Groß Ammensleben l Im Jahr 1919 lag Deutschland am Boden. Nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs mit der Unterzeichnung der Waffenstillstandsvereinbarungen am 11. November 1918 gab es Verwerfungen in allen Lebensbereichen. Viele Familien haben ihre Väter und Brüder auf den Schlachtfeldern verloren. Zwischen Rhein und Memel grassierte teils große Armut und Hungersnot. Es fehlte an den wichtigsten Lebensmitteln.

Im Juli 1919 verabschiedete die damalige Nationalversammlung das Reichsgesetz „Kleingarten- und Kleingartenpachtlandordnung“. Damit wurden die Gemeinden beauftragt, Dauerkleingärten zu schaffen. Auch wenn es vereinzelt sogenannte Klein- oder Schrebergärten, nach dem Leipziger Arzt Daniel Gottlob Moritz Schreber, schon gab: Die Geburt der deutschen Scholle war eingeleitet.

32 Männer gründen ersten Schollenverein

Nur ein halbes Jahr später finden sich auch in Groß Ammensleben zunächst rund 30 Interessenten, um ein Stück Land zu bewirtschaften, das der Staat im Interesse der Volksernährung abgeben musste. „So begann die Geschichte unserer Schrebergärten. Am 13. Dezember 1919 haben 32 Männer die Vereinigung ‚Gartenbau- und Kleintierzuchtverein Grossamensleben’ gegründet. Das war vor 100 Jahren“, erklärt Ulrich Simon. Er führt bereits seit dem Jahr 1984 als Vorsitzender die Geschäfte der „Kleingartenanlage 1919“ in Groß Ammensleben. „Vieles, was ich heute weiß, ist auch unserem langjährigem Mitglied Armin Bartz zu verdanken“, sagt der Vereinschef gegenüber der Volksstimme. Ein Großteil historischer Unterlagen aus der Geschichte der Kleingärten in Groß Ammensleben ist während einer Havarie verloren gegangen.

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Zunächst wurde den Kleingärtnern Anfang der 1920er Jahre eine Fläche an der Magdeburger Straße zur Verfügung gestellt. Im Jahr 1925 – mit der Insolvenz der Zuckerfabrik ein Jahr zuvor – entstand hier die Kolonie 1 des neugegründeten Kleingartenvereins. Das Gelände wurde von der Gemeinde gepachtet. Auch die Areale östlich der Haldensleber Straße, die Kolonien 2 und 3 sowie die Kolonien zwischen der Bahnlinie und der Magdeburger Straße konnten in den 1920er Jahren gepachtet werden. Lediglich die Fläche der jetzigen Kolonie 4a wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Beschlag genommen. „Laut Satzung von 1920 betrug die Eintrittsgebühr eine Reichsmark und der monatliche Beitrag 20 Pfennige. Der Monatsverdienst eines Arbeiters betrug damals rund 40 Reichsmark“, erklärt Ulrich Simon.

Die Satzungen von 1920 und 1925 bestimmten das unpolitische Vereinsleben in der Weimarer Republik bis Januar 1933. Dann kam der erste gravierende Einschnitt: „Denn im Jahr 1934 ist der Verein in den ‚Reichsbund für Kleingärtner‘ politisch gleichgeschaltet worden. Er besaß entsprechend seiner Einheitssatzung eine ernährungs- und bevölkerungspolitische sowie erzieherische Bedeutung. Der Vorsitzende hieß jetzt Vereinsführer“, berichtet Simon weiter.

Vereinsprotokolle aus der Nachkriegszeit sprechen von einer teils verzweifelten Lage unter den Mitgliedern. Bis zu 15 Personen pro Jahr standen auf der Warteliste für einen Kleingarten. Dauerprobleme waren materieller Art. So fehlte es an Maschendraht, Gartengeräten, Baumaterial für Lauben, Ställe und Volieren sowie an Kunstdünger und Schädlingsbekämpfungsmitteln.

