Wolmirstedt l Die Europäische Chemikalienagentur (Echa) hat der EU-Kommission den Vorschlag unterbreitet, Farben zu verbieten, welche die Pigmente „Blau 15“ und „Grün 7“ enthalten. Als Grund wird eine Untersuchung des Bundesinstituts für Risikobewertung angeführt, die über drei Jahre lief und belegt habe, dass sich Farbpigmente in Nanopartikelgröße in Lymphknoten dauerhaft festsetzen.

Die Nennung dieser Pigmente in den Tattoofarben hat den Deutsche Tattooverband auf die Barrikaden gebracht, und auch zahlreiche Tattoo-Künstler landauf und landab. Eine Folge des Verbots wäre, dass zwei Drittel aller Farben nach nicht mehr verwendet werden dürfen. Für die Künstler und ihre Kunden wäre das schlichtweg eine Katastrophe.

Der 23-jährige Julian Sell betreibt in Wolmirstedt das „Beauty and Beast Tattoo-Studio“ und sagt dazu: „Das ist in meinen Augen völliger Schwachsinn, eine dreijährige Studie ist keine Langzeit-Beobachtung.“

Er hat sich mit dem Thema beschäftigt, da ihn auch schon seine Kunden angesprochen haben.

Immer ein Hautkrebsrisiko

„Es ist überhaupt nicht zu vermitteln, warum diese zwei Pigmente nun schlimmer sein sollen als andere“, sagt Sell. Jeder Kunde wisse ohnehin, dass mit einem Tattoo auch immer ein Hautkrebsrisiko verbunden sei. Dabei sei die Farbe völlig egal, ein gewisses Risiko gebe es immer. „Letztendlich entscheiden die Menschen eigenverantwortlich“, betont der Künstler. „Was da die Politik jetzt eingreifen will, verstehe ich nicht.“ Außerdem werden Pigmente erst dann in Nanopartikelgröße zerlegt, wenn ein Tattoo „weggelasert“ wird. „ Darüber habe ich mich ganz genau informiert, da ich einen solchen Service anbieten wollte“, sagt er. „Das hat sich aber erledigt, da das ab 2021 nur noch Ärzte machen dürfen.“ Allgemein werde angenommen, dass so ein Tattoo per Laser weggebrannt wird. „Das ist aber nicht so“, sagt Sell. „Der Strahl schießt auf das Pigment und zerlegt es. Die Farbe bleibt weiterhin in der Haut, sie verblasst lediglich.“

Die von den Studios verwendeten Farben seien ohnehin alle geprüft und zertifiziert. „Das sind wir als Tätowierer schon unserem Renommee schuldig“, betont Julian Sell. „Sicher gibt es irgendwelche Billigfarben aus China. Damit arbeiten wir aber nicht. Darauf vertrauen unsere Kunden und außerdem wird das auch kontrolliert.“ Er und Matthias Ebert vom Joker-Tattoo-Studio in Wolmirstedt wären ohnehin eher weniger von einem Verbot der genannten Pigmente betroffen, da sie beide hauptsächlich mit Schwarz und Grau (Black‘n‘Grey) arbeiten.

Dennoch wird das Thema in der Szene heiß diskutiert. Eine Online-Petition gegen das Verbot hat deutschlandweit innerhalb kürzester Zeit 150 000 Unterzeichner gehabt. Kein Wunder, über 20 Prozent aller Deutschen sind tätowiert.

Matthias Ebert hat von dem geplanten Verbot von einem Kunden erfahren. „So etwas regt mich auf“, sagt er. „Was wollen die uns denn noch alles verbieten. Unsere Tätigkeit wird ohnehin schon stark reglementiert und wir arbeiten absolut klinisch sauber.“ Ein Verbot der Farben grenze schon an das Beschneiden des Persönlichkeitsrechts. „Da müsste man die Solariumsnutzung und das Rauchen von Tabak oder E-Zigaretten ebenso verbieten“, wirft Julian Sell dazu ein.

Ausgaben werden nicht ersetzt

Warum es nun gerade einmal wieder gegen die große Tattoo-Szene gehen soll, verstehen Beide nicht. „Dabei würde es doch viel sinnvoller sein, mehr darauf zu achten, was in Lebensmitteln eigentlich so drin ist“, sagt Ebert. Eine Hygiene-Kontrolle hat das Joker-Studio gerade hinter sich. Dabei müssen die Tätowierer immer eine ungeöffnete Farbflasche für einen Test mitgeben. „Die Ausgaben vom Kauf ersetzt niemand“, betont Matthias Ebert.

Den Vorgang findet Sandra Appelt, ebenfalls im Joker-Studio tätig, nicht so verkehrt. Sie tätowiert seit sieben Jahren und macht schon 17 Jahre Piercings. „Bei dem Test geht es darum, die schwarzen Schafe herauszufiltern, die ihre Farben panschen“, erklärt sie. „In bekannten Studios wäre so etwas schlichtweg undenkbar, da keiner das Vertrauen der Kunden enttäuschen will.“

Eingriff in Entscheidungsfreiheit

Jenny Schuckies aus Zielitz lässt sich an diesem Tag von Matthias Ebert ein Tattoo bearbeiten. „Ich weiß, worauf ich mich einlasse, und Farben von oben herab zu verbieten, ist nicht gut. Das ist ein Eingriff in die Entscheidungsfreiheit der Menschen“, befindet sie.

Die 17-Jährige Lea Marie hat sich auch schon ein Piercing machen lassen. „Wenn ich mein erstes Geld verdiene, dann will ich auch ein Tattoo haben“, sagt sie selbstbewusst. „Das ist dann meine Entscheidung. Ich entscheide, was ich mit meinem Körper machen lasse. Über die Risiken sollte man die Leute allerdings schon aufklären.“