Zerbst l Mit dem Markenzeichen „Servesta“ waren einst die Produkte versehen, die von Zerbst aus in alle Herren Länder exportiert wurden. Bis zu 80 Prozent des Weltbedarfs an Zahnbürsten beispielsweise produzierte die Zelluloidwarenfabrik zu Hochzeiten. Daneben gehörten Hemdkragen und Dauerwäsche, aber auch Sonnenschutzschirme für Tennisspieler und Krawattenhalter zum Fertigungssortiment.

Unterdessen stellten die Arbeiter bei Gorgass Kautschuk-Heftpflaster, Senfpapier und Migränestifte her, während die Seifenfabrik Sandkuhl ein Patent auf die „Jumbo“-Seife anmeldete. In den Holzbearbeitungswerken Carl Braunsdorf entstanden Fässer und Bottiche für die chemische Industrie, bei Meinecke derweil Semmel- und Bröselmaschinen und andere nützliche Helfer für das Backhandwerk – von der Entwicklung der Kartoffellegemaschine für die Landwirtschaft mal ganz abgesehen.

„Die Ausstellung zeigt, wie vielschichtig die Industrie in Zerbst war und welche Nischen gefunden wurden“, erklärt Ines Hildebrand. Die Archivarin hat die Fakten zu acht einst sehr erfolgreichen Firmen zusammengetragen, die seit dem Wochenende in der ehemaligen Köllingschen Essenzen-Fabrik in Text und Bild präsentiert werden. Und damit an jenem Standort, an dem früher Fruchtsaftessenzen als Grundstoffe für Limonaden und Liköre hergestellt wurden.

Zerbster Innovationen

„Ich war überrascht, was es alles für Innovationen in Zerbst gab“, gesteht Stephanie Kölling. Sie ist nicht nur Urenkelin des Firmengründers, sondern ebenfalls Vorsitzende des Vereins „Essenzen-Fabrik Zerbst“. „Vor gut einem Jahr haben wir überlegt, was wir 2016 machen, und da wir uns in einer alten Fabrik befinden, haben wir uns gedacht, wir beschäftigen uns mal mit der Zerbster Industrie“, erläutert sie am Sonnabend bei der Vernissage.

Ines Hildebrand tauchte dazu in die öffentlich zugänglichen Quellen ab – ins Museum der Stadt, ins Stadtarchiv, in den Zerbster Heimatkalender und auf die Internetseite „Alt-Zerbst“. Aber auch in der Dessauer Abteilung des Landesarchivs Sachsen-Anhalt – ihrer Arbeitsstelle – wurde sie fündig. Historische Ansichten unter anderem von damaligen Werbeanzeigen veranschaulichen den Blick in die Industriegeschichte. Ihnen gegenübergestellt sind heutige Ansichten der einst wirtschaftlich so erfolgreichen Standorte.

Einzelne Gebäude zeugen bis heute von den nicht mehr existenten Fabriken, zu denen Ines Hildebrand gern mehr erfahren möchte. „Wir würden uns freuen, wenn noch Nachfahren auftauchen oder sich Zerbster melden, die etwas zu den Unternehmen erzählen können“, sagt die Archivarin. Die Ergebnisse könnten in eine weitere Ausstellung einfließen. Denn das Thema ist spannend und Ines Hildebrand spürbar begeistert – selbst als Nicht-Zerbsterin. Vor allem staunt sie über die hier produzierten Zahnbürsten mit Schweineborsten.