Zerbst l In gerade einmal zwei Jahren soll in Zerbst zu 100 Prozent „grüner“ Wasserstoff (H2) produziert werden. Heißt: Zur Herstellung wird ausschließlich Strom aus Windenergie genutzt. Dazu sollen auf Teilen der ehemaligen Rieselfelder sieben neue Windräder gebaut werden. Dabei spielen die DHW (Deutsche Hydrierwerke) GmbH Rodleben eine zentrale Rolle, denn die werden die Abnehmer des Wasserstoffs sein.

Chris Döhring, Geschäftsführer der Getec green energy, und Frank Hybotter, Betriebsleiter Energie beim DHW haben das Großprojekt in der vergangenen Woche auf einer Sitzung des Bau- und Stadtentwicklungsausschusses auf dem Flugplatz vorgestellt.

Energiebezogene Leistung soll verbessert werd

Das DHW produziert Zuckeralkohole, Fettalkohole, Fettamine und verschiedene hochwertige Spezialitäten. „Bei dieser Herstellung sind energieintensive Verfahren notwendig. Unsere Energiepolitik hat das Ziel, die energiebezogene Leistung unseres Unternehmens kontinuierlich zu verbessern“, betonte Hybotter.

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Rund vier Millionen Normkubikmeter (Nm³) H2 benötigt das Unternehmen in Rodleben für die Produktion, der bisher allerdings die Farbe grau statt grün hat. Grau heißt, der Wasserstoff wird aus fossilen Energieträgern hergestellt. „Das muss sich ändern“, erläutert Frank Hybotter vom DHW, „da bereits heute der ‚grüne Fußabdruck‘ auch bei uns eine erhebliche Rolle spielt.“

Produktion auf ehemaligem Militärflugplatz

Und da kommt der Zerbster Flugplatz ins Spiel. Denn die für den Energiepark Zerbst als Erweiterung angedachte Elektrolyse-Anlage zur Produktion von grünem Wasserstoff ist im zentralen Bereich des ehemaligen Militärflugplatzes geplant.

„Um die Elektrolyse-Anlage effizient mit grünem Strom versorgen zu können, sollte diese über kurze Stromtrassen mit den regenerativen Stromerzeugeranlagen verbunden werden“, erläutert Chris Döhring.

Sieben Windräder müssen errichtet werden

Gleichzeitig sei für den Preis des grünen Wasserstoffs und damit für die Wirtschaftlichkeit des Projektes wichtig, dass kein öffentliches Stromnetz tangiert wird, da andernfalls Abgaben und Umlagen den in der Elektrolyse eingesetzten Strom verteuern würden und so das Projekt unmöglich machen würden. „Um also ein wirtschaftliches H2-Projekt umzusetzen, müssen für den Betrieb der grünen Wasserstoffproduktion neue, regenerative Erzeugeranlagen errichtet werden – eben jene sieben Windräder“, so Döhring.

Eine zentrale Rolle spielen dabei die ehemaligen Rieselfelder, die trotz Schadstoffbelastung Teil eines Landschaftsschutzgebietes sind. Mehrfache Aufforstungsversuche sind in der Vergangenheit aufgrund der hohen Belastung gescheitert. „Hier finden bereits seit 2018 intensive Gespräche mit den Naturschutzbehörden statt, um die betreffenden Zonen aus dem Landschaftsschutzgebiet herauszulösen“, erklärt Dittmann. Die Signale dazu seien durchaus positiv.

Thema seit 2011 diskutiert

Das Thema ist nicht neu. Schon 2011/12 waren die Flächen zur Errichtung von Windrädern im Gespräch. „Die Rieselfelder grenzen unmittelbar an das ausgewiesene Eignungsgebiet für Windkraftanlagen und sind zudem städtische Flächen“, erläutert Döhring.

Außerdem gebe es einen Stadtratsbeschluss von 2018, der vorgibt, dass diese Flächen bei der zukünftigen Entwicklung erneuerbarer Energien vorrangig behandelt werden, nicht zuletzt, weil sich hieraus eine weitere wichtige Einnahmequelle für den kommunalen Haushalt ergibt.

17.500 Kubikmeter Trinkwasser notwendig

Und ohne Wasser geht bei der Produktion von Wasserstoff nichts. „Wir gehen von etwa 17.500 Kubikmetern Trinkwasser aus, die jährlich für die Anlage benötigt werden“, ergänzt Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD). Der Gesamtverbrauch in der Einheitsgemeinde liege bei etwa 1,4 Millionen Kubikmeter Trinkwasser im Jahr.

