Zerbst l Sarah Hellwig wirkt sichtlich begeistert, als im Telefongespräch mit der Volksstimme das Thema auf den Bürgerrat fällt. „Das Ganze fing an, als mein Papa einen Brief aus dem Briefkasten für mich rausgesucht hat“, berichtet die 19-Jährige. „Als ich am Abend die Post geöffnet und irgendwas von Bürgerrat gelesen habe, dachte ich erst an einen Fake-Brief.“

In der Tat haben noch nicht viele Bürger Kenntnis von diesem Gremium gehört, das auch „Mini-Deutschland“ genannt wird. Der Bürgerrat wurde 2019 zum ersten Mal in Leipzig veranstaltet. 160 Bürger der Bundesrepublik sollen direkt Einfluss auf die Politiker und deren Entscheidungen in Berlin ausüben. Aber wo vor zwei Jahren noch Konferenzen von Angesicht zu Angesicht abgehalten wurden, ist dies in Zeiten der weltweiten Corona-Pandemie nicht so leicht zu veranstalten. „Deswegen treffen wir uns an insgesamt sechs Mittwochabenden und vier Samstagen im Internet per virtuellem Meeting“, berichtet Sarah Hellwig weiter.

160 Teilnehmer lernen sich kennen

Die 160 Teilnehmer, die per Losverfahren aus ganz Deutschland ausgewählt wurden, trafen sich erst einmal im Vorfeld zu einer Art Kennenlernrunde in sogenannten Reisegruppen. Eine der Teilnehmerinnen ist Sarah Hellwig. „Eigentlich wären wir auch zu bestimmten Orten gefahren. Allerdings ist das in diesem Jahr nicht möglich“, so die angehende Erzieherin.

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Innerhalb der rund 30-köpfigen Gruppen sind außerdem Moderatoren des Veranstalters, des Vereins „Mehr Demokratie“, welche die zu diskutierenden Themen im virtuellen Konferenzraum vorschlagen. Themenfelder sind beispielsweise die nachhaltige Entwicklung der Außenpolitik, Wirtschaft und Handel, Frieden und Sicherheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und ganz allgemein die Europäische Union. Der Inhalt der einzelnen Sitzungen ist noch geheim. Allerdings gehe es inhaltlich in der Reisegruppe von Sarah Hellwig um Deutschlands Rolle in der Welt und bestimmte Außenpolitische Situationen und Positionen. „Mehr darf ich nicht verraten“, sagt sie mit einem Lachen in der Stimme.

Viel in politische Themen eingelesen

Bevor der unverhoffte Brief im Briefkasten der Zerbsterin landete, interessierte sie sich nach eigenen Aussagen eher weniger für politische Themen. „Nachdem ich den Brief geöffnet hatte, habe ich im Netz erstmal nach dem Begriff gegoogelt. Seitdem habe ich mich viel in politische Themen eingelesen und begeistere mich immer mehr für diese Sachverhalte.“

Genau dies spiegelt die Intention der Veranstaltung wieder. Die Bürger sollen durch direkte Mitsprache die Geschicke ihres Landes ein kleines bisschen mit lenken können. 2021 sind insgesamt 84 zufällige Gemeinden ausgelost worden, darunter auch Zerbst. „Wir sind ein bunter Haufen. Viele verschiedene Personen sind in den jeweiligen Reisegruppen. Ich denke, dass ist auch gut so, weil so unterschiedliche Meinungen diskutiert werden“, so Hellwig. Im März dieses Jahres sollen die Ergebnisse des Bürgerrates Demokratie, so der vollständige Name, den einzelnen Bundestagsfraktionen vorgelegt werden. Wie sehr diese sich dann vom Fazit des Bürgerrates beeinflussen lassen, ist natürlich offen. Wenn es nach den Initiatoren geht, soll es in Zukunft immer mehr Bürgerräte, auch regional geben. Dies stärke die direkte Demokratie gerade bei lokalen Themen.

Nach Bürgerrat folgt eigene Wohnung

Nach dem Abenteuer Bürgerrat startet für Sarah Hellwig in den nächsten Wochen sogar noch eine weitere Herausforderung: Die erste eigene Wohnung ruft!