Stellen Sie zum ersten Mal in Zerbst aus?

Griesel: Ja, das erste Mal.

Sie malen hauptsächlich, in Zerbst werden wir aber Grafiken sehen.

Ja, das stimmt. Es ist die erste Ausstellung, bei der nur grafische Arbeiten gezeigt werden.

Wie kommt das?

Ich zeige einfach Dinge aus den vergangenen 25 Jahren.

Was werden wir sehen?

Holzschnitte, Lithografien, Zeichnungen, Ideenskizzen. Grafische Techniken, in denen ich mich ausdrücken konnte habe ich dann meist auch mit den ihnen entsprechenden Themen abgeschlossen. Ich habe mich in den Jahren von 1989 bis 1992, circa drei bis vier Jahre vorwiegend mit dem Holzschnitt, also einer expressiven Ausdrucksweise bedient und so weiter.

Das heißt, wir werden in Zerbst etwas sehen, was es bislang noch nicht zu sehen gab?

Ja. Die Ausstellung heißt ja auch „Objet trouvé“. Diesen Ausdruck habe ich gewählt, weil er der Erwartung des Begriffs „Ready-made“ nicht entspricht. Zudem hat der amerikanische Begriff auch eine andere Nuance, obwohl die Übersetzung das gleiche bedeuten: das Fundstück, das Vorliegende. Für mich gibt es zwei wichtige Positionen der Moderne. Zum einen Kasimir Malewitsch mit dem Schwarzen Quadrat auf weißem Grund, sich auf die Überhöhung ,das Supremat beziehend, den Suprematismus begründend. Diese Position überbietet die Möglichkeit der Erkenntnis. Und dann gibt es die des Marcel Duchamp, das Ready-made.

Wie viel malen Sie denn eigentlich?

Das ist eine gute Frage. Ich versteh mich nicht als Handwerker. Ich male nicht täglich ein Bild, sondern ich habe in erster Linie Themen. Wenn ich die Themen ausgearbeitet habe, bin ich oft flüssig im Arbeiten. Bis es dazu kommt, dauert es schon eine Weile. Es sind Zyklen von fünf bis zehn Jahren. Vieles läuft parallel.

Was ist Ihnen bei den Bildern wichtig?

Nicht jedes Bild ist für jeden lesbar, oftmals beziehen sich meine Bilder auf Themen der Kunstgeschichte. Unter der delikaten Oberfläche beziehungsweise im Titel des Bildes verbirgt sich meist noch ein anderer Gehalt. Ein verbreiteter Irrtum übrigens ist, dass man in der Kunst alles kennen müsste. Das ist unmöglich.

Eine Tiefe ist also Ihr Anspruch?

Ja. Ein Bild ist eigentlich dafür da, das es den Käufer ein Leben lang beschäftigt. Das sind dann natürlich auch seine Gedanken, welche er mit hineinlegt. Ein Bild ist wie ein Buch. Aber sie müssen selbst drin blättern. Das kann ich Ihnen nicht abnehmen. Und Sie lesen dann nicht in mir, sondern in sich selbst. Das Bild ist nur die Tür.

Das heißt, es gibt gar nicht „die eine“ richtige Interpretation?

Bereits der Begriff der Interpretation setzt die Mehrdeutigkeit voraus, ich gebe das Bild sprachlich frei, jedoch die Intention liegt bei mir. Natürlich gebe ich vor, was ich gedacht habe. Wenn der Andere anders liegt, dann liegt er eben anders. Es liegt mir nicht daran, den Anderen zu korrigieren. Bei einigen Bildern liegen auch mehr als 20 Jahre dazwischen. Ich muss mich wieder hineindenken. Die Ausstellung in Zerbst gibt mir die Möglichkeit vergangene Themen wieder zu vergegenwärtigen.

Wann wissen Sie, dass sie fertig sind mit einem Bild?

Wenn es verkauft ist (schmunzelt).

Fällt es ihnen schwer, ein Bild so loszulassen?

Ja. Mal mehr, mal weniger. Manchmal ist man froh, man fühlt sich dadurch entschuldet.

Ist es Glück für Sie, der Neuen Leipziger Schule anzugehören?

Ich hab mich mit dem Begriff sehr schwer getan. Weil wir alle sehr unterschiedlich sind. Ich hab mich erst später, 2006 oder 2007, wieder dazu bekannt. Wir sind durch dieses Nadelöhr gegangen. Wir hatten unterschiedliche Befindlichkeiten, aber es gab auch einen gewissen Konsens, als ginge man durch einen gemeinsamen Ort. Dann trennen sich die Wege. Und wenn man älter ist, kommt die Rückbesinnung.

Haben Sie gehofft, dass Sie von der Malerei leben können?

Das hab ich nicht gehofft, das hab ich gewusst. Das war mir mit 15 klar. Um erfolgreich zu sein, muss man durch, sich nicht ablenken lassen. Das gelingt einem nicht, wenn man das nicht als Vorgabe für sich festgelegt hat.

Sind Sie ein Workaholic?

Ja, kann man so sagen. Teilweise bin ich um 7 Uhr aufgestanden und um 2 ins Bett gegangen und habe davon die meiste Zeit gearbeitet. Es war einfach notwendig. Ich hab meistens im Atelier geschlafen.

Müssen Sie sich zu Pausen zwingen?

Früher schon. Man war extrem euphorisch, innerlich angespannt. Jetzt arbeite ich viel technischer. Ich verwende ein Lineal, ich zeichne vor, das lehnte ich früher ab. Das Prinzip war ja das Spontane, das Immer-wieder-Übermalen, das Gegen-die-Technik-Übermalen. Da wurde tagelang einfach nur Farbe aufgetragen. Es gibt einen Prozess, wo die Brillanz der Farbe umkippt. Wenn man die Heisig-Bilder ansieht, kann man dies sehen. Es ist immer diese Erinnerung an das Brillante. Wenn die Farbe frisch ist, ist sie brillant. Am nächsten Tag ist die Bilanz in der Leinwand verschwunden, sie ist weg, eingetrocknet. Und diesen brillanten Zustand will man immer wieder erreichen.

Sie leben in Straguth, was hat sie hier her geführt?

Das Grundstück hier habe ich 1999 gekauft. In Leipzig hatte ich zwei Ateliers, eines im Specks Hof und eines im Barfußgässchen. Und dann hatte ich noch dieses Anwesen hier. Teilweise habe ich mitgebaut, den Garten bewirtschaftet. 2010 war das alles zu viel, also zog ich nach Straguth. Ich bin ja auch älter geworden. Den Hinweis auf das Gebäude erhielt ich durch den Kontakt mit Herrn Köhlmann. Von der Größe und der Höhe der Räume, der Abgeschiedenheit schien mir das damals sehr angenehm. Ich hatte mich auch bei Leipzig umgesehen, aber dort nicht das Passende gefunden.