Allein die Firma Allfein verbrauche etwa 100.000, die Anhalter Fleischwaren 70 000 Kubikmeter Trinkwasser im Jahr, vergleicht Dittmann den Verbrauch und betont: „Da wir jetzt schon eine Diskussion über eine zu hohe Trinkwassergewinnung im Fläming haben, ist das ganze vorab mit Heidewasser und der Trinkwasserversorgung Magdeburg (TWM) geprüft worden. Wir können verlässlich sagen, dass das Wasser, das für diese Anlage benötigt wird, nicht zu Lasten der Wasserförderung im Fläming gehen wird.“ Das benötigte Trinkwasser komme über das zentrale Trinkwassernetz der TWM aus Colbitz und durch die Entnahme aus der Ohre. Das Wasserwerk Lindau produziere eine Grundlastversorgung, die konstant ist und nicht erhöht werden soll.

Regenerativer Strom für die Zukunft

Ein weiterer positiver Effekt: „Wir würden in die Lage versetzt, hier im Versorgungsgebiet einen 100 Prozent regenerativen Strom anbieten zu können, und was ganz wichtig ist, erstmalig auch zu wettbewerbsfähigen Preisen“, blickt Dittmann in die Zukunft. Man rechne mit einem Verkauf zum Börsenpreis von um die 3,5 Cent je Kilowattstunde. Das sei deutlich unter den Bezugskosten, die momentan möglich sind.

„Der Verbraucher könnte so weiterhin von attraktiven Stromtarifen profitieren. Je nach Netzentgelten und EEG-Umlagen im Zweifelsfall sogar unter den Tarifen, die jetzt angeboten werden, und es wäre zu 100 Prozent Grünstrom“, erklärt der Rathauschef.

Neue Gesellschaft soll gegründet werden

Eigens für dieses Projekt soll eine neue Gesellschaft gegründet werden, die, wie auch schon die Firmen Biomassehof, Bioraffinerie und die Windparks 1 und 2, dann auch ihren Sitz im Stadtgebiet haben wird „und damit – nicht ganz unwichtig – ein weiterer Steuerzahler für die Stadt ist“, erklärt Chris Döhring.

Und Döhring sieht weitere Vorteile: „Durch die Konzentration der Anlagen in diesem Gebiet wirken wir der Erweiterung der Windenergieflächen rings um die Stadt und in den Ortsteilen entgegen.“ So sichere man sich perspektivisch stabile Preise aus regenerativen Energien und verhindere eine verstärkte Beeinflussung des Landschaftsbildes im gesamten Stadtgebiet.

Kein Ort mit solcher Viefalt

„Schon jetzt deckt die Bioraffinerie auf dem Flugplatz durchschnittlich 25 Prozent des benötigten Gases in der Stadt ab“, macht Döhring deutlich. So sei auch die Erschließung weiterer Ortschaften mit Gas möglich. Außerdem biete Wasserstoff die Möglichkeit ,gemeinsam mit Partnern über Neuansiedlungen nachzudenken, beispielsweise im Bereich von Kraftstoff oder Brennstoffzellen. „Nach meinen Recherchen gibt es bundesweit keinen Standort, der eine solche Versorgungsvielfalt an erneuerbaren Energien bietet“, so Döhring. Hier sei die Stadt Zerbst durchaus Vorreiter und könne weitere Akzente setzen.

In den vergangenen Monaten habe es zu dem Großvorhaben bereits eine Vielzahl von Gesprächen, Gutachten, Planungen zwischen den Beteiligten aus Stadt, Landkreis und dem Land Sachsen-Anhalt gegeben, „mit uneingeschränkter positiver Unterstützung. Noch im dritten Quartal 2020 erfolgt die Einreichung wesentlicher Anträge zum Genehmigungsverfahren“, so Döhring. Der sich anschließende sehr ambitionierte Zeitplan solle den Produktionsbeginn von grünem Wasserstoff auf dem Zerbster Flugplatz im vierten Quartal 2022 ermöglichen.

Keine wirtschaftliche Nutzung des Sauerstoffs

Christiane Schmidt (Grüne) erkundigte sich nach den Abständen der neuen Windräder zur Wohnbebauung. „Alle sieben Windräder werden mehr als den geforderten Mindestabstand von einem Kilometer zur Wohnbebauung haben“, so Döhring (siehe Grafik).

Alfred Schildt (Linke) wollte wissen, ob auch der frei werdende Sauerstoff wirtschaftlich genutzt werden könne. Dies verneinte Döhring. „Momentan gebe es keine wirtschaftliche Nutzung für den Sauerstoff, der bei der Herstellung von Wasserstoff frei wird. Das kann sich zukünftig natürlich ändern“, erklärt Döhring.