Tonnenweise Obst an den Staat verkauft

Als Lichtblick der Nachkriegszeit bezeichnet der Vereinsvorsitzende die jährlichen Vereinsvergnügen ab 1957 wie den „Rosenball“ oder kulturelle Ausfahrten. In den 1960er und 1970er Jahren, so berichtet der Ulrich Simon weiter, ist viel Obst und Gemüse an den sozialistischen Großhandel abgegeben worden. „Im Jahr 1972 verkauften wir 300 Kilogramm Zwiebeln, 800 Kilogramm Kirschen, 8400 Kilogramm Äpfel, 400 Kilogramm Johannisbeeren und 4000 Kilogramm Pflaumen. Damit hatten wir die abgegebene Wettbewerbsverpflichtung für die zu erntende und abzugebende Menge sogar überboten.“ Übrigens: Auch noch im Jahr 1986 mussten sich die Kleingärtner verpflichten, auf 100 Quadratmetern ihrer gepachteten Fläche 130 Kilogramm Obst und Gemüse zu ernten.

Ein weiterer Einschnitt erfolgte im Jahr 1967. Wegen des Baus der Umgehungsstraße, der heutigen Bundesstraße 71, mussten 28 Gärten aufgegeben und 44 Gärten neu vermessen werden. Bis heute durchschneidet die Schnellstraße regelrecht die Kolonien im Norden sowie im Süden Groß Ammenslebens. Ein Einspruch des Vereinsvorstands, die Route an den Ortsrand zu verlegen, sei aus Kostengründen abgelehnt worden.

Ein nächster Einschnitt erfolgte dann in der Nachwendezeit. Das Bewirtschaften der eigenen Scholle trat für viele mehr und mehr in den Hintergrund. Die Anlage hat aktuell mit großem mit Leerstand zu kämpfen. Die Altersstruktur der Mitglieder bewegt sich derzeit zwischen 51 und 70 Jahren. „In der Altersgruppe von 21 bis 40 Jahren haben wir keine zehn Mitglieder“, hebt der Vorsitzende den Ernst der Lage hervor. Allein ab dem Jahr 2016 sind laut Simon 32 Gärten von insgesamt 178 Parzellen aufgegeben worden.

Und nun geht es der Kolonie 1 im Süden von Groß Ammensleben an den Kragen: Denn auf dem Gelände östlich der Magdeburger Straße wird ab dem kommenden Jahr das neue Feuerwehrgrätehaus gebaut. Schon seit Jahren wurde geplant, diskutiert und wieder verworfen. Auch ein Standort auf dem Gelände der nördlichen Kolonien war im Gespräch. Doch nun steht fest: Die Kolonie 1, den Beginn der Schollengeschichte von Groß Ammensleben, wird es künftig nicht mehr geben. Die Pachtverträge auf dem fast 14 Hektar großen Gelände enden zum 31. Dezember 2019, „ohne Zank und Streit“, wie Ulrich Simon betont. Im Prinzip komme dem Verein die Verkleinerung der Gesamtfläche vor dem Hintergrund des aktuellen Gartensterbens gerade recht.

Viele Pächter müssen umziehen

Betroffen ist auch Susanne Klinder. Schon seit Jahren betreibt die Ehefrau und Mutter eine Scholle in der Kolonie 1. Weil ihr Pachtvertrag im Dezember endet, musste sie und ihre Familie einen Garten in einer der nördlichen Kolonien beziehen. „Das macht viel Arbeit. Wir sind jetzt schon seit Mai dabei, hier in unserem neuen Domizil Ordnung zu schaffen“, sagt sie. Heute sei sie hier, um das Futter an den Vogelkästen aufzufüllen. Gemüse wolle sie ab dem nächsten Frühjahr anbauen. Dazu sei sie in der vergangenen Saison nicht gekommen. „Wir mussten hier erstmal entrümpeln“, sagt sie weiter. Doch viel habe sie und ihre Familie bereits geschafft, „eine kleine Oase ist es schon.“ Nun freue sie sich auf eine gute Zukunft in ihrem neuen Kleinod.

Für den bahnseitigen Teil der Kolonie 1, also dem westlich an die Bahnlinie angrenzenden Areal, kommt das Aus, wenn auch schrittweise. So werden für jene Parzellen keine neuen Pachtverträge mehr geschlossen. Allerdings können bisherige Pächter aufatmen: Ihre Verträge werden nicht gekündigt.