Wolmirstedt l Kuchen steht auf den Tafeln im Festsaal des Bürgerhauses – viel Kuchen. Der ist Pflicht, wenn zum Quasselcafé geladen wird, trotz der fortgeschrittenen Tageszeit, oder mindestens Kekse. So wurde es schon beim ersten Quasselcafé am 15. Oktober 2015 gehalten. Seither kommen jeden Donnerstagabend Menschen zusammen, die schon immer hier leben und solche, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Anfangs knisterte das Fremdeln, längst ist der Umgang locker. Was ist passiert? Yazan, Zico und Ammar erzählen.

Alle drei sind auf Wunsch ihrer Eltern aus Syrien weggegangen, bevor sie zum Militärdienst eingezogen wurden, und sie wollten auch selbst gehen. „Sonst hätte ich auf andere schießen müssen“, sagt Ammar Kikhia. Er ist 21 Jahre alt und 2016 geflüchtet, landete nach einer Odysee schließlich in der Wolmirstedter Gemeinschaftsunterkunft in der Schwimmbadstraße. Die hatte der Landkreis im Zuge der sogenannten Flüchtlingswelle höchsteilig eröffnet. Damals konnte Ammar kein Deutsch, aber ihm war immer klar: „Wenn ich die Sprache kenne, kann ich alles schaffen.“

Sprache als Türöffner

Also hat er das Quasselcafé in Wolmirstedt und das Sprachcafé in Magdeburg besucht, außerdem Integrations- und Deutschkurse. Er strahlt: „Gestern habe ich mein B2-Zertifikat erhalten.“ Das bescheinigt, Ammar kann die deutsche Sprache selbstständig anwenden.

Der 26-Jährige Yazan Mahboub Alhara spricht Deutsch sogar auf Muttersprachler-Niveau. Er war in Damaskus zu Hause, lebt nun in Magdeburg und nutzt jede Gelegenheit, unter Leute zu kommen. Das Wolmirstedter Quasselcafé ist nur ein Anlaufpunkt, er organisiert leidenschaftlich gerne Veranstaltungen.

Von Einsamkeit und Beleidigungen

Sein neuestes Projekt heißt „Die Reise nach Wohnzimmer“. Dabei laden Privatpersonen in ihre Wohnzimmer ein, kochen und erzählen ihre Familiengeschichten. Zu seinem Freundeskreis gehören viele junge Leute, die aus anderen Ländern stammen und so wird aus der „Reise nach Wohnzimmer“ schnell eine imaginäre Reise nach China, Russland oder die Niederlanden. Das Beste daran: Niemand muss dafür Sachsen-Anhalt verlassen. Yazan arbeitet außerdem als Bufdi, leistet Integrationshilfe, dolmetscht und ist Hausmeister. Sein erstes Projekt war jedoch ein Theaterstück.

Theaterspielen hat Zico, den dritten im Bunde, gerettet. Aus der Einsamkeit, der Anonymität. Zico heißt eigentlich Ahmad Zakaria Yumaa, doch syrische Namen wandern nur schwer in hiesige Köpfe. Der 22-Jährige redet viel und genießt das. „Am Anfang war es ganz schlimm. Ich konnte niemandem erzählen, was mir passiert war. Ich hatte Angst, mich in der Stadt zu verlaufen. Ich wurde beleidigt und konnte nicht zurückbeleidigen. Mir fehlten die Vokabeln dafür.“

Zwischen Studium und Ausbildung

Deshalb hat Zico zuerst die Schimpfwörter gelernt, aber eigentlich wollte er ankommen. Das dauerte ewig, beinahe zu lange. Nach fast einem Jahr hat er Kontakt zur Magdeburger Freiwilligenagentur gefunden, entschied sich für eine Theatergruppe, immer noch ohne deutsche Vokabeln im Kopf. „Ich bin reingekommen und habe gelächelt.“ Heute versteht er die Sprache nahezu perfekt und erzählt im Quasselcafé auf der Schlossdomäne lustige Anekdoten vom Anfang. „Ich wollte zum Frühstück Flughafen haben.“ Flughafen, soso. Erst als er im Supermarkt darauf zeigte, wurde klar: Er frühstückt keinen Flughafen, sondern doch lieber Haferflocken.

Je mehr Worte er konnte, um so besser lernte Zico andere kennen, spielte mit ihnen Gitarre oder probierte beim Parcour waghalsige Sprünge. Die Lust, jemanden zu beleidigen, ist schon lange verflogen. Er wünscht sich, ab Herbst zu studieren. „Nicht Bauwesen, wie mein Vater es will.“ Es zieht ihn zur Pädagogik. Im Juni 2018 will er den Sprachtest für die Uni ablegen. Auch die anderen beiden haben ihr Ziel klar vor Augen. Der umtriebige Yazan sehnt sich nach einer Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann, Ammar hofft auf einen Arbeitsvertrag, am liebsten in dem Steindesignbetrieb, in dem er gerade ein Praktikum als Steinmechaniker absolviert.