Zerbst l „Schmetterlingsohr“, so hatte Lilly ihr linkes Ohr einst liebevoll getauft. Gemeint war jenes Ohr, was nicht so gut hören konnte und nicht so richtig zu dem auf der anderen Seite des Kopfes passte. Flüsterte ihr einer ihrer Klassenkameraden etwas ins Ohr, musste der allerdings auf der richtigen Seite neben Lilly sitzen, damit sie es verstanden hat.

Am meisten ärgerte die selbstbewusste Jugendliche aber eine Lehrerin. Die wusste von dem Ohr und fragte beim Unterricht ständig, ob Lilly alles mitbekam. Wenn Lilly heute von ihrem Schmetterlingsohr spricht, kann das Mädchen nur noch schmunzeln.

Fehlbildung seit Geburt

Die zwölfjährige Wittenbergerin lebte seit Ihrer Geburt mit einer sogenannten kombinierten Fehlbildung des linken Ohres. „Ohrmuschel und Hörgang waren bei Lilly nicht angelegt. So konnte der Schall nicht bis zum Innenohr vordringen, weshalb sie auf dem linken Ohr nur sehr eingeschränkt hören konnte“, sagt Dr. Roman Hirt, Oberarzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde in der Helios Klinik Zerbst/Anhalt. Der Hals-Nasen-Ohren-Facharzt ist spezialisiert auf solche Fälle.

Bilder

Diesen Zustand wollte Lilly nicht länger akzeptieren und hat sich für eine Operation entschieden. „Ich wollte das unbedingt, mich normal fühlen, normal aussehen und hören können. Ich habe zusammen mit Mama im Internet recherchiert welche Möglichkeiten es gibt“.

Bei der Ohrrekonstruktion spielt das Alter der Patienten eine wichtige Rolle. „Im Fall von Lilly war sie sich der Fehlbildung bewusst und hatte sich eine eigene starke Meinung für eine Ohrrekonstruktion gebildet. In meiner Sprechstunde haben wir zudem ausführlich darüber gesprochen“, so Hörspezialist Dr. Roman Hirt.

Bonebridge eingesetzt

Bei einer ersten Operation im Juli 2018 wurde Lilly eine sogenannte Bonebridge eingesetzt. Hierbei handelt es sich um ein Knochenleitungs-Implantatsystem, das aus einem extern getragenen Audioprozessor und einem chirurgisch unter der Haut positionierten Implantat besteht. Mit der Bonebridge wird der Schall mittels Knochenleitung direkt zum Innenohr übertragen, wo er wie normaler Klang verarbeitet wird. Im Oktober 2018 folgte eine weitere Operation in der Lilly drei Magneten implantiert wurden.

Im Gegensatz zu Cochlea-Implantaten (CI), die unter anderem bei ertaubten Menschen zum Einsatz kommen, deren Innenohr nicht richtig funktioniert, ist das Hören für Lilly natürlich und nicht elektronisch verzerrt. „Das liegt daran, dass Lillys Innenohr von der Fehlbildung nicht betroffen war und somit diese Art des Implantats in Frage kam“, erklärt der Mediziner.

Neue Hörmuschel

Seither kann sie nun auch ihre neue Hörmuschel tragen, die von einer echten nicht zu unterscheiden ist. „Vielen Patienten ist das Ästhetische fast wichtiger als das Hören selbst“, meint Hirt. Das betreffe vor allem die Altersgruppe, die gerade in eine weiterführende Schule gekommen sei.

Lilly bereut die Schmerzen, die mit den Operationen einher gingen nicht. „Ich freue mich wieder besser hören zu können, auch das Zuhören fällt mir jetzt leichter. Außerdem kann ich jetzt zum ersten Mal Zöpfe tragen und brauche mein Ohr nicht mehr zu verstecken“, freut sich das taffe Mädchen und ergänzt: „Ich möchte anderen Kindern und Jugendlichen, die mit einer Fehlbildung der Ohren leben müssen, Mut machen.“