Zerbst l „Haben Sie schon unsere Wurst gegessen?“, fragte der Zerbster Fleischer den Schriftsteller am Bahnhof von Güterglück. „Die Wurst vergisst man nicht! Schon wegen der Zwiebeln. Dann haben Sie vielleicht gar auch noch kein Zerbster Bitterbier getrunken? Sie kennen ja die besten Sachen nicht, fahren Sie nach Zerbst und tun Sie sich’s an! Die schönste Stadt!“

Der seinerzeit vielgelesene Berliner Reiseautor Karl Emil Franzos (1848–1904) ließ sich überzeugen und unterbrach kurzerhand seine geplante Fahrt nach Wörlitz für zwei Tage, um Zerbst zu besichtigen – und zeigte sich in seinem Bericht, den er später unter dem Titel „Von einer verschollenen Fürstenstadt“ veröffentlichte, überrascht: Zerbst sei „in seiner stillen Art ein guter, alter, anheimelnder Raritätenkasten“, sauber und architektonisch sehenswert wie kaum eine andere deutsche Stadt. Besonders begeistert zeigte sich Franzos von dem Rathaus, dem freistehenden Glockenturm von St. Bartholomäi und dem Schlossplatz: „Läge dieser Platz nicht in Zerbst, wie oft wäre er schon gemalt und nun gar photographiert“, war sich der Schriftsteller sicher. Und auch das Schloss: „Wir haben in Deutschland schönere Schlösser aus derselben Zeit, aber kaum eines, das imponierender wirkte. Mir wurde ganz märchenhaft zumute.“

Traumhaftes Zerbst

Überhaupt regte die Stadt sehr zum Träumen an, wie der Schriftsteller feststellte: „Man kann mehrere Minuten lang dahinwandeln, ohne aus der Täuschung gerissen zu sein, man sei in Nürnberg oder Rothenburg, bis sich Häuser dazwischenschieben, wie man sie dort nicht findet: Barockbauten, hübsch und stattlich, Spuren höfischen Glanzes, kleine Palais. Wer hier nicht wenigstens auf Minuten sein 20. Jahrhundert ganz los würde, müsste ein Mensch ohne Phantasie und Stimmungsfähigkeit sein“, rühmte Franzos.

Sein Reisebericht bietet nicht nur einen Einblick in das Zerbst der Kaiserzeit, sondern stellt auch die Bewohner der Stadt vor: Ein Fleischer, der die aus Zerbst stammende Zarin Katharina die Große vertraulich „Kathrin“ nennt und ihr 30 Ehemänner andichtet. Der Sattler, der die Zwiebeln aus Calbe verflucht, weil sie bekannter, aber natürlich nicht besser als das Zerbster Gemüse seien. Der Kastellan, der seine Bildungslücken mit dem Ausspruch „Das wurde nicht überliefert“ kaschiert. Da ist der Gemüsebauer aus Ankuhn, der trotz schwerer Stiege stolz durch die Gassen führt, da der Wachsoldat mit Pickelhaube, der freundlich den Weg zeigt. Polizisten zerbrechen sich die Köpfe, wie der Tourist auch am Samstag in das Stadtmuseum zu bringen wäre und Straßenjungen tragen bereitwillig Gepäckstücke zum Gasthof. Den Jüngsten von ihnen fragte Franzos nach dem Vater, worauf der Junge zu weinen begann und weglief. „Mutter sagt’s nicht“, rief er noch und der Autor beschloss: „Mein Lebtage will ich kein Kind mehr nach seinem Vater fragen.“

Gemeinsinn, Gastfreundschaft und Gemütlichkeit würden die Zerbster prägen, stellte beeindruckte Franzos fest. Nur eines irritierte ihn bei seinem Besuch: die große Zahl der Kneipen. „Alle Wetter, was müssen die für einen Durst haben!“, staunte er und zählte 44 Gasthöfe, 18 Wein- und 90 Bierstuben auf – bei 17 000 Einwohnern, von denen, wie Franzos vorrechnete, die Frauen „doch nur ausnahmsweise mitkneipen“ und von den Männern fast die Hälfte „noch nicht oder nicht mehr ins Wirtshaus gehen“ könne. Am Ende kam Franzos auf 37 Gäste pro Wirt, „die müssen dann natürlich durch Eifer ersetzen, was an der Zahl fehlt.“

Zuletzt wagte er sich selbst an die vielgelobten Zerbster Gaumenfreuden, Bier und Wurst. Sein Urteil: „Brägenwurst ist gut; Bitterbier ist sehr gut. Brägenwurst will ich gern essen, wenn ich wieder einmal nach Zerbst komme, aber Bitterbier möchte ich auch in Berlin trinken.“