Der sowjetische Diktator Josef Stalin bestellte am 8. Januar 1946 Ulbricht nach Moskau ein. Hier wies er an, dass die Vereinigung der KPD mit der SPD bis zum 1. Mai zu erfolgen habe. Unabhängig von Ulbrichts Besuch bei Stalin schrieb zu Beginn des Jahres die Unterbezirksleitung der KPD seine Kreisleitungen an. In dem Schreiben hieß es: „Was sagt die Arbeiterschaft, besonders die Sozialdemokraten, zu unseren Bemühungen zur Herstellung der Einheit. Wie steht die Bevölkerung zur Roten Armee und welche Kritik wird hier geübt?“

Negative Stimmung in Groß Ammensleben

Wilfried Lübeck: „Aus der sozialdemokratischen Hochburg Groß Ammensleben ist wohl die dortige Stimmung äußerst negativ.“ So soll sich hier wie folgt geäußert worden sein: „In die Russenpartei gehen wir nicht!“ Anders äußerten sich die Irxleber Parteigenossen: „Wir sind nur für Zusammenarbeit unter der Führung der KPD.“ Die Haltung von SPD-Genossen in weiteren Dörfern der Region sei dagegen reserviert gewesen.

Stalins Anordnung stellte die KPD vor die komplizierte Aufgabe, die schnelle Vereinigungsproblematik als „Forderung von unten“ darzustellen, „als verlange das auch die SPD-Basis“. Doch im Februar 1946 verließ Gustav Dietrich Dahrendorf, Mitglied des SPD-Zentralausschusses, die sowjetische Besatzungszone, um sich wieder in Hamburg niederzulassen. Der Politiker gehörte zu den Unterzeichnern des Aktionsabkommens des Zentralkomitees (ZK) der KPD und des Zentralausschusses der SPD vom 19. Juni 1945. Er wurde jedoch in Gegnerschaft zu Otto Grotewohl zu einem entschiedenen Widersacher der Zwangsvereinigung von KPD und SPD. „Der Umzug hinterließ viel Unruhe in der Partei“, erklärt Wilfried Lübeck, „trotz der gemeinsamen Organisationsversammlungen, auf der in Haldensleben am 18. Februar 1946 ein SPD-Genosse stets fehlte.“

Zu diesem Vereinigungstag in der Ohrestadt gebe das Kreisarchiv eine selten gute Quellenlage ab. SPD-Genosse Walter Moritz, der am späteren zonenweiten Vereinigungsparteitag am 21. und 22. April in Berlin teilnahm, habe später gesagt: „Die Meisten haben mitgemacht und wollten so die SPD aufrechterhalten. Wir hatten auch nicht allzu viel zu sagen. Große Versammlungen, in denen der Zusammenschluss intensiv diskutiert wurde, hat es nicht gegeben.“ Wegen intensiven Kontakten mit der West-SPD sei Moritz im Jahr 1949 zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt worden, „begnadigt zu sechs Jahren Haft in Bautzen“, führt der Groß Ammensleber weiter aus.

Otto Grotewohl als Aktivist der Vereinigung

Unbequeme Sozialdemokraten in der zwangsvereinigten SED spürten laut Wilfried Lübeck schnell den kommunistischen Widerstand. So zitiert der Historiker aus der Schrift der Politischen Bundeszentrale aus dem Jahr 2000: „Vorsichtige Schätzungen in der Zeit von Dezember 1945 bis April 1946 gehen davon aus, dass mindestens 2000 Sozialdemokraten gemaßregelt, verfolgt oder zur Flucht getrieben wurden und rund 400 umgekommen sind.“ Für CDU- und LDP-Mitglieder gehen die Angaben in den Jahren von 1945 bis 1961 um die 4000 aus.

Obwohl viele Sozialdemokraten eine Vereinigung „nach der Stoppuhr“ abgelehnt hätten, habe sich Otto Grotewohl, Vorsitzender des Zentralausschusses der SPD in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), um den Jahreswechsel zum Aktivisten entwickelt. So soll er während eines Besuchs im Januar 1946 bei Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow in der SMAD alle kommunistischen Maßnahmen unterstützt haben. Laut Wilfried Lübeck könnten die guten Beziehungen aus einem besonderen Ereignis herrühren: „Marschall Schukow half Grotewohls Sohn, aus britischer Gefangenschaft freizukommen“ und General Bukow „verwöhnte den Hobbymaler mit Kunstbüchern und Malutensilien“, zitiert der Historiker erneut aus der Schrift der Bundeszentrale für Politische Bildung aus dem Jahr 2000. Parteigenosse und Freund Erich Gniffke habe Otto Grotewohl daraufhin als Egoisten bezeichnet.

Nach der Zwangsvereinigung beider Parteien Ende April 1946 kamen von 1,3 Millionen SED-Mitgliedern 53 Prozent aus der SPD, erklärt Lübeck. Von den 14 gewählten Mitgliedern des Zentralsekretariats der SED gehörten Ende 1953 nur noch Wilhelm Pick, Walter Ulbricht, Hermann Matern und Otto Grotewohl an. „Einige hatten das Handtuch geworfen, wurden entmachtet oder eingesperrt, flohen in den Westen.“

Nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 erfolgte wiederum eine „Reinigungswelle“ im ZK der SED. Im Jahr 1955 habe der Deutz-Verlag das SED-Buch zur Geschichte der Einheitspartei heraus. Herausgeber war das Marx-Engels-Lenin-Stalin-Institut beim ZK. Wilfried Lübeck zitiert aus dem letzten Satz: „Unter dem Banner unserer Partei - dem Banner von Marx, Engels, Lenin und Stalin - vorwärts zum IV. Parteitag.“ Der fand vom 30. März bis 6. April statt. Stalin starb 1953, wurde aber erst auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 als Diktator eingeschätzt und „verbannt“.